Individuelle Untätigkeit während der Klimakrise: Die Verdinglichung
als Problem für das Social-Connection-Modell
Individual Inaction During the Climate Crisis: Reification as a
Problem for the Social-Connection-Model
ALINA KÜHNL, FRANKFURT AM MAIN
Zusammenfassung: Der vorliegende Text soll angesichts der
Verdinglichung von Marktprozessen eine neue Perspektive auf Youngs
Social-Connection-Modell erarbeiten. Als Ausgangspunkt dient das
Inkonsequentialismus-Argument: Demnach habe das Handeln von
individuellen Konsument*innen eine zu geringe Wirkmacht, um
Verantwortung für strukturelle Ungerechtigkeiten wie die Klimakrise zu
übernehmen.
Schlagwörter: Verantwortung, Verdinglichung, Entfremdung,
Social-Connection-Model, Inkonsequentialismus-Argument
Abstract: The present text aims to develop a new perspective
on Young's social connection model by focusing on the reification of
market processes. The starting point is the inconsequentialism argument,
which holds that consumers have too little influence to bear
responsibility for structural injustices such as the climate crisis.
Keywords: Responsibility, Reification, Alienation,
Social-Connection-Model, Problem of Inconsequentialism
1 Einleitung
Der
vorliegende Text soll angesichts der Verdinglichung von Marktprozessen
eine neue Perspektive auf Youngs Social-Connection-Modell erarbeiten.
Als Ausgangspunkt dient das Inkonsequentialismus-Argument: Demnach habe
das Handeln von individuellen Konsument*innen eine zu geringe Wirkmacht,
um Verantwortung für strukturelle Ungerechtigkeiten wie die Klimakrise
zu übernehmen.
Eine
zentrale These dieses Aufsatzes ist, dass das
Inkonsequentialismus-Argument nicht schlüssig ist. Denn es setzt die
falsche Prämisse voraus, dass Handlungen, die innerhalb sozialer
Prozesse stattfinden, individualisiert betrachtet werden können. Es soll
aufgezeigt werden, dass dieses Argument als Symptom der Verdinglichung
von Marktprozessen verstanden werden kann.
Die
zweite, darauf aufbauende These besagt, dass sich in Youngs
Social-Connection-Modell keine ausreichende Antwort auf das
Inkonsequentialismus-Argument findet. Denn Young geht nur wenig darauf
ein, wie Individuen die sozialen Prozesse, an denen sie partizipieren,
erleben. Das schwächt die motivationale Ebene ihrer
Verantwortungstheorie, also wie handlungsaffirmativ diese auf ein
Individuum wirkt. Dieser Aufsatz schlägt vor, Youngs
Social-Connection-Modell eine existenzielle Ebene hinzuzufügen, die die
Eingebundenheit des Selbst in strukturelle Prozesse verdeutlicht und so
die individuelle Handlungsmotivation stärkt. Diese Erweiterung des
Social-Connection-Modells soll unter dem Begriff der
existenziell-sozialen Verbindung gefasst werden.
Da
sich dieser Aufsatz mit der Frage befasst, wie die Motivation von
Individuen gestärkt werden kann, der Klimakrise
entgegenzutreten, sei ein wichtiger Hinweis vorangestellt: Der Begriff
der existenziell-sozialen Verbindung soll Youngs Verantwortungstheorie
nicht gegenüberstehen, sondern ergänzen. Im Einklang mit Young wird hier
angenommen, dass die Verantwortung für strukturelle Ungerechtigkeit
politischer Natur ist: Sie wird mit anderen geteilt und ist somit
kollektiv. Sie fordert vom Einzelnen, sich an kollektiven Bewegungen zu
beteiligen, um die sozialen Prozesse (die zu Ungerechtigkeiten führen)
zu verändern. Die Verantwortung gegen den Klimawandel zu kämpfen, kann
also nicht auf ein individuelles Handeln reduziert werden. Während Young
die Entstehung sozialer Prozesse beschreibt und für eine geteilte
politische Verantwortung argumentiert, setzt der vorliegende Aufsatz
diese bereits voraus, geht dabei aber einen Schritt zurück und fragt
danach, wie die Motivation eines Individuums gestärkt werden kann, diese
politische Verantwortung wahrzunehmen und sich als Teil sozialer
Prozesse zu erleben. Kritisiert werden soll nicht prinzipiell Youngs
Konzeption der Verantwortung, sondern dass sie das Erleben eines
Individuums innerhalb der sozialen Prozesse zu wenig berücksichtigt.
Nachfolgend
werden in Abschnitt 2 zunächst Youngs Social-Connection-Modell und in
Abschnitt 3 das Inkonsequentialismus-Argument näher erläutert, um die
Grundlage für die weitergehende Argumentation zu legen. Abschnitt 4
widmet sich dann der Verdinglichung. Zuallererst werden Youngs
Ausführungen hierzu zitiert, um in 4.2 näher darauf einzugehen,
inwiefern Konsument*innen marktwirtschaftliche Strukturen verdinglichen
und von ihnen entfremdet sind. In Abschnitt 4.3 wird konkretisiert,
durch welchen Aspekt Youngs Theorie erweitert werden soll. Der Fokus
verschiebt sich dann von der Beschreibung sozialer Prozesse zum
persönlichen Erleben der eigenen Eingebundenheit. Hierzu wird Jaeggis
Entfremdungstheorie erläutert, insbesondere ihre Ausführungen zur
Gleichursprünglichkeit des Selbst- und Weltverhältnisses. In Abschnitt 5
wird dann der Begriff der existenziell-sozialen Verbindung konkret
ausgearbeitet und beschrieben, inwiefern sich dieser positiv auf die
motivationale Ebene auswirkt. Dabei soll der Fokus auf Corine Pelluchons
Wertschätzungsethik liegen. Denn diese wurde mit dem Gedanken
konzipiert, Individuen zum Handeln zu bewegen. Auch soll es kurz um die
konkreten ethischen Implikationen der existenziell-sozialen Verbindung
gehen: Die tugendethischen Haltungen eines Individuums, das an
kollektiven Bemühungen, soziale Prozesse gerechter zu gestalten,
teilnimmt.
2 Das
Social-Connection-Modell
Um
auf die hier aufgestellten Thesen einzugehen, sind zwei Aspekte von
Youngs Social-Connection-Modell von zentraler Bedeutung. Erstens ihre
Begründung der Verantwortung: Laut Young umfasse unser Wirtschaftssystem
verschiedene strukturelle Prozesse. Dazu zählen Gesetze, soziale Normen
und Erwartungen sowie wirtschaftliche Mechanismen. Diese seien zwar
nötig, um unsere Wirtschaft zu organisieren, gleichzeitig bedingen sie
jedoch strukturelle Ungerechtigkeiten (Young 2011, 47f.): „Many
large-scale social processes in which masses of individuals believe they
are following the rules, minding their own business, and trying to
accomplish their legitimate goals can be seen to result in undesirable
unintended consequences when looked at structurally“ (ebd. 63). So wird
die Klimakrise unter anderem durch die Nutzung fossiler Energien
ausgelöst, während sie zugleich ein Fundament unseres Wirtschaftssystems
sind.
Um
strukturelle Ungerechtigkeiten zu mindern (also um die Folgen der
Klimakrise abzuschwächen), braucht es verantwortliche Akteur*innen, die
soziale Prozesse dahingehend verändern und verbessern. Das
Social-Connection-Modell soll diese Verantwortung konkret bestimmen:
„The social connection model finds that all those who contribute by
their actions to structural processes with some unjust outcomes share
responsibility for the injustice“ (ebd. 96). Als Verantwortungskriterium
benennt Young eine soziale Verbindung, welche durch die Partizipation an
strukturellen Prozessen konstituiert werde. Die Verantwortung selbst sei
eine politische: Sie wird mit anderen geteilt und bestehe darin,
öffentlich für eine Veränderung der strukturellen Prozesse einzustehen.
Es gehe darum, eine politische Bewegung zu initiieren, die Unternehmen
und Politik unter Druck setzt, strukturelle Veränderungen zu beschließen
(ebd. 89). Bei Young steht damit die kollektive Praxis im Mittelpunkt:
Dass sich Individuen zusammenschließen und gemeinsam an gerechteren
strukturellen Prozessen arbeiten. Es gehe nicht darum, dass Einzelne
ethischere Kaufentscheidungen treffen, viel eher sollen sie gemeinsam
mit anderen für ein ethischeres Wirtschaftssystem kämpfen. Eines das die
Klimakrise nicht weiter vorantreibt und unsere Lebensbedingungen
sichert.
Der
zweite zentrale Punkt betrifft das Verhältnis zwischen Individuen und
strukturellen Prozessen: Denn jene Prozesse, und damit auch die
Ungerechtigkeiten, die aus ihnen resultieren, werden von teilhabenden
Akteur*innen produziert und reproduziert. Strukturelle Ungerechtigkeit
sei laut Young eine distinkte Art moralischen Unrechts, das nicht
primär auf einer interaktionalen, sondern mehr auf einer
institutionellen Ebene entstehe (ebd. 44). Sie bestehe konkret darin,
dass soziale Prozesse in einer Weise gestaltet sind, die Akteur*innen in
nachteilige soziale Positionen bringen. Dadurch entstehen
Machtverhältnisse: „large groups of persons [are] under systematic
threat of domination or deprivation of the means to develop and exercise
their capacities, at the same time that these processes enable others to
dominate or to have a wide range of opportunities for developing and
exercising capacities available to them“ (ebd.). Soziale Positionen
bestimmen, inwiefern man herrscht oder beherrscht wird und welche
Handlungsspielräume bestehen.
Um
struktureller Ungerechtigkeit entgegenzuwirken, müsse das Zusammenspiel
verschiedener Institutionen und Regeln innerhalb der strukturellen
Prozesse analysiert und hinsichtlich ihrer Gerechtigkeit bewertet
werden. Aber auch der direkte zwischenmenschliche Kontakt und der
Einfluss struktureller Prozesse auf diesen müssen in den Blick genommen
werden (ebd. 71). Strukturelle Prozesse können zwar nur durch kollektive
Handlungen gerechter gestaltet werden, dennoch umfasse die
institutionelle Ebene immer die interaktionale: Kollektive Handlungen
entstehen nur da, wo möglichst viele individuelle Akteur*innen
zusammenkommen (ebd. 69f.). Wenn wir über soziale Gerechtigkeit
nachdenken, sollten wir unser eigenes Leben immer in dieser dualen
Perspektive betrachten: Einerseits sollen wir unsere soziale Position
und die politische Verantwortung, die mit ihr einhergehe, wahrnehmen und
uns fragen, inwiefern wir dazu beitragen, dass strukturell ungerechte
Prozesse bestehen bleiben. Andererseits sollen wir unser Handeln im
Kontext zwischenmenschlicher Interaktion hinterfragen. Diese beiden
Aspekte seien nicht aufeinander reduzierbar (ebd. 73).
3 Das
Inkonsequentialismus-Modell
Zur
Dringlichkeit der Klimakrise muss an dieser Stelle nicht mehr viel
gesagt werden. Auch ist bekannt, dass es Konsument*innen in der Regel
schwerfällt, das eigene Konsumverhalten mit den multiplen Umweltkrisen
in Verbindung zu setzen. Das zeigt sich besonders im
Inkonsequentialismus-Argument, laut dem Konsument*innen keine
Verantwortung auferlegt werden könne, da sich ihr persönlicher Konsum
nicht maßgeblich auf die Klimakrise auswirke und verantwortliches,
nachhaltiges Handeln mit zu hohen Kosten verbunden sei: „given that a
person’s contribution, although needed (albeit not necessary), is nearly
inconsequential to addressing the problem and may require some cost from
the standpoint of the person’s own life, why should the person make the
effort, particularly when it is uncertain (or even unlikely) whether
others will do so?“ (Sandler 2010, 168). Das Argument weist auf ein
Missverhältnis zwischen den positiven Auswirkungen und den notwendigen
Aufwand einer Handlung im Sinne der Gerechtigkeit hin. Daraus
resultieren Verantwortungsvermeidung und individuelle Untätigkeit. Meist
werden andere Akteur*innen als die eigentlich
Verantwortlichen wahrgenommen.
Iris
Marion Youngs Social-Connection-Modell greift das
Inkonsequentialismus-Argument zwar an, indem es aufzeigt, dass
Konsument*innen mit ihren alltäglichen Handlungen strukturelle Prozesse
produzieren und reproduzieren. Demnach besteht kein Inkonsequentialismus
und die Entscheidung individueller Akteur*innen machen einen
Unterschied, weil es ohne diese keine strukturellen Prozesse gebe.
Damit
ist aber noch keine vollständige Antwort auf das
Inkonsequentialismus-Argument gefunden: Es erscheint unwahrscheinlich,
dass sich Konsument*innen allein durch das Verstehen struktureller
Prozesse zu einer kollektiven Praxis motivieren können (insbesondere,
wenn sie vorher nicht politisch aktiv waren). Denn wie Sandler aufzeigt,
könne sich der empfundene Inkonsequentialismus auch auf die politische
Aktivität übertragen (Sandler 2009, 168). Ob ein Individuum mehr oder
weniger seine geteilte politische Verantwortung wahrnimmt, scheint für
die Entwicklung struktureller Prozesse zunächst keinen Unterschied zu
machen. Ein Missverhältnis zwischen positiver Auswirkung und notwendigem
Aufwand könne weiterhin festgestellt werden: Auch die Organisation einer
Demonstration oder die Teilnahme eines Einzelnen an einer sozialen
Bewegung kann wie ein Tropfen auf den heißen Stein der systemische
Probleme wirken. Auch wenn Youngs Argumentation sozial-ontologisch
plausibel ist, scheint die motivationale Ebene nur unzureichend
ausgearbeitet.
4 Die Verdinglichung
struktureller Prozesse
Um
eine Lösung für dieses Problem vorzuschlagen, fokussieren sich die
nächsten Abschnitte auf die Verdinglichung von Marktprozessen und
anschließend auf die existenziell-soziale Verbindung. Es soll aufgezeigt
werden, inwiefern Konsument*innen von marktwirtschaftlichen
strukturellen Prozessen entfremdet sind. Die These, dass das
Inkonsequentialismus-Argument und das Vermeiden politischer
Verantwortung aus der Entfremdung resultieren, soll begründet werden.
Daraufhin soll der Begriff der existenziell-sozialen Verbindung mit dem
Social-Connection-Modell verknüpft werden.
4.1 Youngs
Perspektive auf die Verdinglichung
Gegen
Verdinglichung und Verantwortungsvermeidung helfen laut Young ein
Bewusstsein für strukturell ungerechte Prozesse und ein kollektiver
Diskurs darüber, wie sich diese verbessern ließen (ebd.). Sie wertet die
Anti-Sweatshop-Bewegung dahingehend als Erfolg. Mit Blick auf heutige
Ultra-Fast-Fashion-Konzernen wie Shein muss ihre Bewertung jedoch
infrage gestellt werden. Strukturell betrachtet bleibt es weiterhin
möglich, Produkte unter den Arbeitsbedingungen von Sweatshops
herzustellen, zu bewerben und günstig zu kaufen.
Das
lässt die Vermutung zu, dass Youngs Verantwortungstheorie unvollständig
ist. Einer rein erkenntnistheoretischen Auseinandersetzung mit
strukturell ungerechten Prozessen fehlt es an motivationaler Kraft, um
Konsument*innen nachhaltig zum verantwortungsvollen Handeln zu bewegen.
Daher erscheint es notwendig, das Phänomen der Verdinglichung tiefgehend
zu analysieren und in eine Theorie politischer Verantwortung
einzuarbeiten.
4.2 Die entfremdeten
Konsument:innen
Um
aufzuzeigen, inwiefern Konsument*innen als entfremdet beschrieben werden
können, bezieht sich der nachfolgende Abschnitt auf Rahel Jaeggi. Sie
hat das Phänomen der Entfremdung unter Berücksichtigung der
Philosophiegeschichte ausgiebig analysiert und einen produktiven Begriff
erarbeitet, der sich gut in die Debatte um individuelle Verantwortung
für die Klimakrise einfügen lässt.
In
diesem Abschnitt sollen zwei Thesen begründet werden: Erstens, dass das
Inkonsequentialismus-Argument nicht schlüssig ist, weil die Handlungen
der Akteur*innen des Marktsystems nicht individualisiert betrachtet
werden können. Zweitens, dass das Inkonsequentialismus-Argument nur dann
als schlüssig erachtet werden kann, wenn die eigenen individuellen
Handlungen und das eigene Selbstverhältnis nicht in Bezug zu den
strukturellen Marktprozessen gesetzt werden. Das bedeutet, wenn sich die
Handelnden von den Prozessen entfremden und sie verdinglicht wahrnehmen.
Daraus lässt sich schließen (dies ist die zweite These), dass das
Inkonsequentialismus-Argument seine Wurzeln in der Verdinglichung trägt.
Eine Antwort muss daher an diesem Punkt ansetzen.
Jaeggi definiert Entfremdung als „das Unvermögen, sich zu anderen
Menschen, zu Dingen, zu gesellschaftlichen Institutionen und damit auch
– so eine Grundintuition des Entfremdungsmotivs – zu sich selbst in
Beziehung zu setzen” (Jaeggi 2022, 21). Es handle sich um eine
„Beziehung der Beziehungslosigkeit“ (ebd. 20): Eine Beziehung, die
faktisch zwar vorhanden, aber qualitativ unzureichend ist (ebd.
49).
Dass
sich das Inkonsequentialismus-Argument in die Logik eines Denkens
einfügt, welches sich aus einem Verdinglichungsprozess ergeben hat,
lässt sich anhand des Aufsatzes It’s not my Fault: Global Warming and
Individual Moral Obligations von Sinnott-Armstrong verdeutlichen. Darin
analysiert er, inwiefern bestimmte Prämissen eine moralische Pflicht
begründen können, im Sinne des Klimaschutzes nicht zum Vergnügen mit
einer Spritschleuder zu fahren. Er kommt zu dem Schluss, dass eine
solche Pflicht nicht begründet werden könne. Der Verweis auf
Klimaschäden sei nicht überzeugend, da die eigenen Autofahrten keinen
Unterschied machen: „One problem here is that my acts are not that
influential“ (Sinnott-Armstrong 2005, 292). Diese Behauptung führt er
immer wieder an: „global warming will still occur even if I do not drive
just for fun“ (ebd. 289) oder „[g]lobal warming and climate change occur
on such a massive scale that my individual driving makes no difference
to the welfare of anyone“ (ebd. 293). Zugleich erkennt er, dass die
Klimakatastrophe, und dadurch auch Klimaschäden, durch die kumulativen
Effekte kollektiven Handelns zustande kommen: „[I]t does not seem
immoral to do what others do, as long as they are going to do it anyway,
so the harm is going to occur anyway“ (ebd. 298). Einerseits lehnt
Sinnott-Armstrong individuelle moralische Pflichten im Kontext der
Klimakatastrophe ab, weil diese auf einen zu eng gefassten
Kausalitätsbegriff beruhen. Andererseits räumt er ein, dass Klimaschäden
entstehen, weil andere Individuen in gleicher Weise handeln. An dieser
Stelle tut sich ein Widerspruch auf: Weshalb sollten seine Handlungen
einen zu geringen Einfluss haben, während die Handlungen anderer zu
Klimaschäden führen?
Sinnott-Armstrong
betrachtet seine Handlungen isoliert und setzt sich nicht in Beziehung
zum handelnden Kollektiv und zur Welt, obwohl er Teil von beidem ist. Er
neutralisiert die Wirkung seines Handelns, anstatt es, wie bei anderen
Individuen, als Teil eines aktiven gesellschaftlichen Prozesses
wahrzunehmen, der die Klimakatastrophe bedingt. Das Argument, eine
Handlung stehe nicht in Kausalität zur Klimakatastrophe und eine
moralische Pflicht zum Klimaschutz könne deshalb nicht begründet werden,
verliert seine Schlüssigkeit, wenn jene Handlung als in strukturelle
Prozesse eingebettet erkannt wird. Aus diesen kann sie nicht
herausgelöst werden, sie ist immer Teil der klimaschädlichen
strukturellen Prozesse (hier der Organisation des Verkehrs und den
sozialen Normen, was allgemein als Vergnügen bewertet wird) und damit
selbst klimaschädlich. Somit bedingt sie als Teil des strukturellen
Prozesses die Klimakatastrophe. Sinnott-Armstrongs Autofahrten können
nicht getrennt davon betrachtet werden, da sie ein kollektives Handeln
konstituieren und er nach Young an den jeweiligen strukturellen
Prozessen partizipiert. Daher sind sie auch nicht anders zu bewerten als
die Autofahrten anderer.
Das
lässt die Vermutung zu, dass Sinnott-Armstrong dieses kollektive Handeln
sowie die strukturellen Prozesse als verdinglicht wahrnimmt: Mit seinem
Verweis auf das Verhalten anderer benennt er eine Eigendynamik, zugleich
unterstellt er der Klimakatastrophe dadurch eine vermeintliche
Zwangsläufigkeit („the harm is going to occur anyway“). Obwohl seine
Handlungen nur im kollektiven Kontext betrachtet werden können, spaltet
er sie vom Geschehen ab, wodurch sie ihre Wirkung verlieren: „Eine
entfremdete Welt präsentiert sich dem Individuum [...] als eine Welt,
[...] auf die es keinen Einfluss nehmen kann“ (Jaeggi 2022, 21). Das
Inkonsequentialismus-Argument verliert also seine Schlüssigkeit, da es
eine isolierte Betrachtung eigener Handlungen voraussetzt, die selbst
aber unplausibel ist und in der Verdinglichung struktureller Prozesse
wurzelt.
Youngs
Vorschlag, strukturelle Prozesse weniger verdinglicht wahrzunehmen,
indem man sich tiefgehend mit ihnen beschäftigt, ist jedoch nicht
zielführend: Denn die defizitäre Weltbeziehung – die geschädigte soziale
Verbindung zwischen dem Individuum und den strukturellen Prozessen sowie
anderen Partizipierenden – bessert sich nur, wenn sie auch mit Fokus auf
das Individuum weiter ausgearbeitet und beschrieben wird. Nachfolgend
soll es daher weniger um die Beschreibung struktureller Prozesse und die
Begründung der politischen Verantwortung gehen. Diese hat Young
ausgearbeitet und wird in diesem Aufsatz vorausgesetzt. Stattdessen soll
eine Antwort gefunden werden auf die Frage: Was hat das alles mit mir zu
tun? Der Fokus liegt stärker darauf, die Eingebundenheit eines
Individuums zu beschreiben, um dessen Handlungsmotivation zu steigern.
Ohne aber, eine geteilte und politische Verantwortung für die Klimakrise
zu leugnen.
4.3
Die Gleichursprünglichkeit des Selbst- und Weltverhältnisses
Nachfolgend
soll der Begriff der existenziell-sozialen Verbindung eingeführt werden.
Er soll Youngs Verantwortungstheorie durch eine existenzielle Ebene der
sozialen Eingebundenheit erweitern und dadurch die motivationale Ebene
stärken. Hierzu ist ein Blick auf Rahel Jaeggis Ausführungen zur
Gleichursprünglichkeit von Selbst- und Weltverhältnis notwendig. Demnach
konstituiere sich das Selbst, indem es in der Welt tätig sei (Jaeggi
2022, 224). Es könne ausschließlich in Bezug zur Welt gedacht werden:
„Das Selbst […] ist ein handelndes und weltliches Selbst, eines, das
sich immer schon handelnd in der Welt vorfindet und aus dieser nicht
herauszulösen ist“ (ebd. 230). In diesem Sinn sei das Leben immer etwas
Geteiltes, es könne nicht ausschließlich individualisiert verstanden
werden (ebd. 299). Um strukturelle Prozesse weniger verdinglicht
wahrzunehmen, sei es zentral, „sich als Teil eines überindividuellen
Zusammenhangs verstehen [zu lernen], der unser Selbstverständnis
gleichermaßen ermöglicht und prägt, bestimmt und beschränkt“ (ebd. 300).
Man selbst und die eigenen Handlungen stehen niemals isoliert für sich,
sondern seien immer als in die Welt eingebettet zu denken. Diese
Verbindung sei die notwendige Bedingung für unser Selbstverhältnis:
Unser Selbst könne sich nur diesbezüglich konstituieren (ebd. 301).
Dieser
Ansatz stärkt die motivationale Ebene, da der Fokus nicht auf ein
tiefgehendes theoretisches Verständnis struktureller Prozesse (die im
Außen stattfinden), sondern auf die Kultivierung und Förderung der im
Inneren empfundenen Verbindung zwischen dem individuellen
Selbst und den strukturellen Prozessen liegt. Es geht nicht allein darum
zu verstehen, inwiefern unsere Handlungen soziale Prozesse produzieren
und reproduzieren. Sondern vielmehr darum, dass das Selbst existenziell
mit ihnen verbunden ist. Es wird also, wenn man so will, auch von
anderen und von strukturellen Prozessen produziert: Es liegt ein
reziprokes Verhältnis vor. Mit diesem Gedanken verschiebt sich der Fokus
vom Wesen struktureller Prozesse hin zu einem primär kollektiv gedachten
Ich, das in jene strukturellen Prozesse existenziell eingebettet ist.
Young beschreibt dieses reziproke Verhältnis kurz anhand von Bourdieus
Konzept des Habitus: Demnach internalisieren Menschen ihre soziale
Position innerhalb struktureller Prozesse, wodurch sich Unterschiede
zwischen verschiedenen gesellschaftlichen Klassen feststellen lassen
(Young 2011, 61f.). Sie zeigt somit auf, dass sich individuelle
Persönlichkeiten abhängig der sozialen Position konstituieren.
Die
hier vertretene These geht jedoch noch einen Schritt weiter indem
angenommen wird, dass die menschliche Existenz nicht jenseits dieser
sozialen Verbindung gedacht werden kann. Individuen sind unumgänglich
Teil einer sozialen Welt und Teil sozialer Prozesse. Jaeggi (und im
nächsten Abschnitt auch Pelluchon) zeigt auf, dass unsere Existenz und
unser Selbstverhältnis eng mit der Welt und den anderen verflochten
sind. Young hingegen lehnt eine solche existenzielle Verbindung als
Verantwortungskriterium entschieden ab (vgl. McKeown 2018, 488) und
trennt diese von der sozialen Verbindung. Diese Trennung kann so jedoch
nicht vorgenommen werden, da die menschliche Existenz selbst schon eine
soziale ist und die soziale Verbindung impliziert. Diese These soll
unter dem Begriff der existenziell-sozialen Verbindung gefasst
werden.
5 Die existenziell-soziale
Verbindung
Zentral
für Pelluchons Ethik ist der Individuationsprozess. Dieser mündet in der
Erkenntnis, dass das Selbst nur in einem überindividuellen Zusammenhang
gedacht werden könne. In diesem Sinne lässt sich Pelluchons Philosophie
mit Jaeggis Ausführungen verknüpfen. Zugleich eignet sie sich, um den
Begriff der existenziell-sozialen Verbindung auszuarbeiten: Denn
Pelluchon politisiert die Grundbedingungen unserer Existenz und
erläutert die praktischen Konsequenzen der existenziell-sozialen
Verbindung.
Die
nächsten Abschnitte behandeln zunächst den Individuationsprozess:
Während Jaeggi die Eingebundenheit des Selbst in strukturelle Prozesse
tiefgehend beschreibt, zeigt Pelluchon im Individuationsprozess auf, wie
uns die Grundbedingungen des menschlichen Lebens mit der gemeinsamen
Welt verbinden. Durch die Politisierung der menschlichen
Existenzbedingungen führt uns Pelluchon einen Schritt näher zu einer
Stärkung der motivationalen Ebene. In Abschnitt 5.2 soll es dann konkret
um die ethischen Implikationen von Pelluchons Theorie gehen.
5.1 Der Individuationsprozess
Im
Gegensatz zu Young und Jaeggi geht Pelluchon nicht auf die
Verdinglichung ein. Eine Entfremdung von Konsument*innen lässt sich
dennoch herauslesen: Demnach haben die Menschen „keinen anderen Horizont
mehr als den Konsum, und nach und nach verlieren sie jedes Gefühl dafür,
was sie mit anderen verbindet“ (Pelluchon 2019, 22). Das Selbst- und
Weltverhältnis beschränke sich auf den Konsumismus. Hieraus resultiere
das Unvermögen, sich über das Individuum hinaus als tatsächlicher Teil
des Gemeinsamen zu denken. Es werde übersehen, dass Selbst- und
Weltverhältnis abhängig voneinander sind. Ein Individuationsprozess soll
dieser Entfremdung entgegenwirken: Ziel dieses Prozesses sei es, die
eigene Subjektivität umzukehren, sodass sich das Individuum wieder mit
der Welt und den anderen in ihr identifiziere (ebd. 86). Der
Individuationsprozess ziele darauf, die eigene Subjektivität zu
erweitern und die Welt wie die anderen als Teil seiner Selbst
anzuerkennen.
Die
Ausweitung des Selbstverhältnisses basiere auf der Interaktion mit der
Welt sowie auf der Einsicht, dass wir von ihr abhängig seien (ebd. 98).
Pelluchons Verbindung von Welt- und Selbstverhältnis beruht auf einer
Ontologie, deren Kern die Relationalität der Lebewesen ist: „Immer
stehen wir, sobald wir essen, atmen oder arbeiten, in Beziehung mit
anderen Wesen, menschlichen oder nicht-menschlichen, gegenwärtigen,
vergangenen und zukünftigen” (ebd. 28). Diese Relationalität begründet
sie mit den Existenzstrukturen des Lebens: Der Geburt, dem Tod und der
Verletzlichkeit.
So
setze das Geborenwerden die Existenz vergangener und gegenwärtiger
Generationen voraus, sowie eine Welt, die von ihnen verfügbar gemacht
wurde. Sie begründe somit unsere Verbundenheit mit jenen Generationen:
Wir werden in eine bestehende Welt hineingeboren, die bereits gestaltet
wurde und weiterhin von anderen gestaltet wird (ebd. 159f.). Davon seien
wir abhängig und tiefgehend geprägt. Schon hier begründet sich eine
existenzielle Verbundenheit.
Der eigene Tod wiederum verbinde uns mit zukünftigen Generationen, da er
diesen das Leben ermögliche. Es sei wichtig, den Tod nicht
individualisiert als persönliches Lebensende und als Unmöglichkeit der
eigenen Zukunft aufzufassen, sondern sozialisiert, als Möglichkeit für
das Zukünftige. Der eigene Tod steht so im Kontext des überindividuellen
Zusammenhangs. Diese Erkenntnis sei zentral, um die Angst vor dem
eigenen Tod und das damit verbundene Unwohlsein zu mildern. Auch hier
benennt Pelluchon ein motivationales Moment: Wer diese neue Perspektive
einnehme, in dem entstehe das Bedürfnis, diese Zukunft mit seinem
Handeln zu ermöglichen und einen bewohnbaren Planeten weiterzugeben. Das
wandelt sich zum Lebenssinn, wodurch es leichter werde, maßvoll zu
bleiben (ebd. 109f.). Den Tod (sowie die Geburt) im Kontext des
Weltverhältnisses zu verstehen lehre uns, wertschätzend zu handeln,
unsere Verantwortlichkeit zu erkennen und zu erfüllen (ebd. 118f.).
Zuletzt begründe die Verletzlichkeit eine fundamentale Relationalität
des menschlichen Lebens, insbesondere zu den gegenwärtigen Generationen:
Sie ermögliche uns den Zugang zum Anderen, denn sie mache uns dessen
Leiden verständlich. Wenn wir unsere Verletzlichkeit und Vergänglichkeit
annehmen, bringe uns das auch die der anderen vor Augen und wir beginnen
uns „als dieselbe Verletzlichkeit teilend“ (ebd. 125) zu verstehen. Auch
das konstituiere eine wertschätzende Grundhaltung den anderen gegenüber,
sowie ein Verantwortungsgefühl für sie. Daraus resultiert eine
nachhaltige Motivation, anders zu handeln und für mehr Gerechtigkeit zu
kämpfen.
Indem
wir die Relationalität unseres Lebens anerkennen und den
Individuationsprozess durchlaufen, bewegen wir uns auf eine neue
Grundhaltung zu, die der Weltliebe (ebd. 86). Dabei handelt es sich
weniger um einen emotionalen Zustand, sondern mehr um eine radikale
Veränderung unseres Denkens: Wer die Welt liebt, für den sei nicht mehr
das Selbstverhältnis und die Individualität vordergründig, sondern das
Weltverhältnis und die eigene Verbindung mit den anderen (ebd. 88). Das
eigene Handeln sei dann von dem Prinzip „Ich will, dass du lebst“ (ebd.
164) geprägt. Es entsteht der Wille, im Kontext der strukturellen
Ungerechtigkeiten zu versuchen, mit seinem Handeln mehr Gerechtigkeit zu
ermöglichen oder die Lage zumindest nicht weiter zu unterstützen. Laut
Pelluchon ordne sich somit die Sorge um sich der Sorge um die Welt unter
(ebd. 46).
Für
ein handlungsaffirmatives Verständnis von Klimaverantwortung ist das
Durchlaufen eines wie von Pelluchon beschriebenen
Individuationsprozesses von zentraler Bedeutung. Vor allem durch diesen
findet eine persönliche Verortung des Selbst innerhalb struktureller
Prozesse statt: Nicht nur auf einer politischen Ebene, sondern im
direkten Bezug zum persönlichen Selbst. Dadurch verringert sich der
Abstand zwischen beidem und man beginnt, eine größere Verantwortlichkeit
für die Welt zu erkennen und vor allem einen Handlungsdrang zu
spüren.
5.2
Ethische Implikationen der existenziell-sozialen Verbindung
Was bedeutet es konkret, der existenziell-sozialen Verbindung
entsprechend verantwortlich zu handeln? Während Young den politischen
Aktivismus als verantwortungsvolles Handeln benennt, formuliert
Pelluchon eine Tugendethik, nach der sich das eigene Handeln ausrichten
soll. Bei Young steht die Kollektivität im Vordergrund, bei Pelluchon
hingegen ist der persönliche Wille zum Handeln hervorgehoben, der
schließlich auch im kollektiven Handeln resultieren kann.
Für Pelluchon sind die Liebe zur Wahrheit und die Liebe zur
Gerechtigkeit zentrale Tugenden: Die Wahrheit zu lieben bedeute, die
„richtige Auffassung von sich selbst und seinem Platz in der Welt“ (ebd.
58) zu haben, also ein der existenziell-sozialen Verbindung angemessenes
Selbst- und Weltverhältnis. Die Wahrheit bestehe darin, dass die
Menschheit und die Tugenden vordergründig seien und nicht das Selbst,
denn dieses könne immer nur abhängig von jenen gedacht werden (ebd.
58f.). Der Liebe zur Wahrheit sei die Demut vorausgesetzt; sie bestehe
darin, die Grundbedingungen der menschlichen Existenz, ihre
Zerbrechlichkeit, anzuerkennen. Sie sei das Fundament unseres
Selbstverhältnisses und unabdingbar für die Wertschätzung (ebd. 36f.),
denn sie ermögliche uns, mit anderen zu leiden und uns für sie
verantwortlich zu fühlen (ebd. 39f.) sowie das Maß zu wahren (ebd. 81).
Wenn die Demut das Fundament der Liebe zur Wahrheit sei, dann sei die
Klugheit die praktizierte Tugend (ebd. 288): Klug zu handeln bedeute,
die bestmöglichen Mittel zu gebrauchen und immer den Zweck vor Augen zu
haben (ebd. 108).
Die Liebe zur Gerechtigkeit hingehen sei es, die zum Handeln bewege:
Man handle freiwillig im Sinne der Gerechtigkeit, und nicht bloß
aufgrund der Erfüllung eines Verantwortungskriteriums. Besonders wichtig
sei dabei die Großmut: Der großmütige Mensch zeige in seinem Handeln,
dass er eine bewohnbare Welt an die zukünftigen Generationen weitergeben
möchte und ließe sich davon nicht entmutigen. Zudem verrate er seine
eigenen moralischen Überzeugungen nicht (ebd. 75f.) und sieht im
gerechten Handeln einen intrinsischen Wert, dessen Bedeutung nicht von
Sonderangeboten geschmälert werden kann.
Der Großmut hänge mit der Großzügigkeit zusammen: Die Einschätzung,
wie viel Gutes vom eigenen Handeln abhängt, solle großzügig ausfallen.
Selbst wenn die Erfolgsaussichten gering erscheinen, solle man nicht
aufgeben, sondern dennoch einen Versuch starten, die Dinge zu verbessern
(ebd. 79). Damit kommt der Großzügigkeit eine zentrale Bedeutung für das
Inkonsequentialismus-Argument zu: Einerseits kommen wir mit ihr zu einem
zuversichtlicheren Urteil über die eigene Wirkmacht auf strukturelle
Prozesse. Wir gehen nicht mehr davon aus, dass das eigene Verhalten
unerheblich sei, sondern nehmen grundsätzlich an, dass unser Handeln
etwas bewirke. Andererseits bleiben wir entschlossen, auch wenn wir in
keiner Position sind, strukturelle Ungerechtigkeit auf direktem Wege zu
verbessern.
Natürlich handelt es sich bei diesen Beschreibungen um Ideale, die
vielleicht nicht vollständig erreichbar sein können. Pelluchons
tugendethischen Ausführungen können dennoch als Prinzipien angesehen
werden, nach denen sich das eigene Verhalten in strukturell ungerechten
Verhältnissen richten kann.
6 Fazit
Dieser Essay hat aufgezeigt, dass Verdinglichung ein zentrales
Problem für die Übernahme von politischer Verantwortung durch
Konsument*innen ist. Das Inkonsequentialismus-Argument resultiert aus
der Verdinglichung struktureller Prozesse. Young zeigt auf, dass das
Argument abzulehnen ist, allerdings ergibt sich daraus nicht unbedingt
eine höhere Handlungsmotivation. Denn das Inkonsequentialismus-Argument
lässt sich genauso auf politische Verantwortung übertragen: Auch auf
Youngs Forderung nach kollektivem Handeln ließe sich entgegnen, dass ein
Individuum keinen Unterschied mache.
Es ist nötig, die Verbindung zwischen dem Individuum und der sozialen
Welt noch eindeutiger zu beschreiben und vor allem ihre existenziellen
Aspekte hervorzuheben. Jaeggis Beschreibung der Gleichursprünglichkeit
von Selbst- und Weltverhältnis folgend, besteht eine
Gleichursprünglichkeit von Selbst- und Weltverhältnis. Das heißt, wir
können uns ausschließlich als Teil eines überindividuellen Zusammenhangs
denken. Pelluchon hebt diese relationale Dimension des Lebens nochmals
hervor, indem sie fundamentale Existenzbedingungen kollektiviert und
politisiert. Wenn wir die von Jaeggi und Pelluchon beschriebene
Eingebundenheit unserer Selbst verstehen und verinnerlichen, dann wirkt
dies gegen die Verdinglichung von struktureller Ungerechtigkeit und
gegen ein entfremdetes Weltverhältnis. Diese existenzielle Verbindung
lehnt Young zwar ab, sie ist – eine der zentralen Thesen dieses
Aufsatzes – allerdings als Teil der sozialen Verbindung zu verstehen.
Sie unterstreicht, dass die menschliche Existenz nur in ihrer sozialen
Dimension entstehen und bestehen kann. Das geht über Youngs Hinweis auf
den von der sozialen Position abhängigen Habitus hinaus und stärkt das
individuelle Erleben der Eingebundenheit in soziale Prozesse wie auch
die Motivation, politische Verantwortung zu übernehmen.
Die hier konzipierte existenziell-soziale Verbindung antwortet
schließlich auf das Inkonsequentialismus-Argument einerseits, indem sie
dessen Prämissen widerlegt: Sie beleuchtet die tiefgehende Beziehung
zwischen dem Individuum und den strukturellen Prozessen, sodass es sich
nicht ausschließlich individualisiert denken kann. Denn Menschen sind
von ihrem Wesen her sozial und leben ausschließlich in Abhängigkeit zu
anderen. Andererseits führt die verinnerlichte existenziell-soziale
Verbindung dazu, das Inkonsequentialismus-Argument gar nicht mehr
anführen wollen: Da man sich eng mit der Welt und mit anderen
verbunden fühlt, lehnt man ihr Leiden stärker ab und möchte aus eigenem
Willen verantwortlich Handeln und zu einer Besserung struktureller
Prozesse beitragen. Youngs Social-Connection-Modell schafft es zwar, den
ersten Punkt aufzuzeigen und bringt eine produktive
Argumentationsgrundlage gegen den empfundenen Inkonsequentialismus
hervor. Es fehlt allerdings eine tiefergehende Auseinandersetzung mit
dem Erleben struktureller Prozesse und der eigenen Eingebundenheit in
ihnen. Ergänzt man Youngs Verantwortungstheorie um eine existenzielle
Ebene, wird die individuelle Eingebundenheit in die soziale Welt
konkreter und kann nachhaltig verinnerlicht werden. Dieser
Individuationsprozess steigert dann die Motivation des Einzelnen, die
eigene politische Verantwortung wahrzunehmen und gemeinsam mit anderen
für gerechtere Strukturen zu kämpfen.
Literatur
Jaeggi, Rahel. 2022. Entfremdung. Zur Aktualität eines
sozialphilosophischen Problems. Frankfurt am Main: Suhrkamp.
McKeown, Maeve. 2018. „Iris Marion Young’s „Social Connection Model“
of Responsibility: Clarifying the Meaning of Connection“. Journal of
Social Philosophy 49 (3): 484 – 502. https://doi.org/10.1111/josp.12253
Pelluchon, Corine. 2019. Ethik der Wertschätzung. Tugenden für
eine ungewisse Welt. Darmstadt: wbg.
Sandler, Ronald. 2010. „Ethical Theory and the Problem of
Inconsequentialism: Why Environmental Ethicists Should be
Virtue-Oriented Ethicists”. Journal of Agricultural and
Environmental Ethics 23 (1), 167 – 183. https://doi.org/10.1007/s10806-009-9203-4
Sinnott-Armstrong, Walter. 2005. „It’s not my fault: Global Warming
and Individual Moral Obligations”. In Perspectives on Climate
Change: Science, Economics, Politics, Ethics, herausgegeben von
Walter Sinnott-Armstrong et al. 285 – 307. Bingley: Emerald.
Young, Iris Marion. 2011. Responsibility for Justice. Cary:
Oxford University Press. https://doi.org/10.1093/acprof:oso/9780195392388.001.0001