Politik und Aphasie: Zur Polarität von
Metapher und Metonymie

Politics and Aphasia: On the Polarity of Metaphor and
Metonymy

GERALD POSSELT, WIEN

Zusammenfassung: Roman Jakobson ist vor allem für seine Überlegungen zur Polarität von Metapher und Metonymie bekannt. Häufig übersehen wird dabei, dass Jakobson seine Thesen im Rahmen seiner Arbeiten zum Spracherwerb und Sprachverlust entwickelt. Gegenüber der medizinischen Einteilung in sensorische und motorische Aphasien schlägt er eine linguistische Unterteilung in Similaritäts- und Kontiguitätsstörungen vor. Während die Similaritätsstörung zu einem Verlust der Metapher führt, ist bei der Kontiguitätsstörung die Metonymie betroffen. In der Folge weitet Jakobson seine Überlegungen auf alle semiotischen Prozesse aus: von Träumen über magische Rituale bis hin zu sozialen Praktiken. Da es auch bei politischen Konflikten um Prozesse der Artikulation geht, verfolgt der Artikel zwei Ziele: Einerseits wird gefragt, inwiefern sich Jakobsons Unterscheidung von Similaritäts- und Kontiguitätsstörungen für die Analyse politischer Konflikte – wie etwa Lyotards Widerstreit oder Rancières Unvernehmen – produktiv machen lässt. Andererseits wird im Anschluss an Jakobsons Diagnose, dass die Erforschung der Sprache selbst eine Kontiguitätsstörung aufweist, die These vertreten, dass ein solche Störung jedem wissenschaftlichen Diskurs inhärent ist – und folglich auch der politischen Theorie und Metaphorologie.

Schlagwörter: Aphasie, Roman Jakobson, Metapher, Metonymie, Politische Theorie, Rhetorik

Abstract: Roman Jakobson is best known for his reflections on the polarity of metaphor and metonymy. What is often overlooked is that Jakobson developed his theses in the context of his work on language acquisition and language loss. In contrast to the common medical categorisation of receptive and expressive aphasia, Jakobson proposes a linguistic division into similarity and contiguity disorders. While the similarity disorder results in a loss of metaphor, the contiguity disorder impairs metonymy. Jakobson subsequently expands his considerations to include all semiotic processes: from dreams to magic rituals to social practices. Since political processes, too, are about processes of articulation, this article pursues two goals: On the one hand, it asks to what extent Jakobson’s distinction between similarity and contiguity disorders can be made productive for the analysis of political conflicts – such as Lyotard’s differend or Rancière’s disagreement. On the other hand, and following Jakobson’s diagnosis that the study of language itself exhibits a contiguity disorder, the article puts forward the thesis that such a disorder is inherent in all scientific discourse – and consequently also in political theory and metaphorology.

Keywords: Aphasia, Roman Jakobson, metaphor, metonymy, political theory,
rhetoric

Einführung: Sprache, Politik und Sprachlosigkeit

Auch wenn Roman Jakobson (*1896 in Moskau, 🕆1982 in Boston, USA) heute nur noch vereinzelt rezipiert wird, gehört er zweifellos zu den wichtigsten und einflussreichsten Sprachwissenschaftler:innen des 20. Jahrhunderts. Er hat nicht nur den russischen Formalismus und Prager Strukturalismus entscheidend geprägt, sondern auch zur Ausweitung der strukturalistischen Methode auf andere Anwendungsfelder – wie die Ethnologie (Lévi-Strauss), Literaturtheorie (Barthes), Psychoanalyse (Lacan) oder den Marxismus (Althusser, Laclau) – beigetragen (vgl. Holenstein 1979; Kučera 1983; Hajnalka 2017; Bau u. a. 2022). Insbesondere seine Überlegungen zur Polarität von Metapher und Metonymie waren richtungsweisend. Die Rezeption vollzog sich jedoch nicht direkt, sondern großteils vermittelt durch Lacans psychoanalytische Aneignung von Jakobsons Vokabular. Häufig wird auch übersehen, dass Jakobson seine Thesen zunächst nicht im Kontext seiner Arbeiten zur Literatur und Poetik entwickelt hat, sondern ausgehend von seinen Arbeiten zum kindlichen Erstspracherwerb und zum Sprachverlust, wie er bei der Aphasie auftritt (gr. aphasia: „Sprachlosigkeit“; von a-: „ohne“ + phasis: „Äußerung“). Aphasien sind Störungen der Sprachproduktion und des Sprachverständnisses (meist bedingt durch Schlaganfälle und Läsionen bestimmter Gehirnareale), die von einfachen Verständnisschwierigkeiten und Wortfindungsstörungen bis hin zum vollständigen Verlust der Sprache und des Sprachvermögens führen können.1 Jakobson weist die in der Medizin übliche Unterteilung in sensorische und motorische Aphasien zurück und schlägt stattdessen eine Klassifikation aphasischer Störungen anhand rein linguistischer Prinzipien vor, die zwischen Similaritäts- und Kontiguitätsstörungen unterscheidet. Während bei Patient:innen mit Similaritätsstörung die Fähigkeit zur Selektion und Substitution sprachlicher Einheiten beeinträchtig ist, was zu einem Verlust von Metaphern führt, ist bei der Kontiguitätsstörung die Kombination und Kontextbildung in Mitleidenschaft gezogen, mit der Folge, dass die Metonymien verschwinden. Damit zielt Jakobson auf den Nachweis, dass sich alle semiotischen Prozesse auf zwei Prinzipien zurückführen lassen: metaphorische Similaritätsbeziehungen und metonymische Kontiguitätsbeziehungen. Entsprechend lässt sich die Vielzahl der rhetorischen Tropen, welche die Rhetorik in ihrer langen Geschichte hervorgebracht hat, auf zwei Haupttropen reduzieren: Metapher und Metonymie. Während die Metapher auf Similaritätsbeziehungen wie Ähnlichkeit und Analogie beruht, was nach Jakobson auch Gegensätze und daher die Ironie einschließt, basiert die Metonymie auf Kontiguitätsbeziehungen wie kausaler, zeitlicher oder räumlicher Nachbarschaft, wozu er auch die Synekdoche zählt.
Jakobsons Rückgriff auf das Vokabular der rhetorischen Tropenlehre ist dabei kein Zufall, sondern steht in engem Zusammenhang mit der Wiederkehr der Rhetorik im 20. Jahrhundert, nachdem diese im 18. und
19. Jahrhundert ihre Bedeutung als Teil des allgemeinen Bildungskanons eingebüßt hat (vgl. Torra 1995). Insbesondere die Metapher erlebt im
20. Jahrhundert einen regelrechten Boom (vgl. Seitz und Posselt 2017). Sie wird nicht nur zu einem Prüfstein, an dem sich alle philosophischen Strömungen – wie analytische Philosophie, Hermeneutik, Strukturalismus und Poststrukturalismus – mit eigenen Metapherntheorien bewähren müssen. Sie ist zugleich die einzige rhetorische Trope, der eine gewisse philosophische Dignität zugesprochen wird, insofern sie eine bedeutungsgenerierende und erkenntnisfördernde Kraft besitzt. Metaphern lenken nicht nur unsere Aufmerksamkeit und rahmen unsere Wirklichkeit, indem sie bestimmte Aspekte hervorheben und andere ausblenden; sie beeinflussen auch, wie wir bestimmte Erfahrungen und Sachverhalte wahrnehmen, affektiv besetzen und normativ bewerten. Hans Blumenberg spricht sogar von absoluten Metaphern als „Grundbestände[n] der philosophischen Sprache, […] die sich nicht ins Eigentliche, in die Logizität zurückholen lassen“ (Blumenberg 1983, 289).

Angesichts des Primats der Metapher in der abendländischen Philosophie stellt Jakobsons Insistieren auf der Polarität von Metapher und Metonymie nicht nur eine Provokation, sondern auch eine kritische Intervention dar. Überraschend ist darüber hinaus Jakobsons Verknüpfung der Aphasiologie mit dem Vokabular der Rhetorik, steht doch die Rhetorik als Kunst der Beredsamkeit – zumindest auf den ersten Blick – im Gegensatz zu Phänomenen der Sprachlosigkeit, des Sprachverlusts und des Verstummens. Eine antike Anekdote über den Ursprung der Rhetorik legt jedoch einen Zusammenhang zwischen Rhetorik und Stummheit nahe. So soll während der Tyrannenherrschaft in Syrakus im 5. Jh. v. Chr. ein allgemeines Sprechverbot erlassen worden sein, sodass die Bewohner:innen gezwungen waren, sich mittels Gesten zu verständigen, woraus die Rhetorik und figurative Rede entstanden sein sollen (vgl. Farenga 1979). Während dieser Bericht wohl eher dem Reich der Fiktion zuzuordnen ist, sind die politischen Ursprünge der Rhetorik gut belegt. Zwei politische Reformen haben die Rhetorik besonders befördert (vgl. Torra 1995): die Etablierung einer demokratischen Regierungsform in Athen durch Kleisthenes (508 v. Chr.) und die Reform des Gerichtswesens durch Ephialtes (462 v. Chr.). In der Folge wurden politische Entscheidungen in der Volksversammlung getroffen und gerichtliche Verfahren von durch Los bestimmten Volksgerichten entschieden, wobei jeder Bürger seinen Antrag öffentlich und in geschlossener Rede vortragen musste.

Der enge Zusammenhang zwischen Sprache, Politik und Sprachlosigkeit zeigt sich paradigmatisch in Aristoteles’ Bestimmung des Menschen als zugleich sprachliches (zoon logon echon) und politisches Lebewesen (zoon politikon). Allein der Mensch besitzt den lógos im Sinne von Rede, Sprache, Vernunft und Rationalität, während die Fähigkeit zur bloßen Lautäußerung auch den anderen Lebewesen zukommt.2 Sprache ist folglich nicht nur ein Mittel zum Ausdruck und zur Mitteilung von Bedürfnissen und Intentionen; dazu wäre auch die bloße Stimme (phoné) ausreichend. Vielmehr dient sie dazu, „das Nützliche und Schädliche deutlich kundzutun und also auch das Gerechte und Ungerechte“ (Pol. 1253a), womit Aristoteles zugleich die ethisch-politische Dimension der Sprache und des Sprechens unterstreicht. Diese normative Aufwertung der Sprache geht jedoch mit einem Ausschluss einher, insofern sie eine Grenze zieht: zwischen jenen, die dem Raum der Sprache und des Politischen angehören, und jenen, die von diesem Raum ausgeschlossen sind. Sprach- und Vernunftfähigkeit wird allein dem freien, männlichen Bürger zugesprochen.3 Sklaven stehen dagegen – ähnlich wie Frauen und Kinder – auf einer Stufe mit Arbeitstieren, insofern beide „an der Vernunft [lógos] nur so weit teilha[ben], um ihre Gebote zu verstehen, ohne sie zu besitzen“ (Pol. 1254b). Damit ist nicht gesagt, dass Frauen, Sklaven und Kinder nicht sprechen können; aber sie können dies nur, um Befehle zu empfangen und ihre Bedürfnisse auszudrücken, nicht jedoch um am politischen Gemeinwesen teilzunehmen.

Aus dieser Perspektive ist das Politische ebenso eng mit dem Sprechen verknüpft wie mit dessen Kehrseite: der Sprachlosigkeit, der Stummheit und dem Sprachverlust. Die Etablierung des Politischen schafft ein Außen, das all jene umfasst, die nicht als sprechende Wesen gelten und folglich keinen Anteil haben (vgl. Rancière 2002, 14–32). Sprachlosigkeit und Sprachverlust sind hier weder als ein (ästhetisches) Unsagbares zu verstehen, im Sinne eines grundlegenden „Versagens der Sprache“ (Kamper und Wulf 1992, 1f.) oder eines „Unvermögen[s] der Darstellung, des Ausdrucks, der Mitteilbarkeit“, noch als eine existentielles „Verstummen vor dem Ausmaß des Grauens“ (Liska 2023, 10f.), sondern eher als ein Verlust, wie er z.B. mit dem Entzug des Stimm- und Rederechts einhergeht (vgl. Arendt 2013, 615). Im Extremfall kann dies bedeuten, dass die Worte des anderen nicht mehr als Rede, sondern nur noch als ein bloßes Stammeln, Stottern oder Geräusch wahrgenommen werden, wie der griechische Ausdruck „Barbar“ (gr. bárbaros: „Stammler“, „Stotterer“, wörtlich „Br-Br-Sager“) unterstreicht, mit dem die Griechen alle Fremden bezeichneten, also jene, die nicht oder nur schlecht Griechisch sprachen. Daran schließt sich die Frage an, wie alle jene die Stimme erheben und das Wort ergreifen können, die von der hegemonialen sprachlichen und politischen Repräsentation ausgeschlossen sind – eine Frage, die nicht zuletzt von feministischen, gendertheoretischen und postkolonialen Ansätzen immer wieder aufgegriffen wurde und wird (vgl. Spivak 2008; Hartman 2008; Olson 2024).

Ausgehend von diesen Vorüberlegungen verfolgt mein Beitrag zwei Ziele. Zum einen interessiert mich, inwieweit Jakobsons Einteilung der Aphasien in Similaritäts- und Kontiguitätsstörungen – und die damit korrespondierende Polarität von Metapher und Metonymie – für die Analyse politischer Prozesse produktiv gemacht werden kann. Dahinter steht die Frage, inwiefern der Rekurs auf Szenen des Sprachverlusts, des Verstummens oder des Zum-Schweigen-Bringens als Ausgangspunkt dienen kann, um umgekehrt politische Prozesse der Artikulation und Wortergreifung zu beschreiben. Zwar gibt es verschiedene Ansätze in der politischen Philosophie und Theorie, die von negativen Phänomenen wie etwa dem Streit, Dissens, Konflikt oder Unvernehmen ausgehen. Dabei werden soziale und politische Konflikte jedoch – so die Vermutung – in erster Linie als Similaritätsstörungen verstanden, d.h. als metasprachliche Probleme des Kodes, des Vokabulars und der Übersetzung, und weniger als Kontiguitätsstörungen, die die Ebene der Kombination, des Kontextes und der Koalitionsbildung betreffen. Zum anderen gehe ich Jakobsons Behauptung auf den Grund, dass die Erforschung der Sprache selbst an einer Kontiguitätsstörung leide, insofern sie die Operationen der Selektion und Substitution gegenüber denen der Kombination und Kontextbildung privilegiere. Meine These ist, dass eine solche Kontiguitätsstörung nicht nur der Sprachwissenschaft, sondern in gewissem Maße jedem wissenschaftlichen Diskurs inhärent ist – und damit auch der politischen Theorie und Metaphorologie.

Um diesen beiden Anliegen nachzukommen, arbeite ich zunächst Jakobsons linguistische Unterteilung aphasischer Störungen in Similaritäts- und Kontiguitätsstörungen heraus (1) und diskutiere dann die Implikationen, die sich aus der Polarität von Metapher und Metonymie für die Analyse sprachlicher und semiotischer Prozesse ergeben (2). Auf dieser Grundlage skizziere ich exemplarisch – unter Rekurs auf Jacques Rancière, Jean-François Lyotard, Jürgen Habermas, Judith Butler und Ernesto Laclau – die der politischen Philosophie und Theorie inhärente Tendenz, metaphorische Similaritätsbeziehungen gegenüber metonymischen Kontiguitätsbeziehungen zu privilegieren (3). Dies führt mich zu der Frage, wie die metonymische Dimension nicht nur in der Politik, sondern auch in der Theorie berücksichtigt werden kann, und welche Aufgaben sich daraus für die politische Theorie ergeben (4).

1 Der Doppelcharakter der Sprache und der Aphasien

Jakobsons Verdienst besteht nicht nur in der Etablierung des Strukturalismus als einer allgemeinen Methode der Geistes- und Sozialwissenschaften; er hat auch wesentlich zu dessen kritischer Weiterentwicklung beigetragen und damit dem Poststrukturalismus den Weg geebnet. Zwar bleibt er auf den ersten Blick dem strukturalistischen Denken in binären Oppositionen verpflichtet; er versteht diese Oppositionen jedoch nicht länger als starre Gegensätze, sondern vielmehr als Pole, die Übergänge und Zwischenformen zulassen. Zudem betont er – gegen die strukturalistische Tendenz, Sprache auf ein monolithisches System (langue) zu reduzieren – die Vielfältigkeit und Interdependenz der sprachlichen
(Sub-)Systeme und Funktionen (vgl. Holenstein 1979). Jakobson erweitert Karl Bühlers (1999) dreigliedriges Organon-Modell – bestehend aus den drei außersprachlichen Komponenten Sender, Empfänger und Sachverhalt – um die drei innersprachlichen Komponenten des physischen Kommunikationskanals, des Kodes und der Mitteilung und gelangt so zu einem sechsgliedrigen Modell, das neben der expressiven, appellativen und referentiellen Funktion des Zeichens auch seine phatische, metasprachliche und poetische Funktion umfasst (vgl. Jakobson 1979a; Babka und Posselt 2024, 107).

Seine zentralen Überlegungen zur Polarität von Metapher und Metonymie entwickelt Jakobson ausgehend von seinen Arbeiten zum Spracherwerb und Sprachverlust. Diese stellen nach Jakobson keine Gegensätze dar, sondern sind vielmehr die zwei Seiten ein und desselben Prozesses (1969, 81). Hervorzuheben sind hier einerseits das auf Deutsch verfasste und während seiner schwedischen Emigration publizierte Kindersprache, Aphasie und allgemeine Lautgesetze (1941) sowie das gemeinsam mit Morrison Halle auf Englisch verfasste Werk Fundamentals of Language (1956), und hier vor allem Jakobsons Beitrag „Two Aspects of Language and Two Types of Aphasic Disturbances“ (dt. „Zwei Seiten der Sprache und zwei Typen aphatischer Störungen“ (1960 [1956])).

Ausgangspunkt von Jakobsons Analyse ist Ferdinand de Saussures These, dass jede sprachliche Einheit zwei Systemanordnungen angehört, die konstitutiv miteinander verbunden sind: (1) der syntagmatischen Achse der Kombination und (2) der paradigmatischen Achse der Selektion. Jede sprachliche Äußerung ist eine Kombination einzelner Elemente (Phoneme, Morpheme, Lexeme etc.), die aus dem Kode selektiert und zu größeren Einheiten (Wörtern, Sätzen, Texten etc.) kombiniert werden. Die Kombination geht mit der Bildung eines Kontextes einher und beruht auf Kontiguitäts- oder Anreihungsbeziehungen. Die Selektion folgt dem Prinzip der Substitution und beruht auf Similaritätsbeziehungen zwischen den einzelnen Elementen des Kodes. Beim Sprechen wählen wir aus dem Kode einzelne Elemente aus, die zueinander in virtuellen Similaritätsbeziehungen stehen, und kombinieren diese zu größeren Einheiten, sodass jedes Element sowohl Teil eines komplexeren Kontextes ist als auch selbst als Kontext für einfachere Elemente fungiert. Folglich sind Kombination und Kontextbildung einerseits sowie Selektion und Substitution andererseits jeweils „zwei Erscheinungsformen derselben Operation“ (1960, 53).

Man kann im Anschluss an Saussure sagen, dass es sich bei der Kombination um ein System „in praesentia“ handelt, das die Bestandteile in einer linearen Reihe aufgrund von Kontiguitätsbeziehungen miteinander verknüpft, während es sich bei der Selektion um ein System „in absentia“ handelt, bei dem die einzelnen Elemente in einer virtuellen Gedächtnisreihe aufgrund von Similaritätsbeziehungen miteinander verbunden werden (2001, 148). In diesem Sinne spricht auch Jakobson davon, dass „die äußere Relation der Kontiguität die Bestandteile eines Kontextes [vereinigt], während die innere Relation der Gleichartigkeit (Similarität) die Voraussetzung zur Substitution bildet“ (1960, 59). So steht in dem Satz „Das Kind geht zur Schule“ das Wort „geht“ zum einen in äußeren Kontiguitätsbeziehungen zu den Wörtern, die seinen Kontext bilden („das“ „Kind“, „Schule“ etc.); zum anderen ist es über den Kode mit anderen Verben wie „läuft“, „rennt“, „schlendert“, „spaziert“ etc. verknüpft, mit denen es durch Similaritätsbeziehungen verbunden ist und durch die es substituiert werden kann. Jedes sprachliche Element ist folglich sowohl durch seinen Kontext als auch seinen Kode bestimmt, sowohl durch seine äußeren Relationen der Kontiguität als auch seine inneren Relationen der Similarität.

Jakobson macht die Unterscheidung zwischen Similaritäts- und Kontiguitätsbeziehungen nun auch für die Beschreibung und Analyse der Aphasien produktiv. Bei diesen handelt es sich – im Unterschied zu Sprechstörungen wie Stottern und Mutismus – um Störungen des Sprachvermögens aufgrund organischer Schädigungen des Gehirns, bedingt durch Schlaganfälle oder äußere verletzende Einwirkungen. Erstmals lokalisiert wurden die für Sprachproduktion und für das Sprachverständnis relevanten Gehirnareale von Paul Broca (1824–1880) und Carl Wernicke (1848–1905), weshalb man auch von Broca- und Wernicke-Aphasien spricht. Bei der motorischen oder Broca-Aphasie kommt es zu einer Beeinträchtigung der Sprachproduktion bei intaktem Sprachverständnis. Kennzeichen sind Wortfindungsstörungen und die Beeinträchtigung von Morphologie, Satzbau und Grammatik, was zu Agrammatismus und Telegrammstil führt. Dagegen ist bei der sensorischen oder Wernicke-Aphasie das Sprachverständnis gestört, während die Sprachproduktion – zumindest auf der phonetischen Ebene – weitgehend intakt bleibt. Während die Patient:innen in der Regel flüssig sprechen, teilweise sogar exzessiv (Logorrhoe), ist die Fähigkeit, die intendierten Bedeutungen mit der korrekten Lautfolge zu verbinden, eingeschränkt, was zur Bildung von Neologismen und im Extremfall zur völligen Unverständlichkeit des Gesagten führt.

Jakobson schlägt gegenüber der medizinischen Unterteilung in sensorische und motorische Aphasien eine linguistische Klassifikation aphasischer Störungen vor, die nicht mehr an physiologischen Parametern wie Sensorik und Motorik orientiert ist, sondern den Fokus explizit auf die Sprache legt.4

„Wenn die Aphasie – wie der Name selbst sagt – eine Störung der Sprache ist, dann muß jede Beschreibung und Klassifizierung der aphatischen Syndrome mit der Frage beginnen, welche Seiten der Sprache bei den verschiedenen Arten einer solchen Störung geschädigt sind. […] Dieses Problem […] kann nicht ohne die Beteiligung der […] Linguisten gelöst werden.“ (1960, 49)

Jakobsons Pointe besteht nun darin, die beiden Grundoperationen der Sprache – (1) Selektion und Substitution sowie (2) Kombination und Kontextbildung – für die Beschreibung und Analyse aphasischer Störungen produktiv zu machen. Im Fokus steht nicht länger die Frage, ob die Sprachproduktion oder das Sprachverständnis, die motorischen oder die sensorischen Fähigkeiten geschädigt sind, sondern welche der beiden Operationen der Sprache jeweils stärker in Mitleidenschaft gezogen ist. Dies führt Jakobson zu der Unterteilung der Aphasien in Similaritäts- und Kontiguitätsstörungen – „je nachdem, ob die Selektion und Substitution bei relativ gut erhaltener Kombination und Kontextbildungsfähigkeit mehr geschädigt ist oder ob umgekehrt die Kombination und Kontextbildungsfähigkeit bei relativ gut bewahrter Selektion und Substitution den größeren Schaden erlitten hat“ (1960, 65). Mit dieser Bestimmung macht Jakobson zugleich deutlich, dass wir es nicht mit klar abgrenzbaren Störungsbildern zu tun haben, sondern vielmehr mit vielfältigen Übergangs- und Zwischenformen:

„Die Spielarten der Aphasie sind zahlreich und verschiedenartig, aber alle bewegen sich zwischen den zwei oben beschriebenen Polen. Jede Form der aphatischen Störung besteht aus einer mehr oder weniger ernsten Schädigung der Fähigkeit entweder zur Selektion und Substitution oder zur Kombination und Kontextbildung. Das erste Leiden bringt eine Zerstörung der metasprachlichen Operation mit sich, während das letztere die Fähigkeit zur Aufrechterhaltung der Hierarchie der linguistischen Einheiten in Mitleidenschaft zieht. Beim ersten Typ der Aphasie ist die Relation der Similarität, beim zweiten Typ die Relation der Kontiguität aufgehoben.“ (1960, 65)

Damit können wir die beiden Typen der Aphasie genauer charakterisieren: (1) Bei der Similaritätsstörung sind die Operationen der Selektion und Substitution beeinträchtigt, während die Fähigkeit zur Kombination und Kontextbildung weitgehend erhalten bleibt. Dies betrifft vor allem die metasprachlichen Operationen. Die betroffenen Patient:innen leiden unter Wortfindungsstörungen, der Beeinträchtigung der Fähigkeit, sprachliche Ausdrücke zu paraphrasieren oder durch synonyme Ausdrücke zu ersetzen, oder dem Verlust einer vormals bestehenden Mehrsprachigkeit. Dagegen bleibt die Fähigkeit zur syntaktischen Kombination und Kontextbildung weitgehend intakt. Auf das Zeigen eines Bleistifts antworten die Patient:innen z. B. nicht mit „Bleistift“, sondern mit der prädikativen Formulierung „… zum Schreiben“. Damit steigt zugleich die Relevanz des Kontextes für die Bewältigung sprachlicher Aufgaben: „Je mehr die Äußerungen vom Kontext abhängig sind, desto besser kommt er [der Patient] mit seiner verbalen Aufgabe zurecht.“ (1960, 55) Fehlt der Kontext oder ist dieser nicht mehr klar ersichtlich, verlieren die sprachlichen Einheiten zunehmend an Bedeutung. Im Extremfall besitzen die Wörter außerhalb des Kontextes keinerlei Bedeutung mehr. Die Patient:innen verstehen zwar noch, dass etwas gesagt wird, aber nicht mehr, was gesagt wird.

„‚Ich kann Sie sehr deutlich hören, aber ich kann nicht verstehen, was Sie sagen … ich höre Ihre Stimme, aber nicht die Worte … es läßt sich nicht aussprechen.‘ Er [der Patient] betrachtet die Äußerung des anderen als Kauderwelsch oder zumindest als eine unbekannte Sprache.“ (1960, 59)

Mit dem Verlust der metasprachlichen Funktion der Sprache und der Fähigkeit zur Kodeumschaltung geht auch die Fähigkeit verloren, metaphorische Ausdrucksweisen zu verstehen. Metaphern werden allein in ihrer wörtlichen und nicht in ihrer übertragenen Bedeutung erfasst. Daraus darf allerdings nicht gefolgert werden, dass übertragene Ausdrucksweisen generell nicht mehr verwendet und verstanden werden. Tatsächlich bleibt von den beiden Tropen Metapher und Metonymie „die letztere, die auf dem Prinzip der Kontiguität beruht“, erhalten (1960, 60). Die Patient:innen sagen z. B. statt „Messer“ „Gabel“ oder „… zum Schneiden“, „Rauch“ für „Pfeife“, „schwarz“ für „tot“ etc., und greifen damit auf Assoziationen zurück, die auf metonymischen Relationen beruhen.

(2) Demgegenüber sind bei der Kontiguitätsstörung die Operationen der Kombination und Kontextbildung beeinträchtigt, während die Fähigkeit zur Selektion und Substitution relativ intakt bleibt. Damit betrifft die Kontiguitätsstörung vor allem Syntax, Grammatik und Satzbildung. Es kommt zu einem Verlust der Flexion und der Fähigkeit, sprachliche Einheiten zu größeren Einheiten zu kombinieren oder in kleinere Einheiten zu zerlegen. Kurz: Während bei der Similaritätsstörung vor allem die metasprachlichen Operationen betroffen sind, sind bei der Kontiguitätsstörung die grammatischen Operationen in Mitleidenschaft gezogen. Die Folge sind ein agrammatischer Telegrammstil, der sich durch eine Aneinanderreihung und Anhäufung nominaler Wörter und Verben auszeichnet, da Wörter „mit einer rein grammatischen Funktion, wie Konjunktion, Präpositionen, Pronomina und Artikel zuerst verloren gehen“ (1960, 62; Übers. mod.). Am stabilsten erweisen sich dagegen jene Wörter, die grammatisch weitgehend unabhängig vom sprachlichen Kontext sind, wie Substantive
oder Eigennamen. Im Extremfall sind die Patient:innen nur noch in der Lage, die für Kleinkinder typischen Ein- oder Zweiwortsätze zu formulieren. Mit dem Verlust der grammatischen Operationen und der Kontextbildungsfähigkeit geht die Fähigkeit zur Verwendung von Metonymien verloren, während die Metapher an Bedeutung gewinnt:

„Um zu sagen, was ein Ding ist, muß gesagt werden, womit es Ähnlichkeit hat.“ Der Patient, der sich auf die Substitution beschränken muß (sobald einmal die Kontextbildungsfähigkeit geschädigt ist), arbeitet mit Gleichartigkeiten [similarities]; seine Annäherungen sind metaphorischer Natur […].“ (1960, 62)

Die Patient:innen sagen z. B. „Fernglas“ für „Mikroskop“, „Feuer“ für „Licht“, „Schuppen“ für „Hütte“ etc. Bei diesen Ersetzungen handelt es sich zwar nicht um Metaphern im klassischen Sinn, „weil sie im Gegensatz zu den rhetorischen und poetischen Metaphern keine absichtliche Bedeutungsübertragung darstellen“; sie beruhen aber wie die Metapher auf Ähnlichkeits-, Analogie- und Gegensatzbeziehungen, sodass man zumindest von „quasimetaphorischen Ausdrücken“ sprechen kann (1960, 62).

2 Die Polarität von Metapher und Metonymie

Dies veranlasst Jakobson, eine Korrelation zwischen Similaritäts- und Kontiguitätsstörung und der Verwendung von Metaphern und Metonymien zu formulieren: „Beim ersten Typ der Aphasie ist die Relation der Similarität, beim zweiten Typ die Relation der Kontiguität aufgehoben. Bei der Similaritätsstörung entfallen die Metaphern, bei der Kontiguitätsstörung die Metonymien.“ (1960, 65) Metapher und Metonymie bilden somit die beiden Pole der Sprache, zwischen denen sich die Rede der Apha-siker:innen bewegt. Dies gilt aber nun keineswegs nur für die Aphasien, sondern für jede Rede.

„Eine Rede kann sich in zwei verschiedenen semantischen Richtungen entwickeln: der Gegenstand der Rede kann sowohl durch die Similaritätsoperation als auch durch die Kontiguitätsoperation in einen anderen Gegenstand überführt werden. Den ersten Weg könnte man als den metaphorischen, den zweiten als den metonymischen Weg bezeichnen, da diese Wege durch die Metapher bzw. die Metonymie am besten zum Ausdruck kommen.“ (1960, 65)

Jakobson schließt daraus, dass die Polarität von Metapher und Metonymie – und mit ihr die „bipolare Struktur der Sprache (oder auch anderer semiotischer Systeme)“ (1960, 67) – allen sprachlichen und semiotischen Prozessen zugrunde liegt. Metapher und Metonymie sind hier nicht länger im Sinne der klassischen Tropenlehre als die Übertragung eines Wortes zu verstehen, sondern als die beiden Richtungen, in die sich jede Rede entwickeln kann, und zwar sowohl auf der horizontal-syntagmatischen Ebene als auch auf der vertikal-paradigmatischen Ebene. Dies lässt sich am Beispiel einfacher Assoziations- oder Stimulus-Response-Tests erläutern, bei denen die Versuchspersonen aufgefordert werden, „auf ein Stichwort die erste verbale Reaktion, die ihnen in den Kopf kommt, wieder[zu]geben“ (1960, 65). Je nachdem, ob die Versuchsperson das genannte Stichwort (Stimulus) ersetzt oder ergänzt, spricht man von einer substituierenden oder prädikativen Reaktion (Response). So kann die Versuchsperson auf das Stichwort „Hütte“ auf zwei Arten antworten: (1) substituierend mit „kleines Haus“, „Schuppen“, „Dach“, „Holz“ etc. oder (2) prädikativ mit „… ist abgebrannt“ „… ist ein kleines Haus“, „… hat ein Dach“ etc. Die substitutive Reaktion bedient sich der Selektion und Substitution basierend auf positioneller Similarität entlang der vertikal-paradigmatischen Achse; die prädikative Reaktion verwendet Kombination und Kontextbildung basierend auf positioneller Kontiguität entlang der horizontal-syntagmatischen Achse. Similaritäts- und Kontiguitätsbeziehungen können aber nicht nur in positioneller, sondern auch in semantischer Hinsicht vorliegen, sodass sich insgesamt vier Kombinationsmöglichkeiten ergeben:

(1a) Bei der Substitution von „Hütte“ durch „kleines Haus“ (Metapher) handelt es sich um eine positionelle Similarität bei semantischer Similarität;

(1b) bei der Substitution von „Hütte“ durch „Dach“ (Metonymie) um eine positionelle Similarität bei semantischer Kontiguität.

(2a) Bei der prädikativen Ergänzung von „Hütte“ mit „… ist ein kleines Haus“ handelt es sich um eine positionelle Kontiguität bei semantischer Similarität;

(2b) bei der Ergänzung von „Hütte“ mit „… hat ein Dach“ oder „… ist abgebrannt“ um eine positionelle Kontiguität bei semantischer Kontiguität (1960, 65).

Oder in der Terminologie von Metapher und Metonymie formuliert:
(1a) Die Substitution von „Hütte“ durch „kleines Haus“ ist eine Similaritäts-Metapher; (1b) die Substitution durch „Dach“ eine Similaritäts-Metonymie. (2a) Die prädikative Ergänzung von „Hütte“ mit „… ist ein kleines Haus“ ist eine Kontiguitäts-Metapher; (2b) die Ergänzung mit „… hat ein Dach“ ist eine Kontiguitäts-Metonymie.5 Welche Richtung die Versuchsperson dabei bevorzugt, ist weniger Ausdruck einer ‚Störung‘ als Resultat individueller Vorlieben, wie sie sich auch in literarischen Stil- und Gattungsformen zeigen (1960, 66), was Jakobson veranlasst, das Metaphorische mit der Poesie und das Metonymische mit der Prosa zu assoziieren (1960, 70; vgl. 1979b).

Damit bekräftigt Jakobson nochmals das allgemeine Grundprinzip der Bipolarität. Nicht nur sind Metapher und Metonymie die beiden Richtungen, in die sich jede Rede entwickeln kann; diese Entwicklung kann sich selbst wiederum metaphorisch und metonymisch vollziehen. Daraus folgt auch, dass eine strikte Unterscheidung zwischen Metapher und Metonymie – ein alter Streitpunkt der Metapherntheorie (vgl. Genette 1983) – letztlich nicht möglich ist. Eine Metapher kann ebenso metonymisch sein wie eine Metonymie metaphorisch, wobei gerade die Schnittstellen von Interesse sind, an denen sich beide treffen. Darüber hinaus ist die Polarität von Metapher und Metonymie keineswegs auf sprachliche Zeichensysteme beschränkt, sondern findet sich auch in „nicht-sprachlichen Zeichensystemen“ wie der Malerei, der Fotografie oder dem Film – ja, letztlich in allen semiotischen Prozessen: von Träumen, psychischen Vorgängen und persönlichen Verhaltensweisen über magische Riten, religiöse Bräuche und kulturelle Praktiken bis hin zu sozialem Handeln.6 Damit gelangt Jakobson zu seiner zentralen These:

„Die hier behandelte Dichotomie“ – gemeint ist die „bipolare Struktur der Sprache (oder auch anderer semiotischer Systeme)“ – „scheint von erstrangiger Bedeutung und Konsequenz für das gesamte sprachliche Verhalten und das menschliche Verhalten im allgemeinen zu sein.“ (1960, 67).

Dabei ist zu beachten, dass Metapher und Metonymie gerade keine Dichotomie bilden (auch wenn Jakobson den Ausdruck an dieser Stelle verwendet, was vermutlich seinem strukturalistischen Erbe geschuldet ist), sondern eine Polarität. Denn während eine Dichotomie per Definition eine starre, kategoriale Zweiteilung darstellt, die keine Schnittmengen und Überschneidungen erlaubt, verweist der Begriff der Polarität auf ein Kontinuum von Übergangs- und Zwischenformen, die sich zwischen zwei Polen bewegen. Da wir es darüber hinaus mit zwei sich kreuzenden Achsen oder, genauer gesagt, Ebenen zu tun haben, einer horizontalen und einer vertikalen, sind metaphorische Metonymien ebenso möglich wie metonymische Metaphern. Die Metapher-Metonymie-Polarität impliziert damit ein Moment der Ambiguität oder Unentscheidbarkeit. In jedem semiotischen Verfahren sind immer sowohl metaphorische als auch metonymische Aspekte, sowohl Similaritäts- als auch Kontiguitätsbeziehungen relevant, ohne dass es möglich wäre, die eine Seite von der anderen zu isolieren. Diese Konstellation ist mit John L. Austins (1979) vergeblichem Versuch vergleichbar, eine klare Grenze zwischen konstativen und performativen Äußerungen zu ziehen: So wie der entscheidende Gewinn von Austins Analyse in dem Nachweis besteht, dass die Konstativ-Performativ-Unterscheidung keine dichotome Klassifizierung darstellt, in die sich alle Äußerungen wie in zwei Schubladen einordnen lassen, sondern dass in jeder Äußerung sowohl konstative als auch performative, sowohl Wahrheits- als auch Handlungsaspekte wirksam sind, so besteht der wesentliche Wert von Jakobsons Analyse der Metapher-Metonymie-Polarität in dem Nachweis, dass in allen semiotischen Prozessen metaphorische und metonymische Aspekte eine Rolle spielen, die sich wechselseitig erfordern und bedingen.7

Diesem konstitutiven Bedingungsverhältnis gegenüber steht der Befund, dass die Metonymie im Vergleich zur Metapher in der Wissenschaft nur wenig Beachtung gefunden hat. Im Fokus steht fast immer die Metapher, wie die zahlreichen Metapherntheorien belegen (vgl. Haverkamp 1996; Seitz und Posselt 2017).8 Die Vernachlässigung der Metonymie ist dabei nach Jakobson kein Zufall, sondern darauf zurückzuführen, dass sie auf einem anderen Prinzip beruht als die wissenschaftliche Forschung. Bei der Metapher verhält es sich dagegen umgekehrt. Da sie selbst auf dem metasprachlichen Prinzip der Similarität basiert, bildet sie auch das Paradigma für das Sprechen über Sprache:

„Die Gleichartigkeit [similarity] in der Bedeutung verbindet die Symbole der Metasprache mit den Symbolen der Bezugssprache. Die Gleichartigkeit verknüpft einen metaphorischen Ausdruck mit dem Ausdruck, für welchen er gesetzt wird. Infolgedessen besitzt der Forscher bei der Bildung der Metasprache für die Interpretation der Tropen bessere Mittel zur Behandlung der Metaphern als zur Behandlung der auf einem anderen Prinzip beruhenden, schwerer zu interpretierenden Metonymien.“ (1960, 69)

Besonders deutlich wird dies im Fall der Poetik, da hier Similaritätsbeziehungen nicht nur auf der semantischen, sondern auch auf der syntaktischen Ebene (Reim, Metrum etc.) vorliegen. Es ist daher nicht überraschend, so Jakobsons Konklusion, dass sich „das Studium der poetischen Tropen hauptsächlich der Metaphorik zu[wendet]“ (1960, 70). Das hat weitreichende Konsequenzen. Das Primat des Metaphorischen führt zu einer Auflösung der Polarität von Metapher und Metonymie in ein unipolares Schema, vergleichbar der Kontiguitätsstörung: „An die Stelle der wirklichen Polarität [tritt] […] ein unechtes, verstümmeltes, unipolares Sche-ma, das ganz augenfällig mit dem einen der beiden Aphasiesyndrome zusammenfällt, nämlich mit der Kontiguitätsstörung.“ (1960, 70)

3 Von der Aphasiologie zur politischen Theorie

Diese Disposition zur Kontiguitätsstörung – bzw. zur Priorisierung von Similaritäts- gegenüber Kontiguitätsbeziehungen, wenn man das Vokabular der Störung vermeiden will – ist aber nun, so die Vermutung, keine Besonderheit der Sprach- oder Literaturwissenschaft, sondern in gewissem Maße dem wissenschaftlichen Diskurs selbst inhärent. Der Grund dafür ist, dass Theorien auf metasprachliche Operationen der Selektion und Substitution zurückgreifen, um ihre Gegenstände zu beschreiben und zu analysieren, während die innersprachlichen Operationen der Kombination und Kontextbildung nur schwach ausgebildet sind. Anders gesagt: Theorie und Wissenschaft mangelt es schlicht an den geeigneten Mitteln, um metonymische Prozesse angemessen zu berücksichtigen. Trifft diese These zu, dann müsste sich die Priorisierung von Similaritätsbeziehungen auch in der politischen Theorie und Philosophie finden lassen. Deutlich wird dieser Bias, so die Vermutung, in der Tendenz, politische Krisen und Konflikte vorrangig als ‚Similaritätsstörungen‘ zu verstehen und somit als Probleme des Kodes: von einfachen Übersetzungs- und Vermittlungsproblemen über Fragen des politischen Framing bis hin zu radikalen Formen des Missverständnisses.

Illustrieren lässt sich dies am Beispiel von Jacques Rancières Bestimmung des Unvernehmens als einer Situation, „bei der X nicht den gemeinsamen Gegenstand sieht, den ihm Y präsentiert, weil er nicht vernimmt, dass die von Y ausgesendeten Töne Wörter bilden und Verknüpfungen von Wörtern, die den seinen ähnlich wären“ (2002, 11). Dies erinnert an die von Jakobson beschriebene Extremform der Similaritätsstörung, bei der es aufgrund des vollständigen Verlusts der Metasprache zum Verlust der Fähigkeit der Kodeumschaltung und zur Ausbildung eines Ideolekts kommt. Die Patient:in hört zwar, dass der andere spricht und vernimmt seine Stimme, versteht ihn aber nicht und vermag keine sprachlichen Sinneinheiten zu erkennen: „Ich kann Sie sehr deutlich hören, aber ich kann nicht verstehen, was Sie sagen … ich höre Ihre Stimme, aber nicht die Worte … es läßt sich nicht aussprechen.“ (Jakobson 1960, 59) Darüber hinaus will Rancière das Unvernehmen – in Abgrenzung zu Jean-François Lyotards Widerstreit – nicht als eine „Frage der Unterschiedlichkeit der Ordnung der Sätze und der An- oder Abwesenheit einer Regel für die Beurteilung der Arten der unterschiedlichen Diskurse“ verstanden wissen (also nicht als eine Frage der syntaktischen Verkettung von Sätzen), sondern als eine Frage der „An- oder Abwesenheit eines gemeinsamen Gegenstandes“ auf der paradigmatischen Achse der Selektion und Substitution: „Das Unvernehmen betrifft weniger die Argumentation [im Sinne der logischen Verknüpfung von Sätzen, G.P.] als das Argumentierbare, die An- oder Abwesenheit eines gemeinsamen Gegenstandes zwischen einem X und einem Y.“ (Rancière 2002, 11).

Rancières Adressierung politischer Konflikte als Similaritätsstörungen über den Begriff des Unvernehmens scheint ihre spiegelbildliche Entsprechung in Jürgen Habermas’ Begriff des Diskurses als metasprachlicher Instanz zur Bearbeitung und konsensuellen Lösung widerstreitender Geltungsansprüche zu finden. Dies wird deutlich, wenn Habermas den Diskurs als eine schrittweise Radikalisierung der Selbstreflexion des erkennenden Subjekts beschreibt: „Das gewählte Sprachsystem muß die und genau die Interpretationen von Bedürfnissen zulassen, in denen die Diskursteilnehmer sich ihre innere Natur transparent machen und erkennen können, was sie wirklich wollen.“ (1981, 173f.) Dazu muss sichergestellt sein, „daß die Beteiligten die Begründungssprache, in der sie ihre Bedürfnisse interpretieren, hinterfragen und revidieren können“, und „daß die Teilnehmer jederzeit die Diskursebene wechseln und sich der Unangemessenheit tradierter Bedürfnisinterpretationen innewerden können.“ (1981, 173f.; meine Herv.)

Demgegenüber scheint Lyotards Widerstreit – verstanden als „ein Konfliktfall zwischen (wenigstens) zwei Parteien, der nicht angemessen entschieden werden kann, da eine auf beide Argumentationen anwendbare Urteilsregel fehlt“ (1989, 9) – sowohl Similaritäts- als auch Kontiguitätsoperationen zu seiner Bearbeitung zu erfordern. Similaritätsbeziehungen stehen im Vordergrund, wenn er den Widerstreit als den „Moment der Sprache“ bestimmt, „in dem etwas, das in Sätze gebracht werden können muß, noch darauf wartet. […] ‚Man findet keine Worte‘ usw.“ (1989, §22). Im selben Paragraphen unterstreicht Lyotard aber auch die Wichtigkeit von Kontiguitätsbeziehungen, wenn er geltend macht, dass es „einer angestrengten Suche [bedarf], um die neuen Formations- und Verkettungsregeln für die Sätze aufzuspüren, die dem Widerspruch […] Ausdruck verleihen können“,9 um dann den Fokus wieder auf Similarität zu legen, wenn er schließt: „Für eine Literatur, eine Philosophie und vielleicht sogar eine Politik geht es darum, den Widerstreit auszudrücken, indem man ihm entsprechende Idiome verschafft.“ (1989, §22)

In ähnlicher Weise wie Lyotard scheint auch Judith Butler in ihrer politischen Theorie zwischen Similaritäts- und Kontiguitätsbeziehungen zu oszillieren, wenn sie argumentiert, dass „der Begriff der Universalität ein Verständnis von Kultur als eine Beziehung des Austauschs und als eine Aufgabe der Übersetzung erzwingt“ (2013b, 32). Übersetzung ist dabei nicht einfach als die Übertragung eines Begriffs von einem Kode in einen anderen zu verstehen, sondern als ein kontinuierlicher Transformationsprozess, der sich zwischen zwei Sprachen ereignet, als eine Bewegung, „die die Bewegung zwischen den Sprachen ist und ihr letztes Ziel in dieser Bewegung selbst hat“ (2013a, 226).

Ernesto Laclau ist vermutlich der politische Theoretiker, der der Polarität von Metapher und Metonymie am konsequentesten Rechnung trägt.10 Bereits in Hegemonie und radikale Demokratie bestimmen Laclau und Chantal Mouffe Hegemonie als einen „Typus politischer Beziehung“, die „grundlegend metonymisch ist“ (2000, 184). Erläutern lässt sich dies am Beispiel der Entstehung und Formierung politischer Protestbewegungen (vgl. Posselt 2013; xv–xvii; Gebh und Seitz 2024, 119f.): In einem ersten Schritt werden unterschiedliche Einzelforderungen, die möglicherweise nur wenig miteinander zu tun haben, über eine Kette von Äquivalenzbeziehungen miteinander verknüpft. Erreicht wird dies unter anderem dadurch, dass sich die unterschiedlichen Forderungen gegenüber einem gemeinsamen Antagonisten abgrenzen. Umso länger die Kette der Forderungen wird, desto mehr verlieren die einzelnen Elemente ihren spezifischen Gehalt und entwickeln sich zu tendenziell „leeren Signifikanten“ (Laclau 2001b). Dies erhöht die Notwendigkeit, die Verkettung von Einzel-forderungen zu repräsentieren, damit sie politisch wirksam werden kann. Da jedoch nur die einzelnen partikularen Elemente als mögliche Repräsentanten zur Verfügung stehen, muss eines von ihnen diese Aufgabe für die gesamte Kette übernehmen. Das ist nach Laclau der entscheidende „hegemoniale Zug“ im Prozess der Artikulation: „Der Körper einer Partikularität übernimmt eine universale Repräsentationsfunktion“ (2013, 375). Dies scheint auf den ersten Blick der Aussage zu widersprechen, dass die Hegemonie eine metonymische Beziehung ist, wenn man bedenkt, dass Repräsentationsprozesse metaphorisch verlaufen. Laclau betont allerdings zugleich, dass keine dieser Beziehungen rein metaphorisch oder metonymisch ist, sondern immer beide Aspekte relevant sind: „Nur an den Spuren einer (kontingenten) Kontiguität, die jede Analogie kontaminiert, kann eine hegemoniale Beziehung entstehen.“ (2001a, 160) Oder wie er es mit den Worten Gérard Genettes formuliert: „Ohne Metapher […] keine wahren Erinnerungen […]: Ohne Metonymie keine Verkettung von Erinnerungen, keine Geschichte, kein Roman. […] Hier also, nur hier – durch die Metapher, aber in der Metonymie – beginnt die Erzählung.“ (Genette 1972, 63, zit. nach Laclau 2001a, 165)

In Jakobsons Terminologie lässt sich das wie folgt formulieren: Die Bildung von Äquivalenzketten entspricht dem metonymischen Prozess der Kombination und Kontextbildung, wobei jede einzelne Verkettung sowohl auf metaphorische (basierend auf Ähnlichkeits- und Analogiebeziehungen) als auch auf metonymische Weise (basierend auf räumlichen, zeitlichen und kausalen Relationen) zustande kommen kann, wie wir auch am Beispiel der prädikativen Ergänzung gesehen haben. Der hegemoniale Zug, durch den ein partikulares Element die Repräsentation der gesamten Kette übernimmt, entspricht hingegen der Grundoperation der Selektion und Substitution, wobei auch hier der Ersetzungsprozess sowohl metaphorisch als auch metonymisch verlaufen kann. So kann die Wahl und Einsetzung politischer Repräsentant:innen, die sich typischerweise auf der vertikalen Achse der Selektion und Substitution vollzieht, auf metaphorischen Similaritätsbeziehungen oder metonymischen Kontiguitätsbeziehungen beruhen – oder aus einer Kombination von beiden. Ein Beispiel für den ersten Fall wären sogenannte Bürger:innenparlamente, die einen repräsentativen Querschnitt aller Bürger:innen eines Staates abbilden sollen. Ein Beispiel für den zweiten Fall wäre das Rätesystem, das auf räumlichen und kausalen Kontiguitätsbeziehungen basiert.

4 Die doppelte Aufgabe der politischen Theorie

Auch wenn diese kursorischen Beispiele keine systematische Analyse der genannten Ansätze und der politischen Theorie im Allgemeinen ersetzen können und sollen, vermögen sie doch Orientierungspunkte zu liefern, in welche Richtung eine solche Untersuchung gehen kann. Von einer Kontiguitätsstörung bzw. einem Similaritätsbias der politischen Theorie wäre zu sprechen, wenn sich zeigen ließe, dass diese, in ihrer Beschreibung und Analyse politischer Phänomene und Prozesse die vertikale Ebene der Selektion und Substitution gegenüber der horizontalen Ebene der Kombination und Kontextbildung privilegiert. Typische Beispiele für die vertikale Ebene sind alle Verfahren der Repräsentation, durch die politische Vertreter:innen ein- oder abgesetzt werden. Beispiele für die horizontale Ebene sind die Bildung politischer Bündnisse und die Etablierung gesellschaftlicher Allianzen. Entscheidend ist dabei, dass diese Prozesse nicht getrennt und unabhängig voneinander verlaufen, sondern konstitutiv miteinander verwoben sind. Egal ob wir sprachliche oder politische Prozesse betrachten, sie bewegen sich immer auf beiden Ebenen und zwischen beiden Polen. So wie vertikale Prozesse der Selektion und Substitution (Metapher) horizontale Prozesse der Kombination und Kontext- bzw. Koalitionsbildung (Metonymie) erfordern, so verlangen Prozesse auf der horizontalen Ebene der Kombination und Kontextbildung (Metonymie) Prozesse der Selektion und Substitution (Metapher). Grenzfälle, die jeweils nur auf eine Seite zu rekurrieren scheinen, wären einerseits Losverfahren, bei denen die horizontale Ebene auf ein Minimum reduziert ist, und andererseits konsensuelle Verfahren, die darauf abzielen, vertikale Prozesse zu minimieren. Aber selbst hier sind die komplementären Prozesse unvermeidlich, da im ersten Fall ausgehandelt werden muss, worüber das Los entscheiden soll, und im zweiten Fall ausgewählt werden muss, über welche Entscheidungen ein Konsens erzielt werden soll.

Vor diesem Hintergrund können wir schematisch zwei Ansätze in der politischen Theorie unterscheiden: Während metaphorisch orientierte Ansätze sich auf die vertikalen Prozesse der Selektion und Substitution konzentrieren, betonen metonymische Zugänge die horizontalen und relationalen Prozesse der Kombination und Kontextbildung. Ein Beispiel für den ersten Fall wäre Thomas Hobbes’ Theorie des Gesellschaftsvertrags, was im Leviathan durch das allegorische Frontispiz auch bildlich in Szene gesetzt wird, ist doch die Allegorie eine ‚fortgesetzte Metapher‘. Demgegenüber wäre Hannah Arendts politische Theorie, die sie in Vita activa (2010) entwickelt, eher metonymisch ausgerichtet, insofern sie die horizontalen Beziehungen zwischen den Akteuren in den Fokus stellt, d. h., das Bezugs-gewebe der menschlichen Angelegenheiten und das im Sprechen und Handeln erzeugte Dazwischen.

Obgleich in der politischen Theorie metaphorische Denkweisen klar überwiegen, ist in den letzten Jahren ein Umdenken zu beobachten. Immer mehr Ansätze thematisieren nicht nur die vertikalen Prozesse der Wahl, der Selektion, der Substitution und der Repräsentation, sondern auch jene Prozesse, durch die auf der horizontalen Ebene Beziehungen gestiftet, gepflegt und erhalten sowie Allianzen zwischen sozialen Akteuren geschmiedet werden. Zu denken wäre hier – neben den bereits genannten Autor:innen –

u. a. an Bini Adamczaks (2017) treffenden Begriff der „Beziehungsweisen“

oder an Ansätze, welche die Vulnerabilität und Interdependenz sozialer Akteure in den Mittelpunkt stellen, oder auch an die Platzbesetzungsbewegungen der 2010er Jahre, die der Relationalität sozialer Akteure, ihrer Prekarität, Abhängigkeit von und ihrem Angewiesen-Sein auf andere (einschließlich essentieller materieller Grundbedingungen wie Essen, Schlafen, Hygiene etc.) in ihrer politischen Praxis Rechnung zu tragen versuchten (vgl. Butler 2016; Posselt 2016).11

Dabei gilt es allerdings zu bedenken, dass sich der Similaritätsbias wissenschaftlicher Theorien nicht einfach durch eine Änderung des Fokus oder der Begriffe beheben lässt, insofern diese Tendenz gewissermaßen in jede Theorie qua Theorie eingebaut ist. In diesem Sinne haben metaphorische Ansätze einen strukturellen Vorteil gegenüber metonymischen, weshalb sie unser Denken des Politischen im Wesentlichen prägen. Wenn es also zutrifft, dass wir die „bessere[n] Mittel zur Behandlung der Metaphern als zur Behandlung der auf einem anderen Prinzip beruhenden […] Metonymien“ haben (Jakobson 1960, 69), dann ist es nicht damit getan, metonymischen Aspekten in der Politik mehr Beachtung zu schenken. Wir müssen die entsprechenden methodischen, begrifflichen und sprachlichen Mittel entwickeln, um dies auch auf der Ebene der Theorie zu reflektieren. Metonymisch orientierte Zugänge versuchen dem u. a. dadurch gerecht zu werden, dass sie verstärkt ‚prosaische‘ und narrative Elemente in ihre Analysen und Theorieproduktion integrieren. Oder um es etwas zugespitzt zu formulieren: Während metaphorisch orientierte Ansätze sich in der Politik auf vertikale Prozesse der Selektion und Substitution und in der Theorie auf die Entwicklung einer metasprachlichen Beschreibungssprache konzentrieren, unterstreichen metonymisch orientierte Zugänge im Politischen die horizontalen und relationalen Prozesse der Kombination und Kontext-bildung und verwenden im Theoretischen eher narrative Darstellungsweisen, welche die Unterscheidung zwischen Objekt- und Metasprache unterlaufen.

Zu denken wäre hier beispielsweise an Rancières „Methode der Gleichheit“, dem wir zuvor vielleicht etwas vorschnell einen Similaritätsbias unterstellt haben. Die „Methode der Ungleichheit“, die Rancière den modernen Sozialwissenschaften zuschreibt, ist das Verfahren, durch das die wissenschaftlichen Disziplinen „das Geflecht aus gemeinsamer Denkweise und gemeinsamer Sprache so zurechtschneiden, dass zwei Teile entstehen: auf der einen Seite die Denk- und Sprechweisen, die Gegenstand der Wissenschaft sind, und auf der anderen die Denk- und Sprechweisen, die wissenschaftliche Beschreibungs- und Argumentationsformen darstellen“ (2021, 131). Dagegen verweigert sich die Methode der Gleichheit „der Spezialisierung auf Gebiete, Gegenstände und Methoden sowie der Trennung von Wissenden und Unwissenden“ und zielt darauf ab, ein „Sprachgeflecht“ zu schaffen, „in dem egalitäre Verbindungen mit anderen, in anderen historischen Kontexten und auf anderen Gebieten des Denkens angesiedelten Auftritten erprobt werden können“ (2021, 132).

Daraus darf jedoch nicht geschlossen werden, dass nun metonymische Ansätze gegenüber metaphorischen privilegiert werden sollten, wie Rancière zu suggerieren scheint, auch wenn horizontal-narrative gegenüber vertikal-metasprachlichen Ansätzen strukturell im Nachteil sind. Denn beide Ansätze führen zu denselben Verzerrungen, wie sie auch für die Similaritäts- und Kontiguitätsstörung charakteristisch sind. Oder wie es Bernhard Waldenfels im Anschluss an Jakobson treffend formuliert:

„Im ersten Fall tendiert das Sprechen zu einer Kombination ohne Selektion, so daß das Sprechen sich in einem beliebig offenen Kontext bewegt, im zweiten Fall tendiert es zu einer Selektion ohne Kombination, so daß es in einen geschlossenen Kontext eingezwängt wird. Das erste Mal überwiegt das Metonymische der Sprache, das dazu dient, ein Miteinander von Bedeutungen herzustellen, im zweiten Fall überwiegt das Metaphorische, das es erlaubt, ein Statteinander von Bedeutungen zum Ausdruck zu bringen.“ (Waldenfels 2019, 286f.; meine Herv. G.P.)

Kurz gesagt: Während im ersten Fall das (theoretische) Sprechen beliebig zu werden droht, läuft es im zweiten Fall Gefahr zu erstarren. Das heißt, nur wenn es gelingt, beiden Seiten in einer echten Bipolarität gleichermaßen Rechnung tragen, vermögen sprachliches, theoretisches und politisches Handeln ihre volle Wirksamkeit zu entfalten.

5 Resümee und Ausblick

Dies bringt uns wieder zum Beginn unserer Überlegungen. Ausgangspunkt war zum einen die Frage, ob sich Jakobsons linguistische Klassifikation aphasischer Störungen – und die damit korrespondiere Polarität von Metapher und Metonymie – auch für politische Prozesse produktiv machen lässt, sowie zum anderen, ob sich vergleichbare ‚Störungen‘ im Politischen und in der politischen Theorie finden lassen. Unsere Untersuchung hat zu fünf Ergebnissen geführt: (1) Für die Aphasiologie stellt Jakobsons Differenzierung zwischen Similaritäts- und Kontiguitätsstörungen ein Analyseinstrument zur Verfügung, das – auch wenn dies hier nur am Rande behandelt werden konnte – sowohl die Vielfältigkeit der aphasischen Typen und Erscheinungsformen als auch die jeweils betroffenen Ebenen (Syntax, Semantik, Klangbild etc.) differenziert zu beschreiben vermag. Dies ist insofern bemerkenswert, als seine Klassifikation in der Aphasiologie praktisch keine Resonanz gefunden hat; in der Regel werden seine Arbeiten nicht einmal erwähnt. (2) Darüber hinaus ist die Polarität von Metapher und Metonymie nicht auf pathologische Phänomene beschränkt, sondern bildet das Prinzip, das allen sprachlichen Prozessen zugrunde liegt. Der Begriff der Polarität unterstreicht in diesem Zusammenhang, dass wir es nicht mit einer strikten Zweiteilung zu tun haben, sondern vielmehr mit zwei Polen, die eine prinzipiell unendliche Anzahl an Übergangs- und Zwischenformen erlauben. (3) Dies stellt die Möglichkeit einer strikten Trennung zwischen ‚normaler‘ und ‚gestörter‘ Sprache infrage. Von einer ‚Störung‘ lässt sich nur insofern sprechen, als es zur einseitigen Privilegierung des einen Pols gegenüber dem anderen kommt.
(4) Zudem findet sich die Metapher-Metonymie-Polarität nicht nur in sprachlichen, sondern in allen semiotischen Prozessen, was kulturelle Praktiken, soziales Handeln und politische Prozesse ebenso miteinschließt wie theoretische und wissenschaftliche Verfahren. (5) In allen diesen Fällen kann es zu einer ‚Störung‘ oder ‚Auflösung‘ des bipolaren Schemas kommen, wobei die Besonderheit des theoretischen Diskurses darin besteht, dass ihm eine gewisse Kontiguitätsstörung inhärent ist. Für die politische Theorie und Philosophie ergibt sich daraus die doppelte Aufgabe, dass sie dem Metonymischen sowohl in ihrer Analyse politischer Prozesse, Krisen und Konflikte als auch in ihrer Theorieproduktion Rechnung tragen muss, ohne das Metaphorische zu vernachlässigen und umgekehrt in einen Kontiguitätsbias zu verfallen.

Eine politische Metaphorologie vermag dies vermutlich nicht zu leisten, insofern sie bereits per Definition die Metapher privilegiert. Nicht nur ist die Metapher selbst ein metaphysischer Begriff, der „aus einem Netz von Philosophemen hervorgegangen ist“, wie Derrida (1988, 214) geltend macht. Die Metaphorologie steht auch vor dem Problem, dass nicht nur die Metonymie, sondern auch „mindestens eine Metapher immer ausgeschlossen bliebe […]: Zumindest diese, ohne die der Begriff der Metapher selbst nicht konstruiert werden könnte“ (1988, 214). Vielleicht ließe sich sogar von einem metaphorischen Fehlschluss der Philosophie sprechen: So wie nach Austin der „deskriptive Fehlschluss“ der Philosophie in der Annahme besteht, die primäre und einzige Aufgabe sprachlicher Äußerungen sei es, wahr oder falsch zu sein (1979, 27), so bestände ihr metaphorischer Fehlschluss in der Annahme, dass sprachlich-symbolische Prozesse allein auf dem kognitiven Modell der Metapher beruhen, während sie die narrativ-verknüpfende und beziehungsstiftende Dimension der Metonymie übersieht.

Damit wird weder infrage gestellt, dass Metaphern unser Welt-, Selbst- und Fremdverhältnis prägen und daran beteiligt sind, wie wir bestimmte Ereignisse und Erfahrungen wahrnehmen, affektiv besetzen und normativ bewerten; noch, dass Metaphern – ihre strategische Wahl, ihr Einsatz, ihre diskursive und mediale Inszenierung – eine zentrale Rolle in politischen Debatten spielen, wie etwa die Bedeutung des politischen Framing gesellschaftspolitischer Krisen, Kämpfe und Konflikte zeigt (Wehling 2016). Entscheidend ist vielmehr, dass metonymische Prozesse, durch die Beziehungen gestiftet, Verknüpfungen erzeugt, Narrative entwickelt und Geschichten erzählt werden, genauso wichtig sind wie jene metaphorischen Übertragungs- und Rahmungsprozesse – und beide Prozesse sind notwendig, damit sie ihre Wirksamkeit entfalten können. In diesem Sinne fungieren Metaphern als (verdichtete) Kristallisationspunkte in politischen Diskursen, die zum strategischen und taktischen Instrumentarium jeder (Sprach-)Politik gehören. Ihre politische Wirksamkeit beruht weniger darauf, dass sie bestimmte kognitive Raster aufrufen, als dass sie ein Netz metonymischer Beziehungen mit vielfältigen Anschlussmöglichkeiten eröffnen – ein Aspekt, der leicht übersehen wird und zugleich schwieriger zu analysieren ist.

Danksagung

Erste Fassungen dieses Artikels wurden auf der Tagung Verlorene Worte: Zur philosophischen Reflexion der Aphasie (Universität Wien, 11.–13. Mai 2023, Organisation: Gabriele Geml) und der Metaphorology Lecture Series (Universität Innsbruck, 19. Oktober 2023, Organisation: Stephanie Graf, Laurin Mackowitz, Andreas Oberprantacher, Florian Pistrol) präsentiert. Ich danke den Organisator:innen und allen Teilnehmer:innen für die bereichernde Diskussion und wichtige Hinweise. Weitere wertvolle Anregungen verdanke ich Florian Pistrol und Sergej Seitz sowie den beiden anonymen Gutacher:innen.

Literatur


  1. Es handelt sich folglich nicht um Formen ‚gestörter Kommunikation‘, auch wenn diese die Folge sein können; vgl. z.B. Watzlawick, Bavelas, und Jackson 2007; Habermas 1995; Schulz von Thun 2006.↩︎

  2. Vgl. Aristoteles 1994, Pol. 1253a: „Der Mensch ist aber das einzige Lebewesen, das Sprache (lógos) besitzt. Die bloße Stimme (phoné) nämlich zeigt nur das Angenehme und Unangenehme an, darum kommt sie auch den anderen Lebewesen zu [...]; die Sprache dagegen ist dazu bestimmt, das Nützliche und Schädliche deutlich kundzutun und also auch das Gerechte und Ungerechte.“↩︎

  3. In diesem Zusammenhang ist es bemerkenswert, dass Aristoteles selbst kein Athener, sondern Metöke war, also ein Fremder, der nicht das attische Bürgerrecht besaß und somit auch über keine politischen Mitbestimmungsrechte.↩︎

  4. Damit knüpft Jakobson indirekt an Freuds bereits 1891 in seiner ersten Monographie Zur Auffassung der Aphasien formulieren Vorschlag an, „anstatt der topischen“, auf Broca und Wernicke zurückgehenden Momente, „funktionelle Momente zur Erklärung“ der Aphasien heranzuziehen (Freud 1999, GW I, 472).↩︎

  5. Dass die Rede dabei auch überraschende Richtungswechsel vornehmen kann, zeigt das folgende Beispiel (vgl. Schecker 1996): Auf die Frage, was ihm spontan zum Wort „Computer“ einfällt, antwortet ein Patient, der an einer schizophrenen Erkrankung leidet: „keine Stadt“. Die Assoziationskette, die zu dieser auf den ersten Blick zusammenhanglosen Antwort geführt hat, lässt sich unter Rückgriff auf die Polarität von Similaritäts- und Kontiguitätsbeziehungen leicht entschlüsseln: In einem ersten Schritt hat der Patient das Wort „Computer“ durch den Eigennamen des früheren Computerherstellers „Nixdorf“ ersetzt (positionelle Similarität bei semantischer Kontiguität), dann das Wort „Nixdorf“ in die Morpheme „nix“ und „Dorf“ zerlegt (Auflösung der linguistischen Hierarchie), und schließlich „nix“ durch das Synonym „kein“ und „Dorf“ durch das Antonym „Stadt“ ersetzt und wieder miteinander kombiniert.↩︎

  6. Jakobson bezieht sich explizit auf Freuds Traumdeutung (1900) und James G. Frazers The Golden Bough (1890). Der Kontiguität entspricht „Freuds metonymische ‚Verschiebung‘ [displacement] und synekdochische ‚Verdichtung‘ [condensation]“, der Similarität „Freuds ‚Identifizierung‘ und ‚Symbolismus‘“ (1960, 69; Übers. mod., G.P.; vgl. Waldenfels 2019, 287). Jakobsons Polarität von Metapher und Metonymie ist nur ein Jahr später von Jacques Lacan (1991 [1957]) aufgenommen und auf die Struktur des Unbewussten übertragen worden (vgl. Babka und Posselt 2024, 118–119; 135–137).↩︎

  7. So finden sich z. B. auch in Freuds Traumarbeit immer sowohl metaphorische als auch metonymische Aspekte, wenn auch in unterschiedlicher Kombination und Gewichtung.↩︎

  8. Eine wichtige Ausnahme ist die von Lacan beeinflusste feministische Theorie. So argumentiert bereits Luce Irigaray (1979) – in kritischer Auseinandersetzung mit der westlichen Philosophiegeschichte und mit Blick auf die Entwicklung ‚weiblicher‘ Rede- und Schreibstrategien – für eine subversive Aufwertung des Metonymischen. Während nach Irigaray das substituierende Prinzip der Metapher für ein phallokratisches Repräsentationssystem steht, in dem die Frau und das Weibliche weder einen Ort noch eine Stimme haben, assoziiert sie das Weibliche mit dem fließenden, berührenden Kontiguitätsprinzip der Metonymie. Theorie, Wissenschaft und Philosophie sind aus dieser Perspektive Teil einer ‚männlichen‘ Bedeutungsökonomie, die dem Primat des Metaphorischen unterliegt. Vgl. Babka und Posselt 2024, 85, 162–165; Prager und Seitz 2017, 407–410. Zu nennen sind hier auch die Arbeiten von Julia Kristeva (1978) und Hélène Cixous (1980).↩︎

  9. Vgl. auch Lyotard 1989, 11: „Den Leser […] überzeugen, daß das Denken, die Erkenntnis, die Ethik, die Politik, die Geschichte, das Sein von Fall zu Fall an den Nahtstellen zwischen den Sätzen auf dem Spiel stehen.“↩︎

  10. Vgl. Laclau 2014; Laclau 2001a. Zu Laclaus „Politik der Rhetorik“ vgl. Hetzel 2007; 2017.↩︎

  11. Weitere mögliche Beispiele wären die Actor-Network-Theory, Édouard Glissants „Poetik der Beziehung“ (1997) oder Karen Barads „agentieller Realismus“ (2012).↩︎