Naturschrecken beredt werden lassen.
Überlegungen zu Kritischer Theorie und
Ökomarxismus in einer eskalierenden
Klimakrise

Lending a Voice to the Terror of Nature. Reflections on
Critical Theory and Eco-Marxism in an Escalating Climate Crisis

HEIKO STUBENRAUCH, LEUPHANA UNIVERSITÄT LÜNEBURG

Zusammenfassung: Trotz sich zuspitzender ökologischer Krisen werden klimapolitische Maßnahmen zunehmend verschleppt oder abgeschwächt, während autoritäre Kräfte an Einfluss gewinnen, die den Klimawandel leugnen und den Umweltschutz sabotieren. Der Beitrag analysiert diese Blockaden gesellschaftlichen Wandels mithilfe zentraler Motive der Kritischen Theorie, insbesondere der Dialektik der Aufklärung, und setzt sich dabei kritisch mit der ökomarxistischen Fundamentalkritik auseinander, die der Kritischen Theorie ihre ökologische Analysefähigkeit abspricht. Zwar fokussiert diese vor allem auf die sozialen und politischen Folgen von Naturbeherrschung und vernachlässigt ökologische Folgen. Doch rechtfertigt dies nicht den geforderten „scharfen Bruch“. Vielmehr wird argumentiert, dass diese sozialen und politischen Folgen exzessiver Naturbeherrschung – insbesondere Transformationsblockaden und autoritäre Eskalationsdynamiken – konstitutive Momente der Klimakrise sind. Anstatt sich von der Kritischen Theorie abzuwenden, verfolgt der Aufsatz daher das Ziel, diese klimapolitisch zu erweitern. Dabei greift er Philip Hoghs Idee auf, die Dialektik der Aufklärung so fortzuschreiben, dass die naturbeherrschende Moderne nicht nur politisch scheitert, indem sie handlungsunfähige Gesellschaften hervorbringt, sondern auch in einem zweiten Sinne: durch die Rückkehr des überwunden geglaubten Naturschreckens. Diese Überlegung entwickelt der Beitrag weiter, indem er argumentiert, dass die Klimakrise beide Formen des Scheiterns miteinander verschränkt. Der Naturschrecken trifft auf politisch blockierte Gesellschaften, die kaum in der Lage sind, angemessen zu reagieren. In Anlehnung an Adornos Forderung, „Leiden beredt werden zu lassen“, wird abschließend dafür plädiert, auch den Naturschrecken beredt werden zu lassen, um gegenwärtige Transformationsblockaden und autoritäre Eskalationsdynamiken zu überwinden.

Schlagwörter: Kritische Theorie, Ökomarxismus, Dialektik der Aufklärung, Klimakrise, Adorno

Abstract: Despite intensifying ecological crises, climate policy measures are increasingly delayed or diluted, while authoritarian forces—denying climate change and sabotaging environmental protection—gain influence. This article analyzes these blockades of social change through central motifs of Critical Theory, specifically the Dialectic of Enlightenment. In doing so, it critically engages with the eco-Marxist critique that denies Critical Theory its capacity for ecological analysis. While it is true that the latter focuses primarily on the social and political consequences of excessive mastery of nature and neglects ecological ramifications, this does not justify the demanded “sharp break.” Rather, it is argued that these social and political consequences—particularly transformation blockades and authoritarian escalation dynamics—are constitutive moments of the climate crisis itself. Instead of turning away from Critical Theory, this essay thus aims to expand its scope toward climate policy. It draws upon Philip Hogh’s idea of continuing the Dialectic of Enlightenment such that modern society's mastery of nature fails not only politically—by producing societies incapable of action—but also in a second sense: through the return of the terror of nature, which was once thought to be overcome. The essay further develops this reflection by arguing that the climate crisis intertwines both forms of failure. The terror of nature strikes politically blocked societies that are hardly able to respond appropriately. Drawing on Adorno’s demand to “lend a voice to suffering,” the article concludes by pleading for the terror of nature to also be lent a voice in order to overcome current blockades to transformation and authoritarian escalation dynamics.

Keywords: Critical Theory, eco-Marxism, Dialectic of Enlightenment, Climate Crisis, Adorno

1 Einleitung

Die Klimakrise verschärft sich in (mindestens) zweierlei Hinsichten. Erstens steigen die Temperaturen, und dies schneller als erwartet: Global liegen sie inzwischen etwa 1,25 °C über dem Niveau von 1880, in Europa bereits bei rund 2,2 °C (vgl. European Environment Agency 2025). Zweitens haben sich in den früh industrialisierten und emissionsstarken Demokratien des globalen Nordens die gesellschaftlichen Reaktionen auf die Klimakrise in den vergangenen Jahren verändert. Während in der Debatte um die sogenannte „Große Transformation“ (WBGU 2011), im Pariser Klimaschutzabkommen von 2015 und bei den Massenprotesten der globalen Klimaschutzbewegung im Jahre 2019 noch ein Wille zur kollektiven Bewältigung der Klimakrise zu erkennen war, ist der Enthusiasmus seither merklich abgekühlt (IPSOS 2025). Statt der damals schon oft nur halbherzig umgesetzten Lösungsansätze kommt es zunehmend zu Verdrängung, Leugnung und einer bewussten – teilweise sogar lustvollen – Inkaufnahme der Eskalation der Krise. Dies zeigt sich vor allem darin, dass politische Maßnahmen zur Begrenzung der globalen Erwärmung auf 1,5°C häufig ausbleiben oder verwässert werden (wie zuletzt beim Ringen um das Verbrenner-Aus oder der Aufweichung der Sektorziele), während autoritäre, populistische und nationalistische Kräfte, die den Klimawandel leugnen und klimapolitische Maßnahmen offen ablehnen, in vielen Ländern an Zuspruch gewinnen und die Krise weiter verschärfen, prominent etwa in den USA unter Donald Trump. Anstatt angesichts der sich zuspitzenden ökologischen Krise einen angemessenen gesellschaftlichen Wandel einzuleiten, scheint dieser verlangsamt, blockiert oder gar fehlgeleitet.1

Um diese Phänomene zu untersuchen, schlage ich vor, auf die erste Generation der Frankfurter Schule zurückzugreifen. Besonders Max Horkheimer und Theodor W. Adorno haben in der Dialektik der Aufklärung bereits in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts intensiv mit der Frage gerungen, warum rationaler gesellschaftlicher Wandel im Angesicht von Krisen stockt oder ganz ausbleibt, während autoritäre oder gar faschistische Kräfte erstarken. Schon vor achtzig Jahren analysierten sie, wie Menschen sich in Konsumversprechen flüchteten oder autoritären Versuchungen erlagen, anstatt sich drängenden gesellschaftlichen Problemen zu stellen, um Transformationsblockaden und Eskalationsdynamiken vermeintlich aufgeklärter Gesellschaften zu verstehen. Trotz aller nicht zu vernachlässigender Unterschiede verbindet die Gegenwart der eskalierenden Klimakrise mit den Krisenjahren der 1930er und 1940er Jahre gerade diese Erfahrung eines ausbleibenden oder fehlgeleiteten gesellschaftlichen Wandels. Vor diesem Hintergrund scheint es naheliegend, dass die Einsichten der ersten Generation der Frankfurter Schule – und insbesondere der Dialektik der Aufklärung – auch heute, im Kontext der Klimakrise, weiterhin aufschlussreich sein können.

Doch kann die Kritische Theorie tatsächlich zu einem Verständnis der Klimakrise beitragen? Der Ökomarxismus, eine der einflussreichsten philosophischen Strömungen im Nachdenken über ökologische Krisen, hat eben dies seit der Jahrtausendwende entschieden verneint und behauptet, die Kritische Theorie sei grundsätzlich ungeeignet, ökologische Problemlagen zu analysieren. So werfen John Bellamy Foster und Brett Clark der Frankfurter Schule vor, ein Dialektikverständnis entwickelt zu haben, das sich auf den „reflexiven Bereich von Gesellschaft und menschlicher Geschichte“ (Foster und Clark 2016, 5, meine Übersetzung) beschränkt und damit das Verhältnis von Gesellschaft und Natur vollständig aus dem Blick verliert. Zwar steht in Horkheimers und Adornos Dialektik der Aufklärung der Begriff der „Naturbeherrschung“ im Zentrum, doch seien die ökologischen Folgen dieser Beherrschung merkwürdig abwesend oder blieben höchst abstrakt, während die Folgen für Subjekt und Gesellschaft ausführlich thematisiert werden (vgl. ebd., 5, 20). Um die Klimakrise zu verstehen, fordern Foster und Clark daher einen „scharfen Bruch“ (ebd., 2, meine Übersetzung) mit der Frankfurter Schule und ihrem Verständnis von Dialektik. Nur wenn wir das Paradigma der Kritischen Theorie verlassen, so ihre These, könne eine angemessene philosophische Auseinandersetzung mit ökologischen Krisen gelingen.

Auch wenn Foster und Clark darin Recht haben, dass die Dialektik der Aufklärung nicht die ökologischen, sondern die sozialen und politischen Folgen von Naturbeherrschung thematisiert, scheint mir ihre fundamentale Ablehnung der Kritischen Theorie dennoch falsch, ja geradezu fatal. Denn Horkheimers und Adornos zentrale These klingt heute erschreckend aktuell: Intensivierte Naturbeherrschung führt nicht zu mehr Freiheit, sondern bringt auf individueller wie kollektiver Ebene neue Formen von Unfreiheit und Unmündigkeit hervor. Sie analysieren ein soziales wie politisches Scheitern der naturbeherrschenden Moderne, und verweisen auf die ständig präsente Gefahr einer autoritären gesellschaftlichen Regression. Genau diese sozialen und politischen Phänomene sind, anders als vom Ökomarxismus behauptet, nicht das Andere der Klimakrise, sondern zunehmend ein zentrales Moment von ihr. Das Ausbleiben einer angemessenen klimapolitischen Reaktion zeigt, dass die Klimakrise eben diese politische und soziale Dimension besitzt.

Daher werde ich einen anderen Weg einschlagen als der Ökomarxismus: Anstatt einen „scharfen Bruch“ mit der Dialektik der Aufklärung zu vollziehen, will ich diese klimapolitisch erweitern. Zunächst skizziere ich (2) dazu die Kernthesen der Dialektik der Aufklärung – insbesondere die Idee, dass exzessive Naturbeherrschung nicht zu mehr Freiheit, sondern zu neuen sozialen und politischen Formen von Unfreiheit führt –und zeige im Anschluss, wie diese Überlegungen ökologisch weitergedacht werden können. Dabei beziehe ich mich auf Philip Hoghs Idee, die Klimakrise als „Rückkehr des Naturschreckens“ (Hogh 2021) und somit als zweite paradoxe Folge der naturbeherrschenden Moderne – jenseits ihres politischen Scheiterns – zu verstehen (3). Diese Idee entwickle ich weiter, indem ich (4) zeige, dass sich die Klimakrise durch eine Verquickung beider paradoxen Folgen der naturbeherrschenden Moderne auszeichnet: Am Ausgang des Holozäns kehrt der Naturschrecken nicht einfach zurück, sondern er trifft auf Gesellschaften, die politisch gelähmt oder fehlgeleitet sind und daher große Schwierigkeiten haben, angemessen auf ihn zu reagieren. Im Anschluss an Adornos Forderung, „Leiden beredt werden zu lassen“ (Adorno 2013, 29), formuliere ich (5) die Forderung, Naturschrecken beredt werden zu lassen, um den gegenwärtigen Transformationsblockaden und autoritären Eskalationsdynamiken in der Klimakrise zu begegnen. Abschließend (6) kehre ich zur bereits erwähnten Fundamentalkritik des Ökomarxismus zurück – der Behauptung, das begriffliche Instrumentarium der Kritischen Theorie sei grundsätzlich ungeeignet, klimapolitische Fragestellungen zu adressieren –, um diesen Vorwurf zu widerlegen und die Vorzüge einer Kritischen Theorie der Klimakrise gegenüber dem Ökomarxismus in der eskalierenden Klimakrise herauszustellen.2

2 Der Umschlag von Naturbeherrschung in Naturverfallenheit

Worin bestehen also die für mein Unterfangen relevanten Hauptthesen der Dialektik der Aufklärung? Verfasst während des Zweiten Weltkriegs stellt das Werk eine grundlegende Reflexion des auch als Aufklärung bezeichneten westlichen Zivilisationsprozesses und seines zumindest vorläufigen Scheiterns dar. Obwohl Horkheimer und Adorno das politische Scheitern der Moderne – nämlich Faschismus und antisemitischer Vernichtungswahn in Europa, eine engmaschige (kultur-)industrielle Herrschaft in den USA – analysieren und nicht etwa ihr ökologisches Scheitern, spielt Naturbeherrschung in den Analysen eine entscheidende Rolle. Denn Aufklärung verstehen Horkheimer und Adorno im Kern als das Projekt einer Emanzipation durch Naturbeherrschung. Naturbeherrschung soll vom Schrecken vor einer als übermächtig wahrgenommenen Natur befreien und zum Aufbau freier Gesellschaften beitragen. Das Scheitern der westlichen – kapitalistisch organisierten – Zivilisation interpretieren sie entsprechend als das Scheitern dieses Projektes. Anstatt zur erhofften Freiheit habe exzessive Naturbeherrschung ins politische Verderben geführt (vgl. Horkheimer und Adorno 2013, 9–49).3

Im Zentrum ihrer Argumentation steht die Behauptung, dass Aufklärung ihr Ziel der Emanzipation verfehlt, weil Naturbeherrschung in „Naturverfallenheit“ (ebd., 4, 46) umschlägt. Was ist unter Naturverfallenheit zu verstehen? Anders als im Begriff der Naturbeherrschung meint „Natur“ in Naturverfallenheit nicht etwa etwas Materielles, sondern eine Eigenschaft von Entwicklungsprozessen im Sozialen. Menschen oder Gesellschaften gelten in diesem Sinne als „naturverfallen“, wenn sie sich nicht auf eine freie, selbstbestimmte und erfahrungsgeleitete Weise entwickeln, sondern – im Gegenteil – blind, unbewusst, fremdgesteuert, aus Notwendigkeit oder selbsterhaltend, sprich: „naturwüchsig“ (vgl. dazu auch Cook 2014, Stone 2006, Loheit 2023). Die Dialektik der Aufklärung zeichnet sich dadurch aus, dass sie diese beiden Naturbegriffe – die materielle Natur der Naturbeherrschung und die soziale Naturwüchsigkeit der Naturverfallenheit – miteinander verschränkt: „Jeder Versuch, den Naturzwang zu brechen, indem Natur gebrochen wird, gerät nur um so tiefer in den Naturzwang hinein.“ (Horkheimer und Adorno 2013, 19) Je intensiver also die materielle Natur beherrscht wird, so die These, desto naturwüchsiger entwickelt sich das Soziale und desto naturverfallener sind die Menschen: Naturbeherrschung schlägt in Naturverfallenheit um. Zwar verschafft die Beherrschung der Natur den Menschen eine relative Freiheit von den Zwängen der ersten Natur, doch wachsen, wie wir gleich noch im Detail sehen werden, mit der intensivierten Naturbeherrschung auch die Zwänge einer Gesellschaft an, die sich zunehmend naturwüchsiger entwickelt und den Menschen immer mehr als zweite Natur erscheint. Während es den Menschen gelang, einem anfänglichen Zustand der Unfreiheit – in dem sie sich einer gefürchteten ersten Natur unterwarfen – durch Naturbeherrschung zu entkommen, geraten sie laut Horkheimer und Adorno im Laufe des Aufklärungsprozesses also in einen neuen Zustand der Unfreiheit, in dem sie sich einem verdinglichten Sozialen unterwerfen.

Zunächst diskutieren Horkheimer und Adorno den Umschlag von Naturbeherrschung in Naturverfallenheit auf individueller Ebene. An der Figur des Odysseus, den sie „als Urbild eben des bürgerlichen Individuums“ (Horkheimer und Adorno 2013, 50) interpretieren, zeigen sie exemplarisch, dass die Fähigkeit zur Naturbeherrschung sowohl eine kognitive als auch eine affektive Distanzierung von der Natur erfordert. Damit sie beherrschbar erscheint, muss sie als bedeutungslos und passiv – als „chaotische[r] Stoff bloßer Einteilung“ (Horkheimer und Adorno 2013, 16) – verstanden werden. Möglich wird dies jedoch erst durch affektive Distanznahme: Das Subjekt unterdrückt seine innere Triebnatur und macht sich so die äußere Natur passiv und bedeutungslos. Erst diese kognitive wie affektive Selbstbeschränkung ermöglicht die Kontrolle der äußeren Natur durch instrumentelles Denken. Während sich Odysseus noch aufwendig an den Mast fesseln lässt, um den Sirenen nicht zu verfallen, hat der moderne Bürger diese Selbstbeherrschung internalisiert: Er unterdrückt seine Triebe habitualisiert, um die Außenwelt berechnend und zweckrational zu kontrollieren. Da Naturbeherrschung diese kognitive und affektive Selbstbeschränkung voraussetzt, geht sie laut Horkheimer und Adorno notwendig mit einer Entfremdung von der Außenwelt einher. Daher, so die Konsequenz, kann Emanzipation auf der Grundlage von Naturbeherrschung nicht gelingen.

Der Umschlag von Naturbeherrschung in Naturverfallenheit wird in der Dialektik der Aufklärung jedoch nicht nur auf individueller Ebene beschrieben, sondern auch auf gesellschaftlicher. Auch hier führt Naturbeherrschung zu neuen Formen der Unfreiheit. Je effektiver insbesondere kapitalistische Gesellschaften in der Lage sind, Natur technisch und wissenschaftlich zu beherrschen, desto stärkere Machtasymmetrien bilden sich heraus. Von Naturbeherrschung profitieren im Kapitalismus nämlich vor allem diejenigen, die die Produktionsmittel besitzen, mit denen die Natur beherrscht und ausgebeutet wird: die Kapitalist:innenklasse. Die Arbeiter:innen hingegen führen die Naturbeherrschung lediglich aus, ohne davon zu profitieren. Je effektiver nun die Natur beherrscht werden kann, so Horkheimer und Adorno, desto größer wird die Macht von einer immer kleiner werdenden Kapitalist:innenklasse. Die „Macht des Fortschritts“ ist laut Horkheimer und Adorno somit gleichbedeutend mit einem „Fortschritt der Macht“ (Adorno und Horkheimer 2013, 42). Naturbeherrschung, die eigentlich die Handlungsmacht der Menschen erhöhen sollte, verstärkt nun ihre Ohnmacht gegenüber den Profiteuren der Naturbeherrschung.

Aus diesem Machtgefälle entstehen laut Horkheimer und Adorno neue, subtilere Formen der Herrschaft. Die herrschenden Gruppen sichern ihre Macht, indem sie der Bevölkerung falsche Versöhnungsangebote machen, die Widerstandspotenziale neutralisieren oder Frustrationen kanalisieren. Horkheimer und Adorno unterscheiden diesbezüglich zwischen zwei zentralen Herrschaftsformen: Die kulturindustrielle Herrschaftsform verspricht durch konsumistische Vergnügen und durch – als „Halbbildung“ (ebd., 205) bezeichnete – seichte Sinnangebote, etwa in Gestalt esoterischer Heilslehren, eine Überwindung von Entfremdung und Ungleichheit, ohne die gesellschaftliche Struktur anzutasten (vgl. ebd., 128–176). Wenn diese konsumistischen Scheinlösungen nicht mehr greifen, weil die gesellschaftlichen Widersprüche zu deutlich hervorbrechen, tritt die autoritäre Herrschaftsform hervor. Sie kanalisiert die angestaute – und selbst durch Konsum nicht mehr zu überdeckende – Frustration, indem sie Sündenböcke (vor allem „die Juden“) konstruiert, denen die Schuld am Leid zugeschrieben wird und die der Gewalt freigegeben werden (vgl. ebd., 199–209).4 So gelingt es dem kapitalistischen System, die Leiden der Beherrschten zu absorbieren: entweder durch konsumistische Kompensation oder indem Feindbilder konstruiert werden, an die der Frust dann umgeleitet wird. In beiden Fällen wird das Denken und Fühlen der Subjekte gesellschaftlich vereinnahmt, sodass ihre Leiden nicht reflektiert und politisch nicht beantwortet werden. Mit fortschreitender Naturbeherrschung werden die kapitalistischen Gesellschaften daher nicht freier, sondern im Gegenteil unfreier. Sie dichten sich ab und erscheinen den Menschen zunehmend als unveränderliche zweite Natur.

3 Die Rückkehr des Naturschreckens

In einer Hinsicht hat der Ökomarxismus mit seiner Kritik also Recht: Die Dialektik der Aufklärung besitzt keine unmittelbare ökologische Bedeutung. Naturbeherrschung wird dort nicht deshalb problematisiert, weil sie ökologische Schäden verursacht, sondern weil sie zu Unmündigkeit und politischen Verwerfungen führt. Um mithilfe der Dialektik der Aufklärung dennoch ökologische Problemstellungen bearbeiten zu können, hat Philip Hogh (2021) eine Erweiterung vorgeschlagen. Konkret plädiert er dafür, die aufziehende Klimakatastrophe als eine „Rückkehr des Naturschreckens“ zu verstehen. Diese Perspektivierung ist überaus interessant, da sie erlaubt, die Klimakatastrophe im Geiste der Dialektik der Aufklärung zu interpretieren, nämlich als ein weiteres Phänomen, an dem sich der paradoxe und selbstunterlaufende Charakter des Aufklärungsprozesses zeigt, der das Hauptmotiv der Dialektik der Aufklärung bildet. Während Horkheimer und Adorno beschreiben, wie Naturbeherrschung in Naturverfallenheit umschlägt und an die Stelle der erhofften Freiheit neue Arten des gesellschaftlichen Zwangs und der Unfreiheit treten, verweist Hogh auf ein weiteres Umschlagsmoment von Naturbeherrschung. Naturbeherrschung schlägt nicht nur in Naturverfallenheit um und verfehlt somit ihr Ziel, Freiheit zu ermöglichen, sondern auch in Naturschrecken, wodurch Naturbeherrschung zugleich ihr grundlegenderes Ziel verfehlt, der Natur ihren Schrecken zu nehmen. Im Holozän – also auch noch für Horkheimer und Adorno – schien es, als könne die Aufklärung zumindest das Ziel erreichen, den Schrecken vor einer unbekannten und als übermächtig wahrgenommenen Natur durch Wissen und Naturbeherrschung zu bannen. Doch kehrt auch dieser Naturschrecken am Ausgang des Holozäns zurück, wenn im Anthropozän wieder ein Schrecken von einer sich erhitzenden und zunehmend unvorhersagbar werdenden Natur ausgeht (vgl. ebd., 1027–1034).

Hogh präzisiert dabei, dass es sich nicht um eine bloße Wiederkehr desselben Naturschreckens handelt. Im Gegensatz zum (urgeschichtlichen) Naturschrecken, der den Beginn der Dialektik der Aufklärung markiert, sei der heutige Naturschrecken nämlich ein gesellschaftlich – genauer: durch die maßlose Naturbeherrschung der kapitalistischen Produktionsweise – verursachter Naturschrecken:

„Der Schrecken, den die drohende und sich bereits vollziehende Klimakatastrophe auslöst, ist selbst das Produkt gesellschaftlicher Naturbeherrschung. Die gesellschaftliche Bearbeitung des urgeschichtlichen Naturschreckens […] schlägt in eine neue Form des Naturschreckens um.“ (ebd.: 1023)

Der Aufklärungsprozess beruhte laut Hogh – retrospektiv betrachtet – stets auf einer unsichtbaren Bedingung: der klimatischen Stabilität des Holozäns. Diese relative Konstanz bildete die Voraussetzung dafür, dass Natur mithilfe wissenschaftlichen Wissens vorhersagbar und beherrschbar erschien und ihren Schrecken verlor (vgl. ebd., 1029). Eben diese stabilen Bedingungen wurden laut Hogh vom Menschen aufgrund der industriekapitalistischen Naturbeherrschung zerstört. Davon zeugten u.a. die „mittlerweile zur neuen klimatischen Normalität gewordenen Hitze- und Trockenperioden, die Zunahme an extremen Waldbränden, Überschwemmungen und Stürmen“ (ebd., 1030). Hogh zeigt also: Mit einem an der Dialektik der Aufklärung und ihren selbstunterlaufenden Tendenzen geschulten Blick lässt sich erkennen, dass Naturbeherrschung, die den Naturschrecken tilgen sollte, im Anthropozän auf eine paradoxe Weise eine unbeherrschbare Natur hervorbringt, von der wieder Naturschrecken ausgeht.

4 Fossile Naturverfallenheit: Die Verschränkung von Naturverfallenheit und Naturschrecken

Hoghs Ansatz ist überzeugend, weil er die Möglichkeit eröffnet, die Dialektik der Aufklärung mit der Klimakrise in Beziehung zu setzen. Die naturbeherrschende Moderne erweist sich nicht nur insofern als selbstunterlaufend, als sie – entgegen ihrer eigenen Versprechen – nicht zu Freiheit führt; sie ist es auch deshalb, weil sie die Menschheit nicht, wie erhofft, dauerhaft von Naturschrecken befreit. Angesichts der Transformationsblockaden in der Klimakrise schlage ich vor, Hoghs Idee eines wiederkehrenden Naturschreckens weiterzudenken. Um die gegenwärtige Situation zu verstehen, die sich nicht nur dadurch auszeichnet, dass Naturverhältnisse zunehmend destabilisiert sind, sondern ebenso dadurch, dass Gesellschaften politisch nicht angemessen auf diese Destabilisierungen reagieren, reicht es nicht aus, die Klimakrise bloß als eine zusätzliche selbstunterlaufende Folge der Naturbeherrschung zu begreifen – als Ergänzung zum Umschlag von Naturbeherrschung in Naturverfallenheit. Vielmehr müssen, so meine These, beide Umschläge, beide selbstunterlaufenden Tendenzen der naturbeherrschenden Moderne – Naturverfallenheit und wiederkehrender Naturschrecken – gemeinsam und in ihrer wechselseitigen Verschränkung betrachtet werden. Konkret bedeutet das, zu beachten, dass naturbeherrschende Gesellschaften nicht nur von einem (durch sie verursachten) wiederkehrenden Naturschrecken heimgesucht werden, sondern dass diese Gesellschaften zugleich naturverfallen sind – also dass sie von asymmetrischen Herrschaftsverhältnissen geprägt sind, die die politische Handlungsfähigkeit, auf diesen wiederkehrenden Naturschrecken zu reagieren, erheblich einschränken.5

Was bedeutet es konkret, dass der wiederkehrende Naturschrecken in naturverfallenen Gesellschaften wiederkehrt? Wie wir gesehen haben, zeichnen sich naturverfallene Gesellschaften laut Horkheimer und Adorno dadurch aus, dass jene Akteure, die von Naturbeherrschung profitieren, ihre Macht einsetzen, um die Leiden, die aus den inneren Widersprüchen kapitalistischer Naturbeherrschung entstehen, politisch wirkungslos zu machen. Anstatt dass diese Leiden einen gesellschaftlichen Wandel erzwingen, werden sie konsumistisch überdeckt oder auf Sündenböcke umgelenkt, sodass der Status quo – die Fortsetzung kapitalistischer Naturbeherrschung – möglichst ungestört aufrechterhalten bleibt. Dass der Naturschrecken in naturverfallenen Gesellschaften wiederkehrt, bedeutet nun, dass die Profiteure der Naturbeherrschung den wiederkehrenden Naturschrecken nach demselben Muster behandeln wie die übrigen Leiden, die aus den gesellschaftlichen Widersprüchen resultieren. Um an den Praktiken exzessiver Naturbeherrschung möglichst lange festhalten zu können, bemühen sich diese Akteure daher nicht mehr nur darum, die Leiden aus Entfremdung, Ausbeutung und Ungleichheit unsichtbar zu machen oder umzuleiten. Sie versuchen ebenso, die Leiden, die von einem destabilisierten Klima ausgehen, nämlich die wiederkehrenden Naturschrecken, zu nivellieren oder umzudeuten: die eigenen und fremden Ohnmachtsgefühle und Verletzlichkeitserfahrungen, die von Extremwettereignissen wie Hitzewellen und Überschwemmungen, von Waldbränden oder dem Artensterben ausgehen, ebenso wie die Zukunftsängste, die die Erwartung einer Zunahme dieser Ereignisse hervorruft.

Horkheimer und Adorno haben in der Dialektik der Aufklärung gezeigt, dass die Profiteure der Naturbeherrschung zwei Strategien verfolgen, um die aus gesellschaftlichen Widersprüchen resultierenden Leiden unschädlich zu machen: Erstens die kulturindustrielle Überdeckung des Leidens – durch konsumistische Angebote und beschwichtigende Halbbildung. Zweitens – wenn diese Strategien nicht mehr greifen, weil die Widersprüche sich nicht länger verdecken lassen – autoritäre Umlenkung und Instrumentalisierung des Leidens, etwa durch Verschwörungserzählungen und die Enttabuisierung von Aggressionen gegen Sündenböcke. Meines Erachtens lässt sich das Ausbleiben oder die Fehlleitung rationaler gesellschaftlicher Reaktionen in der Klimakrise erklären, wenn wir untersuchen, wie diese kulturindustriellen und autoritären Scheinlösungen weiterentwickelt wurden, um nun auch die Leiden des wiederkehrenden Naturschreckens zu neutralisieren. Naturverfallenheit blockiert heute nicht mehr nur Klassenpolitik, sondern ebenso Klimapolitik. Naturverfallenheit ist heute fossile Naturverfallenheit: eine gesellschaftlich produzierte Unmündigkeit, die darauf abzielt, das Ende des fossilen Zeitalters hinauszuzögern – damit jene, die von Naturbeherrschung profitieren, dies möglichst lange weiterhin tun können.

Wir können beobachten, dass sich die kulturindustrielle Herrschaftsform in den letzten Jahrzehnten zu einem grünen, vermeintlich „nachhaltigen“ Konsumismus weiterentwickelt hat. Dieser suggeriert nicht nur, Entfremdung, Sinnlosigkeit und Ungleichheit lindern zu können, sondern verspricht darüber hinaus, auch die ökologischen Zerstörungen des Kapitalismus zu heilen. Produkte, die den Eindruck erwecken, der Erde schade es nicht oder tue sogar gut, wenn man sie konsumiert, tragen dazu bei, die wiederkehrenden Naturschrecken zu überdecken und deren politische Bedeutung zu entschärfen (vgl. Szasz 2007). Auch die Halbbildung, die Horkheimer und Adorno als zentrales Moment des kulturindustriellen Konsumismus herausgearbeitet haben – ein geschöntes, die Widersprüche systematisch verschleierndes Bild der Realität – dehnt sich auf den Bereich der Klimapolitik aus. Obwohl die bisherigen marktimmanenten Versuche, den Klimawandel einzudämmen wie CO₂-Bepreisung, die erhoffte globale Entkopplung von Wachstum und Emissionen und die Internalisierung von Umweltschäden viel zu langsam voranschreiten, um die globale Klimaerwärmung auf 1,5°C zu begrenzen, hält sich hartnäckig der Glaube, der Klimawandel lasse sich ohne tiefgreifende Eingriffe in die Marktordnung bewältigen (vgl. Buller 2022). Zur Not sollen technologische Lösungen helfen, die bislang lediglich als Versprechen existieren. Dieses Fortschrittsnarrativ eines grünen Kapitalismus bildet den klimapolitischen Kern neuer Halbbildungsformen.

Auch die autoritäre Herrschaftsform, die immer dann an Attraktivität gewinnt, wenn die gesellschaftlichen Widersprüche nicht länger durch konsumistische Scheinlösungen kaschiert werden können, hat heute eine neue Gestalt angenommen. Hier werden die Leiden nicht verdeckt, sondern umgelenkt: Aggression wird enttabuisiert und politisch kanalisiert. Eine zentrale Rolle spielt dabei die Klimawandelleugnung, die heute fast alle rechten Parteien verbindet. Sie ermöglicht es, fossile Brennstoffe und ihre zerstörerische Wirkung als Ausdruck nationaler oder männlicher Überlegenheit zu stilisieren und zu genießen (vgl. Daggett 2018). Gleichzeitig erlaubt sie es, den Klimawandel als Erfindung von „Globalisten“ (ein antisemitischer Stereotyp läuft hier mit), Linken oder Grünen zu denunzieren, die angeblich nur ihre politische Agenda vorantreiben wollen. Oft wird behauptet, der Klimawandel diene dazu, Migration zu rechtfertigen. Menschen, die möglicherweise vor den Folgen der Erderhitzung fliehen, erscheinen in dieser Logik nicht als Opfer, sondern als eigentliche „Krise“, die – notfalls mit Gewalt – zu „lösen“ sei. Die Klimaangst wird so, in Form jener für die autoritäre Herrschaftsform typischen „pathischen Projektion“ (Horkheimer und Adorno 2013, 201), auf Migrant:innen umgeleitet (vgl. Malm und The Zetkin Collective 2021).

Die konsumistischen und autoritären Scheinlösungen werden also so umcodiert, dass sie geeignet sind, auch den wiederkehrenden Naturschrecken zu absorbieren – um ihn zu entkräften oder umzuleiten, und seiner eigentlichen politischen Sprengkraft zu berauben. Genau das trägt meines Erachtens wesentlich dazu bei, zu erklären, warum die gesellschaftliche Reaktion auf den Klimawandel heute zögerlich, blockiert oder sogar fehlgeleitet ist.6

5 Naturschrecken beredt werden lassen

Kritische Theorie ist in der Klimakrise nicht nur hilfreich, um Naturverfallenheit – heute in ihrer spezifischen Form als fossile Naturverfallenheit – zu analysieren. Sie bietet darüber hinaus auch Anhaltspunkte dafür, wie fossile Naturverfallenheit überwunden werden könnte. Wir hatten bei Horkheimers und Adornos konkreter Analyse des Umschlags von Naturbeherrschung in Naturverfallenheit gesehen, dass die Neutralisierung und Umleitung des Leidens eine zentrale Rolle dabei spielen, das Denken gesellschaftlich zu vereinnahmen und rationalen Wandel zu blockieren. Adorno entwickelt in seinem Spätwerk, der Negativen Dialektik, nun einen Ansatz, der versucht, das Denken von seiner gesellschaftlichen Vereinnahmung zu retten und als kritisches sowie politisches zu rekonstruieren, indem er es eben diesen verdrängten Leiden wieder zuwendet. Das Denken, wie es Adorno in der Negativen Dialektik beschreibt, lässt sich somit als ein Mittel gegen Naturverfallenheit verstehen, deren Genese in der Dialektik der Aufklärung beschrieben wurde. Wie ist dieses Denken genau beschaffen? Und welche Bedeutung kann ihm in der Klimakrise zukommen?

Adorno setzt mit der Einsicht ein, dass Leiden, so subjektiv es sich anfühlt, in Wahrheit objektiv ist, im Sinne von gesellschaftlich verursacht. (Vermeidbares) Leiden versteht Adorno somit als Indikator dafür, dass die gesellschaftlichen Verhältnisse falsch eingerichtet sind. Adorno formuliert dies folgendermaßen: „Leiden ist Objektivität, die auf dem Subjekt lastet; was es als sein Subjektivstes erfährt, sein Ausdruck, ist objektiv vermittelt.“ (Adorno 2013, 29) Darüber hinaus spricht Adorno dem Leiden eine dynamische Qualität zu: Es dränge auf seine eigene Abschaffung. Unter Bezugnahme auf Nietzsches Formulierung „Weh spricht: vergeh.“ begreift er Leiden als einen Impuls, die Verhältnisse zu verändern, die es hervorbringen (vgl. ebd., 203). Gerade dieser Impuls wird im Zustand der Naturverfallenheit systematisch neutralisiert. Durch konsumistische Ablenkungen oder autoritäre Umdeutungen werden die Menschen dazu gebracht, eigene und fremde Leiden zu ignorieren oder fehlzudeuten. So übernehmen sie das herrschende Denken, das die Tatsache, dass die Gesellschaft so eingerichtet ist, dass sie vermeidbares Leiden verursacht, für normal, notwendig oder alternativlos erklärt.

Hier setzt Adorno an. Ein kritisches Denken dürfe das Leiden nicht weiterhin ignorieren oder instrumentalisieren, sondern müsse sich ihm zuwenden und die Kraft der Negativität aufnehmen, die aus dem Leiden stammt und auf seine Abschaffung drängt. Ein solches Denken, so Adorno, müsse das Bedürfnis haben, „Leiden beredt werden zu lassen“, das er sogar als die „Bedingung aller Wahrheit“ (ebd., 29) beschreibt. Denn das leibliche Leiden zeige zwar an, dass die gesellschaftlichen Verhältnisse falsch eingerichtet sind, doch sei ihm nicht unmittelbar zu entnehmen, inwiefern sie falsch eingerichtet sind. Es ist daher die Aufgabe des von Adorno geforderten Denkens, Leiden zu versprachlichen und gesellschaftskritisch zu deuten, also seine objektiven Ursachen zu suchen und anzuprangern. Es liegt nahe, dieses kritische Denken als Reaktion auf die Diagnose der Naturverfallenheit zu verstehen. Im Zustand der Naturverfallenheit wird Leiden politisch neutralisiert und damit gesellschaftlicher Wandel blockiert. Ein Denken, das Leiden beredt werden lässt, soll diese Blockade aufbrechen und die Möglichkeit eines rationalen gesellschaftlichen Wandels eröffnen.

Mein Vorschlag lautet nun: Um fossiler Naturverfallenheit – dem verzögerten, blockierten oder fehlgeleiteten gesellschaftlichen Wandel in der Klimakrise – entgegenzutreten, muss man nicht nur die von Adorno thematisierten Leiden, sondern auch Naturschrecken beredt werden lassen. Fossile Naturverfallenheit beruht nämlich darauf, dass nicht nur die Leiden der Entfremdung, der Ausbeutung und der Ungleichheit politisch nivelliert oder instrumentalisiert werden, sondern auch die Naturschrecken. Daher scheint es mir sinnvoll, den Naturschrecken auf dieselbe Weise zu begegnen wie den anderen Leiden, nämlich durch die Forderung eines anderen, nicht länger verdrängenden, sondern reflektierenden Umgangs.7 Allerdings ist es wichtig zu beachten, dass sich die daraus resultierende Gesellschaftskritik trotz der analogen Behandlung unterscheidet. Auch wenn Naturschrecken formal auf dieselbe Weise behandelt werden wie andere Leiden – indem man sie beredt werden lässt –, nimmt die Kritik eine andere Form an.

Wenn Adorno die Leiden der Entfremdung, der Ausbeutung und der Ungleichheit „beredt werden lässt“, führt die Ursachensuche zumeist ins Innere der Gesellschaft: zur ungerechten Verteilung von Reichtum, zur lieblosen Beschaffenheit massenproduzierter Waren oder zur Erfahrung entfremdeter und sinnloser Arbeit. Die Kritik richtet sich also überwiegend auf innergesellschaftliche Verteilungs- und Herrschaftsverhältnisse. Heute treten jedoch die Naturschrecken als neue Form des Leidens hinzu. Werden diese Leiden beredt, führt die Ursachensuche an einen anderen Ort. Wenn wir nach den Ursachen der wiederkehrenden Naturschrecken fragen, geraten nicht mehr primär die Binnenverhältnisse der Gesellschaft in den Blick, sondern die Art, in der die Gesellschaft durch ihre Produktions- und Konsumptionsweise zur Natur in Beziehung tritt. Eine Gesellschaftskritik, die die wiederkehrenden Naturschrecken ernst nimmt, richtet sich folglich auf die Ausgestaltung dieser äußeren Relationen: die Landnutzung, die Extraktion von Rohstoffen, aber vor allem die Menge und Art der ausgestoßenen Treibhausgase.

Was bedeutet es konkret, Naturschrecken beredt werden zu lassen, also seine gesellschaftlichen Ursachen zu suchen und zu kritisieren? Es ist klar, dass ein zentraler Schritt auf dem Weg zur Begrenzung der Klimakrise die Erreichung von CO₂-Neutralität ist. Es ist ebenfalls klar, dass hierfür global die Umstellung auf erneuerbare Energien, die Dekarbonisierung der Industrie, ein massiver Ausbau öffentlicher Verkehrsmittel und der Schutz und die Wiederherstellung natürlicher CO2-Senken notwendig sind. Entscheidend im Hinblick auf die Naturschrecken ist jedoch nicht nur ob, sondern vor allem wie schnell diese Schritte erfolgen. Davon hängt ab, ob sich die Erde bis 2100 um 1,5 °C, 3 °C oder sogar 4 °C erwärmt – drei grundverschiedene Welten im Hinblick auf Ausmaß und Intensität des Naturschreckens. Bei 1,5 °C Erwärmung nehmen Extremwetterereignisse deutlich zu, doch bleiben viele Regionen mit geeigneten Anpassungsmaßnahmen bewohnbar und zentrale Ökosysteme zumindest in Teilen funktionsfähig. Bei etwa 3 °C breiten sich in weiten Teilen der Tropen und Subtropen regelmäßig lebensgefährliche Hitzewellen aus, während zentrale Ökosysteme wie die tropischen Korallenriffe nahezu vollständig kollabieren. Bei 4 °C würden tödliche Hitzebelastungen in vielen Regionen zum Normalfall, während zahlreiche natürliche Systeme ihre Anpassungsgrenzen überschreiten und weitreichende Schäden auftreten – etwa irreversible Verluste in Wäldern und arktischen Ökosystemen (vgl. IPCC 2023).

Naturschrecken beredt werden zu lassen, heißt daher, jene gesellschaftlichen Strukturen zu kritisieren, die verhindern, dass CO₂-Neutralität hinreichend schnell erreicht wird. Der IPCC weist darauf hin, dass ein 1,5-Grad-kompatibler Pfad eine schnelle Minderung der globalen Treibhausgasemissionen erfordert – eine Reduktion um rund 43 % bis 2030 gegenüber 2019 sowie das Erreichen von Netto-Null-CO₂ in den frühen 2050er Jahren (vgl. ebd.). Die gegenwärtige Realität sieht anders aus: 2024 wurde erneut ein Allzeit-Höchstwert der globalen CO₂-Emissionen gemessen (Global Carbon Project 2024), auch wenn sich diese Emissionen regional sehr unterschiedlich zusammensetzen (siehe Fußnote 1). Eine Kritik, die Naturschrecken beredt werden lässt, muss aus dieser Diskrepanz die Konsequenzen ziehen und deutlich machen, dass es nicht nur bei den klimaskeptischen oder offen klimaschutzfeindlichen autoritären Antworten, sondern auch bei den am Fortschrittsnarrativ eines globalen grünen Kapitalismus orientierten Strategien um unzureichende Lösungsansätze handelt. Auf dieser Grundlage hat jene Kritik die Frage zu stellen, welche grundlegenden Eingriffe in die globale Marktordnung notwendig wären, um das 1,5-Grad-Ziel zu erreichen oder ihm zumindest möglichst nahe zu kommen. Ohne dies hier vertiefen zu können, scheinen mir folgende Punkte dabei zentral zu sein: die Abkehr vom Leitbild eines grünen Wachstums zugunsten eines gezielten und sozial verträglichen Rückbaus besonders klimaschädlicher Produktionsweisen; die Vergesellschaftung und demokratische Kontrolle zentraler Infrastrukturen im Energie-, Verkehrs-, Wohnungs- und Rohstoffsektor; sowie eine gerechte und verbindliche Umverteilung zugunsten des Globalen Südens, um auch dort die Voraussetzungen für eine gelingende Transformation zu schaffen.

Die (zum Teil revolutionären) Forderungen, die sich aus der kritischen Reflexion des bisherigen Verlaufs der Klimakrise ergeben, besitzen derzeit kaum Aussicht auf gesellschaftliche Mehrheiten. Daher stellt sich zugleich eine weitere (reformistische) Frage: Auf welche gesellschaftlichen Formen muss man hinarbeiten, damit eigene und fremde Leiden wie Naturschrecken flächendeckend reflektiert werden können und nicht länger nivelliert oder umgeleitet werden? Denn nur unter solchen Bedingungen ist mit einer massenhaften Unterstützung einer emanzipativen Klimapolitik zu rechnen. Aufbauend auf den Analysen des grünen Konsumismus und des klimapolitischen Autoritarismus als gesellschaftlicher Formen der Naturverfallenheit lassen sich erste Orientierungspunkte formulieren: So muss es meines Erachtens zunächst darum gehen, darauf hinzuwirken, CO₂-intensiven Industrien jene Macht zu entziehen, mit der sie die Reflexion und politische Bearbeitung von Naturschrecken einschränken, verzerren oder umleiten können; darauf hinzuwirken, Öffentlichkeiten so zu gestalten, dass Naturschrecken tatsächlich beredt werden können und daraus differenzierte und konsequente Lösungsansätze entstehen, anstatt jene Lösungen zu bevorzugen, die lediglich höhere Aufmerksamkeit generieren; und schließlich darum, jene Fähigkeiten zu fördern, die Menschen benötigen, um mit Naturschrecken und den damit einhergehenden Ohnmachtsgefühlen nicht verdrängend oder verleugnend, sondern reflektiert umzugehen.

6 Die ökomarxistische Kritik und ihre Zurückweisung

Nachdem ich in den vorangegangenen Abschnitten einen konkreten Vorschlag entwickelt habe, wie eine Kritische Theorie der Klimakrise aussehen könnte, wende ich mich nun der eingangs erwähnten Fundamentalkritik des Ökomarxismus zu, um meinen Ansatz zu überprüfen und zu verteidigen. Denn die ökomarxistische Theorietradition, allen voran John Bellamy Foster und Brett Clark, hält eine solche klimapolitische Erweiterung für aussichtslos, da sie der Kritischen Theorie im Allgemeinen und der Dialektik der Aufklärung im Besonderen vorwerfen, sich aufgrund ihrer Dialektikauffassung grundsätzlich nicht auf produktive Weise zu ökologischen Problemen äußern zu können (vgl. Foster und Clark 2016). Worin genau besteht die ökomarxistische Kritik?8

Im Anschluss an Georg Lukács und seine in Geschichte und Klassenbewusstsein geäußerte Kritik an Friedrich Engels Vorstellung einer Dialektik der Natur sei Dialektik in der Kritischen Theorie auf den Bereich des Sozialen beschränkt worden. Dahinter stand laut Foster und Clark die Sorge, dass sich die praxishemmenden Methoden der positivistischen Naturwissenschaften auf die Gesellschaftswissenschaften ausweiten könnten, würde man Dialektik, wie bei Engels, auch auf den Bereich der Natur anwenden. Dialektik sei daher als Methode zur Analyse des Sozialen etabliert worden, während der Bereich der Natur den positivistischen Naturwissenschaften überlassen wurde (vgl. ebd.). Als unvermeidliche Folge dieser Vorannahmen sei die von der Frankfurter Schule geäußerte Kritik der Naturbeherrschung, so Foster in Marx‘ Ökologie, „fast gänzlich kulturalistisch“ (Foster 2024, 400). Die materiellen Folgen, die Naturbeherrschung für die Natur selbst hat, mussten aufgrund dieses Verständnisses von Dialektik aus dem Blick geraten oder abstrakt bleiben (vgl. Foster und Clark 2016, 5, 20).

Aus diesem Grund halten Foster und Clark die Kritische Theorie grundsätzlich für ungeeignet, ökologische Krisen zu verstehen und einen Beitrag bei der Formation von Widerstand zu leisten. Problematischer Weise habe die Dialektik der Aufklärung – und insbesondere ihr Dialektikverständnis – jedoch einen erheblichen Einfluss auf den westlichen Marxismus ausgeübt. Dies habe dazu geführt, dass über Generationen hinweg marxistische Theoretiker:innen entweder kaum Interesse an ökologischen Fragestellungen entwickelten oder, wenn sie es taten, nicht über die theoretischen Mittel verfügten, um die ökologischen Verwerfungen des Kapitalismus zu analysieren oder Alternativen aufzuzeigen.

“Consequently, when the ecological movement emerged in the 1960s and ’70s, Western Marxism, with its abstract, philosophical notion of the domination of nature, was ill-equipped to analyze the changing and increasingly perilous forms of material interaction between humanity and nature“ (Foster und Clark 2016, 1–2).

Auch wenn Foster und Clark, wie wir gesehen haben, Recht damit haben, dass Horkheimer und Adorno in ihrer Analyse der kapitalistischen Moderne ökologische Aspekte weitgehend ausklammern, obwohl „Naturbeherrschung“ das begriffliche Zentrum ihrer Theorie bildet, handelt es sich bei der ökomarxistischen Rekonstruktion des Projekts der Kritischen Theorie dennoch um eine klare Fehllektüre, weshalb der Ökomarxismus das Potenzial der Kritischen Theorie zur Analyse der Klimakrise übersehen musste. Tatsächlich haben Lukács und seine Kritik an Engels einen großen Einfluss auf die Kritische Theorie ausgeübt. Entgegen der Annahme der ökomarxistischen Kritik richtet sich Lukács’ Kritik jedoch nicht primär dagegen, dass Engels die Natur überhaupt theoretisiert. Entscheidend ist für ihn, wie dies geschieht. In Engels’ Thematisierung der Natur, so Lukács, fehle nämlich die Wechselwirkung zwischen Subjekt und Objekt.9 Wenn allerdings nicht beim Subjekt und seiner Beziehung zum Objekt angesetzt wird, so Lukács, dann geraten sowohl das menschliche Verstehen als auch das darauf aufbauende Handeln aus dem Blick. Die Perspektive revolutionärer Praxis verschwindet zugunsten einer objektivierenden Betrachtungsweise, die Menschen wie Dinge als bloße Bestandteile einer sich scheinbar „dialektisch“ entwickelnden Natur behandelt.

„Aber die wesentlichste Wechselwirkung: die dialektische Beziehung des Subjekts und Objekts im Geschichtsprozeß wird [in Engels‘ Dialektik der Natur] nicht einmal erwähnt […]. Jedoch ohne diese Bestimmung hört die dialektische Methode – trotz aller, freilich letzten Endes doch bloß scheinbarer, Beibehaltung der ‚fließenden‘ Begriffe usw. – auf, eine revolutionäre Methode zu sein.“ (Lukács 1923, 37)

Die Kritische Theorie teilt Lukács’ Überzeugung, dass vom Subjektiven ausgegangen werden muss, damit dialektische Erkenntnis und revolutionäre Praxis möglich sind. Doch besteht ein entscheidender Unterschied. Während Lukács davon überzeugt ist, dass das Subjekt – oder genauer: das Proletariat – erkennen und ausgehend davon (revolutionär) handeln kann, zieht die Kritische Theorie – nicht zuletzt aufgrund der Erfahrung des Faschismus – diese Annahme in Zweifel (vgl. dazu auch Horkheimer 1992). Sie geht davon aus, dass Erkenntnis wie Praxis in der spätkapitalistischen Gesellschaft systematisch erschwert oder sogar verstellt sind. Um dennoch an der Möglichkeit von Erkenntnis und emanzipatorischem Handeln festzuhalten, setzt auch sie beim Subjektiven an – in der Regel beim Einzelsubjekt –, jedoch mit veränderter Zielrichtung: Sie stellt sich nun die Aufgabe, dessen bestehenden – gesellschaftlich vermittelten – Erkenntnis- und Praxisblockaden zu analysieren und zu überwinden.10 Gegenüber dem Ökomarxismus ist deshalb klarzustellen: Es trifft nicht zu, dass die Kritische Theorie aus Angst vor Praxishemmungen die Methode der Dialektik auf das Soziale beschränkt. Treffender wäre zu sagen, dass sie beim Sozialen – nämlich dem Subjekt – ansetzt. Und sie wählt diesen Ausgangspunkt gerade um bestehende Praxishemmungen zu analysieren und zu überwinden. Die Tatsache, dass die Kritische Theorie – im Unterschied zum Ökomarxismus – diesen Zugang wählt, macht sie in der gegenwärtigen von Transformationsblockaden geprägten Klimakrise so interessant.

Um die bestehenden Erkenntnis- und Handlungsblockaden zu konfrontieren, unternimmt die Kritische Theorie, wie wir gesehen haben, zweierlei. Ersten analysieren Horkheimer und Adorno in der Dialektik der Aufklärung jene Erkenntnis- und Handlungsblockaden, indem sie sie auf den dialektischen Umschlag von Naturbeherrschung in Naturverfallenheit zurückführen. In naturbeherrschenden Gesellschaften des Spätkapitalismus tendieren die Subjekte dazu, das herrschende gesellschaftliche Denken zu übernehmen, weil ihr Leiden von den Profiteuren der Naturbeherrschung entweder konsumistisch überdeckt oder autoritär umgeleitet wird. Dadurch wird das kritische Selberdenken erschwert und in der Folge auch das verändernde Handeln. Dieser Gedanke lässt sich, wie gezeigt, klimapolitisch erweitern, indem die Analyse von Naturverfallenheit auf fossile Naturverfallenheit ausgeweitet wird. Auch die durch die Klimakrise hervorgerufenen Naturschrecken werden – durch grünen Konsumismus oder durch klimapolitischen Autoritarismus – politisch nivelliert, verdrängt oder umgedeutet, sodass es zu keinem angemessenen gesellschaftlichen Wandel kommt. Zweitens entwickelt Adorno in der Negativen Dialektik ein Denken, das diese gesellschaftliche Vereinnahmung und die daraus resultierenden Erkenntnis- und Handlungsblockaden zu überwinden versucht, indem er einen anderen Umgang mit Leiden einfordert. Anstatt Leiden zu verdrängen oder zu instrumentalisieren, soll es reflektiert und auf gesellschaftliche Ursachen zurückgeführt werden. Auf diese Weise soll Denken kritisch – und damit politisch – werden und verändernde Handlungen anleiten können, also in die Lage versetzt werden, Naturverfallenheit sowie die von ihr erzeugten Erkenntnis- und Handlungsblockaden aufzubrechen.

An dieser Stelle erhält die ökomarxistische Kritik, das Denken der Kritischen Theorie sei auf das Soziale begrenzt, eine gewisse – wenn auch oberflächliche – Plausibilität. Denn die Analysen, die Adorno entwickelt, richten sich tatsächlich selten explizit auf die Natur, sondern verbleiben im gesellschaftlichen Binnenbereich, also bei Fragen von Ausbeutung, Verteilung und Entfremdung. Wie jedoch gezeigt wurde, ist dies kein grundsätzliches Problem. Sobald kritisches Denken nicht nur die von Adorno thematisierten Leiden, sondern auch die Naturschrecken reflektiert, erweitert sich der Gegenstandsbereich der Kritik. Dann richtet sie sich nicht mehr allein auf innergesellschaftliche Herrschafts- und Verteilungsverhältnisse, sondern ebenso auf die gesellschaftlichen Relationen zur Natur und auf die Frage, wie diese so gestaltet werden können, dass der Naturschrecken kontrollierbar bleibt. Damit stellt sich unmittelbar die weiterführende Frage, welche gesellschaftlichen Formen erforderlich sind, damit Naturschrecken flächendeckend beredt werden können – also so reflektiert und verstanden werden, dass sie in politische Forderungen und kollektives Handeln übersetzbar werden.

Die vorangegangenen Überlegungen machen deutlich, dass die Kritische Theorie entgegen der Aussage des Ökomarxismus sehr wohl klimapolitisch erweitert werden kann. Mehr noch: In einer Klimakrise, die von Transformationsblockaden geprägt ist, besitzt die Kritische Theorie gegenüber dem Ökomarxismus sogar deutliche Vorteile. Zwar fordert der Ökomarxismus – meines Erachtens zu
Recht –, der Klimakrise müsse letztlich durch eine sozialistische Überwindung des kapitalistischen Stoffwechselregimes begegnet werden. Doch bleibt er weitgehend ratlos gegenüber der Tatsache, dass klimapolitische Forderungen insgesamt – dies gilt nicht nur für die ökonomischen Forderungen des Ökomarxismus, sondern auch für die ethischen und moralischen Forderungen der Umweltethik (vgl. Ott 2010) – auf zu wenig Resonanz stoßen oder sogar auf Widerstand treffen. Der Vorteil der Kritischen Theorie liegt darin, dass sie genau an dieser mangelnden Empfänglichkeit ansetzt, die zunehmend ein zentrales Problem der Klimakrise darstellt: Indem sie fossile Naturverfallenheit untersucht, analysiert sie die gesellschaftlichen Ursachen dieser Unempfänglichkeit. Zugleich arbeitet sie auf gesellschaftliche Verhältnisse hin, in denen Naturschrecken flächendeckend beredt werden können, anstatt verdrängt oder umgedeutet zu werden, und zielt so darauf, diese Blockaden zu überwinden und mehr Menschen in die Lage zu versetzen, emanzipative klimapolitische Forderungen mitzutragen oder selbst zu formulieren.

Danksagung

Ich danke Jan Overwijk, Tobias Heinze sowie zwei anonymen Gutachter:innen für ihre gründliche Lektüre des Manuskripts und ihre hilfreichen Rückmeldungen.

Literatur


  1. Während die früh industrialisierten Demokratien des globalen Nordens historisch für den Großteil der kumulativen Emissionen verantwortlich sind, hat sich der Anstieg der globalen Emissionen in den vergangenen Jahrzehnten zunehmend in China, Indien und in Schwellenländern des globalen Südens vollzogen, wobei die Emissionen in Europa über Jahre hinweg rückläufig waren (vgl. Global Carbon Project 2023). Daraus ließe sich vorschnell schließen, klimapolitische Müdigkeit im globalen Norden sei gerechtfertigt oder global kaum relevant. Dem widerspricht jedoch, dass die Pro-Kopf-Emissionen dort weiterhin zu den höchsten weltweit zählen und zuletzt Anzeichen von Stagnation oder erneutem Anstieg zeigen (vgl. Global Carbon Project 2025). Zudem ist die Verlagerung der Emissionszuwächse Ausdruck nachholender Industrialisierung und einer internationalen Arbeitsteilung, in der emissionsintensive Produktion ausgelagert wird, während Wertschöpfung und Konsum oft im globalen Norden verbleiben (vgl. Peters et al. 2008; Wiedmann et al. 2020). Der Fokus dieses Beitrags auf Gesellschaften des globalen Nordens und deren verzögerndes Verhalten beruht daher nicht auf der Annahme, dort würden heute sämtliche Emissionen verursacht. Er ergibt sich vielmehr aus ihrer historischen Verantwortung für Emissionen, ihrer fortbestehenden Mitverantwortung sowie aus ihren materiellen und institutionellen Voraussetzungen, die sie zu zentralen Akteurinnen einer wirksamen globalen Klimapolitik machen – deren Umsetzung jedoch zunehmend an gesellschaftlichen Blockaden zu scheitern droht.↩︎

  2. Auch wenn die Kritische Theorie nicht auf Horkheimers und Adornos Dialektik der Aufklärung sowie Adornos Negative Dialektik reduziert werden darf, scheinen mir gerade diese beiden Werke für die Deutung der eskalierenden Klimakrise besonders relevant. Die Dialektik der Aufklärung verknüpft das Projekt der Naturbeherrschung mit gesellschaftlichen Transformationsblockaden und autoritären Eskalationsdynamiken. Damit bietet sie – trotz der im Vergleich zu anderen Vertretern der frühen Kritischen Theorie wie Karl August Wittfogel begrenzten ökologischen und geologischen Kenntnisse ihrer Autoren – denjenigen theoretischen Rahmen, der am geeignetsten ist, die gegenwärtige Klimakrise zu begreifen. Ergänzend dazu gewinnt Adornos Negative Dialektik an Bedeutung: Mit der Forderung, Leiden beredt werden zu lassen, entwickelt Adorno eine Denkfigur, die einen möglichen Ausweg aus den beschriebenen politischen Lähmungserscheinungen eröffnet. Aus diesen Gründen bilden diese beiden Werke den theoretischen Bezugspunkt meiner Überlegungen zur Klimakrise.↩︎

  3. Horkheimer und Adorno lehnen nicht jeden verfügenden Zugriff auf Natur ab, den sie sowohl auf individueller als auch auf kollektiver Ebene als Bedingung von Vernunft und Befreiung betrachten. Vielmehr kritisieren sie maßlose, exzessive und zerstörerische Naturbeherrschung. In dieser Hinsicht ist die Unterscheidung zwischen einer abzulehnenden Naturbeherrschung und einer anzustrebenden „Beherrschung vom Verhältnis von Natur und Menschheit“ (Benjamin 1991, 147) aufschlussreich, die Walter Benjamin in Einbahnstraße trifft.↩︎

  4. In diesem Zusammenhang ist auch Horkheimers Zur Kritik der instrumentellen Vernunft (1991) aufschlussreich, in dem er den Faschismus als eine „Revolte der Natur“ (ebd., 131) beschreibt. Gemeint ist damit die politische Instrumentalisierung jener inneren Natur der Menschen, die sich gegen die Zumutungen der Naturbeherrschung richtet – und paradoxerweise so zur Stabilisierung des bestehende Regime der Naturbeherrschung eingesetzt wird (vgl. ebd., 105–135).↩︎

  5. Hogh weist in eine ähnliche Richtung, wenn er angesichts des wiederkehrenden Naturschreckens Adornos Konzept der Naturgeschichte heranzieht und fordert, (vermeintliche) Natur als Geschichte und Geschichte als (vergängliche) Natur zu durchschauen (Hogh 2021, 1024–1026, 1032–1034). Der von mir vorgeschlagene Ansatz, die Klimakrise als Verschränkung von Naturverfallenheit und wiederkehrendem Naturschrecken – jenen zwei paradoxen Folgeerscheinungen von exzessiver Naturbeherrschung – zu verstehen, scheint mir jedoch den Vorteil zu haben, dass er die konkreten Analysen der Naturalisierung von Gesellschaft in der naturbeherrschenden Moderne, die die Dialektik der Aufklärung bietet, unmittelbar einbeziehen und für eine Denaturalisierung jener klimaschädlichen gesellschaftlichen Verhältnisse nutzbar machen kann.↩︎

  6. Über die Möglichkeit, mithilfe von Horkheimers und Adornos Analysen von Konsumismus und Autoritarismus Transformationsblockaden und Eskalationsdynamiken der Klimakrise zu untersuchen, habe ich – zum Teil gemeinsam mit Kolleg:innen – ausführlich an anderer Stelle geschrieben (Stubenrauch 2026a, Stubenrauch 2026b, Barth et al. 2026).↩︎

  7. Die als Naturschrecken gefassten Leiden des Klimawandels entsprechen nicht in jedem Fall jenen von Adorno beschriebenen leiblichen Formen des Leidens. Denn – worauf ein anonymer Gutachter zurecht hingewiesen hat – leiblich erfahrbar ist nur das Wetter, nicht das Klima. Manche mit dem Klimawandel verbundene Wetterereignisse – etwa Hitzewellen – sind unmittelbar leiderzeugend. Andere Erfahrungen lassen sich jedoch nur dann als Naturschrecken begreifen, wenn ihr begrifflicher Anteil berücksichtigt wird: etwa Wetterphänomene wie milde Winter, die erst vor dem Hintergrund des Wissens um den Klimawandel als erschreckend erscheinen, oder Ängste, die aus der Antizipation zukünftiger Klimaverhältnisse entstehen. Gleichwohl ist es sinnvoll, auch diese nicht unmittelbar-mimetischen Formen des Leidens „beredt werden zu lassen“. Denn auch sie bedürfen einer gesellschaftskritischen Deutung, um in politische Forderungen übersetzbar zu werden.↩︎

  8. Carl Cassegård hat eine weitere instruktive Auseinandersetzung mit der Frage vorgelegt, ob die ökomarxistische Kritik an der Kritischen Theorie zutrifft, die auch meine eigene Auseinandersetzung informiert hat (Cassegård 2017, Cassegård 2021).↩︎

  9. Im 1967 hinzugefügten Vorwort zu Geschichte und Klassenbewusstsein räumt Lukács allerdings selbstkritisch ein, fälschlicherweise angenommen zu haben, dass die naturwissenschaftliche Methode grundsätzlich die menschliche Beziehung zum Objekt missachte, was nicht der Fall sei. Lukács‘ ursprüngliche Kritik an einer Dialektik der Natur richtet sich daher – anders als in der Kritischen Theorie (vgl. Cassegård 2017, 326–327) – tatsächlich gegen naturwissenschaftliches Wissen per se.↩︎

  10. Für eine detaillierte Darstellung des Verhältnisses von Foster, Adorno und Lukács siehe Cassegård 2021.↩︎