DANIEL LUCAS, ZÜRICH
Zusammenfassung: Was ist die Rolle der praktischen Philosophie als akademische Disziplin angesichts der Klimakrise? Welche gesellschaftlich relevanten Fragen kann die praktische Philosophie in der Klimakrise beantworten und somit zum öffentlichen Diskurs beitragen? Darüberhinausgehend: Was ist die Rolle praktischer Philosoph*innen in ihrer Funktion als Angehörige der Universität, als Forschende und Lehrende und als solche Personen, die sich an der öffentlichen gesellschaftlichen Debatte beteiligen? Kann, darf oder muss sich die praktische Philosophie als eine transformative Wissenschaft begreifen, die gesellschaftliche Problemlagen nicht nur apolitisch beschreibt, sondern selbst Verantwortung für die Erreichung gesamtgesellschaftlicher Nachhaltigkeitsziele erreicht? Auf diese Fragen versucht dieser Schwerpunkt Antworten zu geben.
Schlagworte: Klimakrise, Philosophie, Verantwortung
Abstract: What is the role of practical philosophy as an academic discipline in light of the climate crisis? What socially relevant questions can practical philosophy answer and thus contribute to public discourse? Going beyond that: What is the role of practical philosophers in their function as members of the university, as researchers and teachers, and as individuals who participate in public social debate? Can, should, or must practical philosophy see itself as a transformative science that not only describes social problems in an apolitical way, but also takes responsibility for achieving sustainability goals for society as a whole? This special issue attempts to provide answers to these questions.
Keywords: Climate Crisis, Philosophy, Responsibility
Welche Fragen ergeben sich aus der Klimakrise für die Praktische Philosophie? Schon die Formulierung dieser Frage ist nicht einfach: Sollten wir von einer Klimakrise sprechen, von einem Klimawandel oder doch eher von einer Klimakatastrophe? Und folgen aus der Begriffsverwendung andere Anforderungen an uns als Philosoph*innen? Und haben wir als Philosoph*innen eigentlich andere Aufgaben als Kolleg*innen aus anderen Fächern, sowohl innerhalb als auch außerhalb der Akademie? Stellen sich für politische Philosoph*innen ganz andere Fragen als für Ethiker*innen? Schon diese, noch sehr grobkörnig gestellten, Fragen, verweisen auf die vielen Zugangswege zum Thema dieses Schwerpunktes.
Bei der Formulierung des Call for Papers für diesen Schwerpunkt war es uns daher ein besonderes Anliegen, das Thema möglichst breit auszuschreiben. Sowohl in Bezug auf die konkreten Fragestellungen, die methodischen Zugänge als auch die philosophischen Selbstverständnisse, aus denen heraus die Autor*innen schreiben. Dieses Anliegen ist uns mit Blick auf die hier publizierten sechs Beiträge gelungen. Es freut uns deshalb, dass wir mit diesem Schwerpunkt auch ein wenig die Vielfalt darstellen können, die das Denken innerhalb der Praktischen Philosophie über die Klimakrise auszeichnet.
Das Thema des Schwerpunktes hat dabei keineswegs an Aktualität verloren — eher im Gegenteil. Am 25.09.2025 warnten die deutsche meteorologische Gesellschaft und die deutsche physikalische Gesellschaft, dass bereits 2050 die globale Erwärmung 3° Celsius erreichen könnte. Damit wird auch das Überschreiten sogenannter Kipppunkte wahrscheinlicher, also solcher Ereignisse, die das Ökosystem unwiederbringlich verändern. Mit dem Überschreiten der Kipppunkte geht eine größere epistemische Unsicherheit einher, weil etablierte Modelle der Klimawissenschaften an prognostischer Kraft verlieren. Zeitgleich lässt sich eine politische Entwicklung beobachten, in der jene Politiker*innen in Machtpositionen gelangen, welche die Klimakrise leugnen. Insbesondere die USA unter Donald Trump sind hier zu nennen – aber auch in Deutschland bremst die Bundesregierung eine ernsthafte Auseinandersetzung mit der Klimakrise aus. In Österreich und der Schweiz führen Parteien die Umfragen an, die sich gegen eine nachhaltige Klimapolitik positionieren. Es handelt es sich also zumindest um eine Doppelkrise, nämlich eine epistemische auf der einen und eine der politischen Verantwortung auf der anderen Seite.
Vor diesem Hintergrund wäre eine Vielzahl pessimistischer Beiträge zu erwarten gewesen. Die vielfältigen Beiträge in diesem Schwerpunkt hingegen diskutieren, wie die Katastrophe noch verhindert, die Krise noch zum Guten gewendet werden könnte. Ob Philosophiedidaktik, neuer Materialismus, Gerechtigkeitstheorien oder die Frage nach politischem Aktivismus: Die hier versammelten Beiträge eröffnen neue Denkhorizonte, stellen wichtige Fragen und geben teils sogar konkrete Antworten, wie eine Verantwortungsübernahme angesichts der Klimakrise aussieht.
Der Schwerpunkt beginnt mit einem Beitrag von Anh-Quân Nguyen, welcher die Grenzen des Klimaaktivismus auslotet. Nguyen stellt dabei sowohl die Frage, was erlaubt ist, als auch die Frage, was gefordert sein darf. Dabei geht es ihm vor allem um das Problem einer möglichen moralischen Überforderung, wenn die moralischen Ansprüche an Klimaaktivist*innen zu weitreichend sind. Nguyen diskutiert dies insbesondere vor dem Hintergrund des Anspruchs der Gewaltfreiheit, welcher Aktivist*innen hohe moralischen Kosten aufbürdet, insbesondere dann, wenn sie selbst Opfer von tätlichen Angriffen werden. Die Klimabewegung müsse hier aufpassen, nicht zu früh auszubrennen.
In ihrem Beitrag zur individuellen Untätigkeit kritisiert Alina Kühnl das Inkonsequentialismusargument, um davon ausgehend zu einem Verständnis gemeinsamen Handelns zu kommen. Lediglich auf die relativ unbedeutende Konsequenz von individuellen Handlungen zu verweisen, so Kühnl, übersieht die existentiell-soziale Verbindung von Konsument*innen. Verstünden sich Konsument*innen auf diese Weise miteinander verbunden, so könnten sie ein besseres Verständnis für ihren Platz in der Welt entwickeln, was wiederum zu einem besseren Verständnis individueller moralischer Anforderungen führe. Auch dann, wenn ihr eigenes Verhalten allein keinen Unterschied macht.
In ähnlicher Weise, aber vor einem anderen theoretischen Hintergrund, argumentiert Timo Hartmann für ein kollektives Verständnis von Resilienz und Transformation. Im Kontext einer posthumanistischen Neuakzentuierung, so Hartmann, müsse die bestehende Anthropozentrik überwunden und eine physiozentrische Transformation von Gesellschaften angestrebt werden. Eine Mindestvoraussetzung dafür sei, dass nicht-menschliche Entitäten maßgeblich in die normativen Zielsetzungen menschlicher Gesellschaften einbezogen würden.
Björn Härtel befasst sich in seinem Beitrag mit der freien Willkür zukünftiger Generationen nach Kants Rechtsimperativ. Er stellt dabei das Problem eines naturrechtlich postulierten Rechts aller Generationen auf vergleichbare Freiheit und der praktischen Umsetzung dieses Rechts heraus – insbesondere im positiven Recht. Denn zwar könne die Freiheit zukünftiger Generationen nur durch eine Einschränkung der Freiheit der jetzigen Generation gesichert werden; zugleich seien aber die Ansprüche zukünftiger Generationen notorisch schwierig. Am Ende, so Härtel, müsse es eine Aushandlung zwischen dem Gebrauch der eigenen Freiheit und dem Recht zukünftiger Generationen auf den Gebrauch ihrer Freiheit geben. Und diese Aushandlung würde schwieriger, umso weiter diese zukünftigen Generationen entfernt sind.
Zukünftige Generationen sind auch im Beitrag von Meike Neuhaus von zentraler Bedeutung, wenngleich es sich hier um bereits existierende Generationen handelt. In ihrer philosophiedidaktischen Auseinandersetzung setzt Neuhaus sich mit der Frage auseinander, wie Schüler*innen für die Schwere der Herausforderung sensibilisiert werden können, ohne sie Gefühlen wie Hoffnungslosigkeit oder Überforderung auszusetzen. Insbesondere die Diskussion einer Unterrichtsreihe bietet dabei hilfreiche Einsichten für den philosophischen Schulunterricht im Speziellen, aber auch die Kommunikation von Herausforderungen im Allgemeinen.
Der Schwerpunkt schließt mit einem Beitrag von Samuel Kramer zum Konzept der rationalen radikalen Hoffnung. Hoffnung ist dann als rational radikal zu verstehen, wenn ihr Objekt zum Zeitpunkt des Hoffens noch nicht erkennbar ist. Dies darf keineswegs mit einem unreflektierten Optimismus verwechselt werden, welcher die Annahme impliziert, dass sich die Dinge von selbst regeln werden. Vielmehr habe rationale radikale Hoffnung eine motivationale Funktion, insofern sie Handeln trotz unwahrscheinlicher Erfolgsaussichten und somit den Kampf für eine Überwindung der Klimakrise against all odds ermöglicht.
Die Zusammenschau der hier versammelten Beiträge demonstriert eindrücklich die methodische und thematische Breite, mit der die Praktische Philosophie die drängenden Fragen der Klimakrise adressieren kann. Insbesondere die gemeinsame Präsentation von Ansätzen der Moralphilosophie (Nguyen, Kühnl), der politischen Philosophie (Härtel, Kramer), der Philosophiedidaktik (Neuhaus) und des Neuen Materialismus (Hartmann) schafft einen produktiven Raum für einen Austausch verschiedener philosophischer Traditionen und Theorien.
Der Schwerpunkt liefert somit eine fundierte Grundlage dafür, tradierte Grenzen zwischen den philosophischen Subdisziplinen zu überbrücken und den philosophischen Diskurs über die Klimakrise um neue, handlungsleitende Perspektiven zu bereichern, deren weitere Erforschung im Fokus bleiben sollte. Und auch für den politischen und gesellschaftlichen Umgang mit der Klimakrise werden wichtige und bedenkenswerte Hinweise gegeben.
Abschließend wollen wir uns als Herausgeber noch einmal explizit sowohl bei den Autor*innen als auch bei den Gutachter*innen bedanken. Sowohl für die geleistete Arbeit als auch für den stets respektvollen und produktiven Umgang über die verschiedenen Begutachtungsrunden bis hin zur finalen Version hinweg. Gleiches gilt auch für unsere Liaison bei der Zeitschrift für Praktische Philosophie, Gottfried Schweiger, der stets mit Rat und Tat bereitstand.