Praktische Philosophie mit Thomas von Aquin: Einleitung in den Themenschwerpunkt

Practical Philosophy with Thomas Aquinas: Introduction to the Special Issue

KATHI BEIER, BREMEN

Zusammenfassung: Nach drei Jahren Thomas-Feierlichkeiten wird in dieser Einleitung noch einmal die Gelegenheit genutzt, die Bedeutung des Denkens von Thomas von Aquin für die Philosophie aufzuzeigen. Es wird auf neuere Editionen seiner Schriften ebenso hingewiesen wie auf aktuelle Diskussionen seiner Thesen im Feld der Praktischen Philosophie. Zudem werden die drei Beiträge des Schwerpunktes kurz vorgestellt.

Schlagwörter: Thomas von Aquin, Praktische Philosophie, Ethik, Epistemologie, Anthropologie

Abstract: After three years of celebrating Thomas Aquinas, this introduction once again takes the opportunity to highlight the significance of his thinking for philosophy. It refers to recent editions of his writings as well as to current discussions of his claims in the field of practical philosophy. In addition, the three contributions to the Special Issue are briefly presented.

Keywords: Thomas Aquinas, Practical Philosophy, Ethics, Epistemology, Anthropology

1 Thomas und die Praktische Philosophie

Drei Jahre Thomas-Feierlichkeiten liegen hinter uns. 2023 jährte sich die Heiligsprechung des großen systematischen Denkers durch Papst Johannes XXII. am 18. Juli 1323 zum 700. Mal. 2024 war es genau 750 Jahre her, dass der Angehörige des damals noch recht jungen „Ordens der Predigerbrüder“ – wegen des Gründers Dominikus von Guzmán (um 1170-1221) später auch Dominikanerorden genannt – starb, nämlich am 7. März 1274. Da der Tag der Geburt des Thomas nicht so genau verbürgt ist wie der Tag seines Todes, wahrscheinlich aber in die Zeit um Neujahr 1225 zu datieren ist, konnten wir 2025 den 800. Geburtstag dieses bedeutenden Italieners begehen, der als jüngster Sohn des Grafen Landulf von Aquino und seiner Frau Theodora auf der Burg Roccasecca, zwischen Rom und Neapel gelegen, geboren wurde.

Weltweit wurde der 1567 zum Kirchenlehrer erhobene Thomas von Aquin nun mit Tagungen und Vorträgen, Schwerpunkten in Zeitschriften und besonderen Publikationen gefeiert. Sein Schädel, aufbewahrt als Reliquie in der Jakobinerkirche von Toulouse, reiste durch Teile Europas und zog viele Gläubige an. Dabei sind es keineswegs nur Dominikaner und Dominikanerinnen, katholische Universitäten und Ordenshochschulen oder theologische Fakultäten, die Thomas in Ehren halten. Sein Werk und sein Denken beeindrucken seit jeher weit über kirchliche Kreise hinaus – nicht zuletzt wegen der grundlegenden Fragen, mit denen sich Thomas auseinandersetzt, der Klarheit seiner Sprache und der argumentativen Stringenz seiner Überlegungen. Thomas war nicht nur ein beeindruckender Denker, sondern auch Dichter einiger in der katholischen Kirche bis heute bekannter liturgischer Gesänge; daher lautet der Titel des zuletzt auf Deutsch erschienenen Buches über sein Leben und sein Werk von Hanns-Gregor Nissing genau so, Denker und Dichter (Nissing 2022; vgl. Nissing 2025). Thomas war Mendikant, d.h. Angehöriger eines der so genannten Bettelorden, und Magister, d.h. Professor an der Universität von Paris. Er war sowohl eifriger Exeget der Hl. Schrift als auch kongenialer Kommentator der Schriften des Aristoteles. Er wurde wegen der didaktischen und systematischen Aufbereitung seiner Werke der „engelgleiche Lehrer“ (doctor angelicus) genannt und war doch Zeit seines Lebens selbst ein unermüdlich Lernender, immer auf der Suche nach der Wahrheit. Und er war Theologe und Philosoph gleichermaßen. Zugleich war er maßgeblich daran beteiligt, das Verhältnis von Theologie und Philosophie neu zu bestimmen.

Das lag auch daran, dass er historisch betrachtet in einer überaus spannenden Zeit lebte, einer Zeit, in der die Städte an Bedeutung gewannen, die Mendikantenorden entstanden und sich die Universitäten gründeten. Für den Dominikanerorden war und ist das Studium besonders wichtig; es gehört gewissermaßen zur DNA der Ordensidee (vgl. Eggensperger 2025). Im 13. Jahrhundert erhielten die Mendikanten, Franziskaner und Dominikaner, Lehrstühle an Theologischen Fakultäten. Als „Meister“ (magister) an der Universität von Paris hatte Thomas den Lehrstuhl zweimal inne, 1256-1259 und 1268-1272. An den großen Universitäten wurden in dieser Zeit harte wissenschaftliche Kämpfe ausgefochten. Denn ab der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts geriet Schritt für Schritt das gesamte Studium an der Artistenfakultät unter den Einfluss der nun erstmals vollständig auf Latein zugänglichen großen Werke des Aristoteles, seiner Natur- und Geistphilosophie und seiner philosophischen Theologie und Ethik. Das führte, so erklärt Jan Aertsen, zu einem echten Streit der Fakultäten:

“The constellation of the medieval university bore within it the seeds of conflict. The Faculty of Arts had in fact developed into a philosophy faculty where Aristotle’s rational account of the world was taught. In the course of the thirteenth century, the writings and Aristotle commentaries of the two great Islamic philosophers Avicenna and Averroes also became available for this program. But the study of the arts was still preparatory for the theology faculty, in which the doctrine of the Christian faith was explained and systematized. Greek and Arabic philosophy on the one hand and Christian theology on the other make divergent statements about human beings and the world, and both sides claim truth. The truth claims of philosophy and theology were the cause of what one might name (following Kant) ‘the conflict of the faculties’.” (Aertsen 1993, 24)

Anders als bei Kant ging es hier um einen Streit der unteren mit nur einer der höheren Fakultäten. Das bedeutet jedoch nicht, dass dieser Streit weniger heftig ausgefallen wäre. Thomas war nicht nur Zeuge dieser Universitätskrise, sondern, wie Andreas Speer schreibt, „einer der maßgeblichen Protagonisten dieses Paradigmenwechsels“ in der Wissenschaft (Speer 2025, 117). Geschult durch das Studium bei Albertus Magnus in Köln versuchte er, die Vereinbarkeit von aristotelischer Philosophie und christlichem Glauben aufzuzeigen, d.h. die Vorstellung von Wissenschaft, die ihm in den Schriften des Aristoteles begegnete, zur christlichen Offenbarungslehre ins Verhältnis zu setzen und so Theologie als Wissenschaft zu begründen. In seinen Schriften, so beschreibt es Speer, „begegnet man einem durch und durch methodischen Denker von großer analytischer Schärfe, einem herausragenden Wissenschaftler und Lehrer, für den Wissenschaft Lebensform ist“ (ebd., 120). Es ist daher nicht verwunderlich, dass Thomas’ Werke bis heute auch in der Philosophie studiert und diskutiert werden. Einen seiner eifrigsten Leser, Übersetzer und "Schüler" im 20. Jahrhundert, nämlich den Münsteraner Philosophen Josef Pieper, stellen Hanns-Gregor Nissing und Bertold Wald ins Zentrum ihrer neuesten Thomas-Publikation (vgl. Nissing/Wald 2024).

Im Feld der Praktischen Philosophie stoßen hier vor allem seine Aristoteles-Kommentare, der zweite der drei Teile der Summa theologiae, also STh I-II und II-II, und etliche der Quaestiones disputatae, insbesondere De veritate (Über die Wahrheit), De virtutibus (Über die Tugenden) und De malo (Vom Übel) auf besonderes Interesse. In den letzten Jahren sind dazu wichtige deutsche und zweisprachige Textausgaben erschienen. Schon 2021 konnte mit Band 9 „Ziel und Handeln des Menschen“ (STh I-II, 1-21, übersetzt und kommentiert von Klaus Jacobi) eine Lücke in der Deutschen Thomas-Ausgabe gefüllt werden. Auszüge aus der Habitus- und Tugendlehre der Summa theologiae (STh I-II, 49-63) sind in neuer Übersetzung 2023 in der Reihe Interpretationen und Quellen im Verlag Karl Alber erschienen (vgl. Beier/Roesner 2023). Hervorzuheben ist zudem das noch laufende Co-Science-Projekt „summa21“ am Thomas-Institut der Universität zu Köln, das das Ziel verfolgt, die gesamte Summe der Theologie in gut lesbarer Übersetzung online zu präsentieren (vgl. https://summa21.de). Von den Aristoteles-Kommentaren des Thomas konnte Matthias Perkams seiner Übersetzung des Kommentars zu den Büchern I und X der Nikomachischen Ethik, erschienen 2014 als Band 33 in Herders Bibliothek der Philosophie des Mittelelters, 2023 mit Band 57 die Kommentare zu den Büchern V-VII hinzufügen, also zur Gerechtigkeit, zur Klugheit und den anderen intellektuellen Tugenden sowie zum Willen und zur Willensschwäche (akrasia bzw. incontinentia). Erhältlich sind dort auch der Kommentar zum ersten Buch der Politik sowie Auszüge des Kommentars zur Metaphysik. Die Reihe enthält zudem Thomas’ Überlegungen zum Gewissen (De veritate 16-17) und wird 2026 Thomas’ Spätwerk De regno ad regem Cypri (Über die Königsherrschaft an den König von Zypern) publizieren. Im Meiner Verlag wird die deutsche Übersetzung der Quaestiones disputatae, herausgegeben von Rolf Schönberger, fortgeführt. Hier ist 2024 De anima (Untersuchungen über die Seele / Über die Geistgeschöpfe) erschienen sowie 2023 und 2024 Über die Wahrheit Teilband 1 (De veritate 1-4) und Teilband 3 (De veritate 10-13). Schon länger erhältlich sind dort Über die Tugenden und die beiden Teilbände Vom Übel (De malo I-VII und De malo VIII-XVI). Da De malo VI eines der wichtigsten anthropologischen Lehrstücke des Thomas enthält, nämlich seine These, dass der Mensch frei wählen und entscheiden kann, hat Andreas Speer diese Frage noch einmal neu übersetzt und in der Reihe Great Papers Philosophie bei Reclam 2024 als lateinisch-deutsche Ausgabe herausgebracht.

Das Werk des Thomas wird seit einiger Zeit sehr stark vor allem im englischsprachigen Raum rezipiert, und zwar in Theologie und Philosophie gleichermaßen. Hier entstehen sowohl neue Kompendien (vgl. u.a. Levering/Plested 2021, Stump/White 2022) als auch neue Bücher zu fast allen Facetten seines Denkens, wobei sein Verständnis der Tugenden im Moment besonders intensiv erforscht wird (vgl. zuletzt etwa Sullivan 2021, Osborne 2022, Mattison III. 2023, McKay Knobel 2024). In Europa gehen wichtige Impulse der Thomasrezeption nach wie vor vom Angelicum in Rom und vom Thomas-Instituut in Utrecht aus (vgl. ten Klooster/Goris/Sarot 2023). In Deutschland ist die aktuelle Diskussion stark auf die Praktische Philosophie fokussiert, findet mitunter aber eher versteckt in Festschriften statt. Vier Themenfelder sind hier besonders hervorzuheben.

(i) Im Feld der Ethik und Moralphilosophie geht es zum einen wieder verstärkt um die Rolle der praktischen Vernunft bei Thomas (vgl. Mandrella 2020), speziell um die Frage, was aus der These vom Guten als einem Transzendentalbegriff für das Verständnis von Ethik im Allgemeinen folgt (Mandrella 2023). Zum anderen wird, ebenfalls in stärker metaethischer Hinsicht, untersucht, ob in Thomas’ Ethik eher universalistische oder partikularistische Tendenzen zu finden sind (vgl. Perkams 2023). Und es wird seine Lehre vom intrinsece malum reflektiert, also die Behauptung, dass es moralisch gesehen an sich schlechte Handlungen gibt (vgl. Herzberg 2023 und 2025) – diesbezüglich denkt Stephan Herzberg die Positionen von zwei Jubilaren der jüngsten Zeit, nämlich von Thomas und Immanuel Kant, zusammen (vgl. Herzberg 2024). In normativ-ethischer Hinsicht steht im Zuge der anhaltenden Diskussion tugendethischer Positionen nach wie vor auch Thomas՚ Habitus- und Tugendlehre im Fokus (vgl. Schönberger 2021). Hier geht es u.a. um die Frage, ob und in welchem Sinne sich Thomas im zweiten Teil der Summa theologiae als Ethiker zeigt (vgl. Eggensperger 2024), und es wird an seine Überlegungen zu einzelnen, von ihm zum Teil sehr ausführlich behandelten speziellen Tugenden angeknüpft, etwa an seine Ausführungen zur Dankbarkeit (vgl. Nisters 2021) oder zur Liebe (vgl. Schönberger 2018 und 2022; Tegtmeyer 2018).

(ii) Damit ist die Affekt- bzw. Emotionstheorie bereits angesprochen, ist Liebe für Thomas doch – genauso wie Hoffnung – zugleich Affekt bzw. Leidenschaft und Tugend. Martin Pickavé zufolge ist die Theorie der Affekte, die Thomas im zweiten Teil der Summa theologiae entfaltet, „die ausführlichste Abhandlung über Emotionen, die wir in Antike und Mittelalter finden können“ (Pickavé 2012, 201-202). Sie wird heute nicht nur im englischsprachigen Raum wieder neu entdeckt und kritisch reflektiert (vgl. u.a. Miner 2009, McCluskey 2025), sondern findet auch in der deutschsprachigen Philosophie Beachtung. So betont etwa Peter Nickl, dass der Gedanke der Zusammengehörigkeit von Leidenschaft und Tugend, von emotionalen und rationalen Kräften, die Thomas hervorhebt, auch vor dem Hintergrund der Entwicklung von KI eine dringend notwendige Erinnerung an „echtes menschliches Handeln“ sei (Nickl 2023, 315).

(iii) Nicht zuletzt seit ihrer Aufnahme durch G.E.M. Anscombe hat Thomas’ Handlungstheorie „eine zeitübergreifende Wirkung“ entfaltet, wie Karl Mertens feststellt (Mertens 2005, 168). So wird sein Modell der Bestimmung von Gutheit und Schlechtheit einer sittlichen Handlung, das er in STh I-II, 18-21 entwickelt, auch heute noch für attraktiv gehalten (vgl. Müller 2025). Als ein Dauerbrenner philosophischer Kontroverse erweist sich zudem das so genannte Prinzip der Doppelwirkung, das Thomas in der Summa theologiae (II-II, q. 64, a. 7) formuliert und das vor allem in der anglo-amerikanischen Forschung breit diskutiert wird. Während es aus Sicht der einen wegen seiner Vagheit und seiner nicht mehr allgemein geteilten Voraussetzungen aufgegeben werden sollte (vgl. Steinhoff 2018), greift es für andere eine echte Problematik auf und kann gewinnbringend auf heutige Debatten angewendet werden (vgl. Masek 2018, Stuchlik 2025). In der deutschen Debatte wird dagegen breit diskutiert, was Thomas zum Problem der Akrasie, der Unbeherrschtheit bzw. Willensschwäche, d.h. des freiwilligen Handelns wider besseres Wissen, zu sagen hat (vgl. Hoffmann/Müller/Perkams 2006, Müller 2016, Beier 2024). Im Vergleich zu Augustinus und Albertus Magnus hat sich Thomas intensiver und aus einem stärker systematischen Interesse heraus mit diesem Phänomen beschäftigt. Schließlich ist es auch Thomas՚ Lehre vom Gewissen (conscientia), d.h. seine Beantwortung der Fragen, ob ein irrendes Gewissen verpflichtet und ob es entschuldigt (STh I-II, q. 19, aa. 5-6), die heute noch für wichtig erachtet wird (vgl. Herzberg 2014).

(iv) Thomas’ Überlegungen regen schließlich Debatten in der Rechtsphilosophie und der politischen Philosophie der Gegenwart an. Seine im lex-Traktat der Summa theologiae (I-II, qq. 90-108) entwickelten Thesen und Argumente sind, so jüngst Franz-Josef Bormann, kein „stumpfes Schwert“, sondern „unverzichtbare Grundlage“, etwa für den heutigen Menschenrechtsdiskurs (Bormann 2025). Das naturrechtliche Denken, das wir bei Thomas finden, wird zunehmend auch in der Ethik wieder entdeckt (vgl. Speer 2014, Lutz/Hofmann/Fritz/Conrads/Geisen 2025). Von besonderer Relevanz sind hier seine Überlegungen zum bellum iustum, dem gerechten Krieg. Diskutiert wird vor allem, ob und wie sie sich auf aktuelle Kriege und Konflikte übertragen lassen (vgl. Fuchs 2017, Bormann 2023, Beestermöller 2025).

2 Bleibend relevant

Ist das, was Thomas zu sagen hat, „mittelalterlich-obsolet oder bleibend relevant“ – um es mit den Worten von Gerhard Beestermöller zu formulieren (Beestermöller 2025, 158)? Und wenn es für unsere Zeit tatsächlich relevant ist, worin besteht eigentlich seine bleibende Neuheit? Andreas Speer, Direktor des Thomas-Instituts der Universität zu Köln, der diese Frage, anknüpfend an die Enzyklika „Fides et Ratio“ von Papst Johannes Paul II., aufwirft, macht drei Gründe aus, die für eine Beschäftigung mit Thomas heute sprechen (vgl. Speer 2025, 120).

Da ist erstens ein historisches Interesse. Die Philosophie ist nicht ohne ihre Geschichte zu verstehen, und in dieser hat Thomas deutliche Spuren hinterlassen – siehe oben.

Da ist zweitens das, was Speer „eine präsentistische Applikation bestimmter Lehrstücke auf konkrete aktuelle Fragen“ nennt (ebd.). Das klingt bei ihm etwas abfällig, man weiß allerdings nicht, warum. Sicher kann man eine solche Applikation voreilig vornehmen, etwa indem man den historischen Kontext, in dem das applizierte Lehrstück entstand, komplett ignoriert. So nimmt etwa Gerhard Beestermöller eine Frage auf, die sich sicher viele heute stellen: „Kann man mit Thomas die militärische Verteidigung der Ukraine gegen Putin begründen?“ Seine Antwort ist eindeutig: „Nein! Die Relevanz des ‚gerechten Krieges‘ muss komplexer gedacht werden als in ihrer unmittelbaren Anwendung.“ (Beestermöller 2025, 158) Doch das heißt zugleich, dass eine solche Anwendung durchaus möglich ist, wenn man komplexer denkt. Das tut etwa Franz-Josef Bormann, der im Kontext des russischen Krieges gegen die Ukraine zehn Thesen vertritt, darunter die folgende These 4: „Insbesondere die sog. Lehre vom gerechten Krieg mit ihren beiden Kristallisationspunkten eines ius ad bellum und eines ius in bello dürfte sich als aktueller erweisen, als uns viele ihrer (kirchlichen) Kritiker glauben machen wollen.“ (Bormann 2023) Thomas hat, wie bereits erläutert, mit Blick auf ganz unterschiedliche Themen der Philosophie grundlegende Überlegungen angestellt und begriffliche Unterscheidungen vorgenommen, zum gerechten Krieg ebenso wie zu unabsichtlichen Nebenfolgen des Handelns, zu verschiedenen Formen der Liebe, zur Einteilung von Tugenden und Lastern, zu Facetten des praktischen Wissens usw. Es wäre sowohl geschichtsvergessen als auch kontraproduktiv, diese Lehrstücke nicht auf aktuelle philosophische Fragen anzuwenden.

Drittens schließlich sucht und findet Speer die „bleibende Neuheit“ des thomasischen Denkens in einer, so könnte man sagen, wissenschaftsethischen Haltung. Thomas habe zu seiner Zeit das neue, aristotelische Wissenschaftsverständnis auf seine eigene Disziplin, die Theologie, übertragen, d.h. er hat gesehen, dass und wie Vernunft und Glaube voneinander zu trennen sind und doch aufeinander verwiesen bleiben; er habe eingefordert, sachangemessene Gründe zu geben sowohl für das, was wir zu wissen beanspruchen, als auch für das, was wir glauben. „Wie diese Herausforderung unter den Bedingungen einer sich wandelnden wissenschaftlichen Vernunft gelingen kann, darin“, so Speer, „liegt die bleibende Neuheit des Denkens des Thomas von Aquin.“ (Speer 2025, 128) Es bleibt eine Kontroverse innerhalb der Philosophie, ob sich die wissenschaftliche Vernunft seither noch einmal so radikal gewandelt hat wie zu Thomas’ Lebzeiten, ob die Herausforderungen etwa durch die kopernikanische Wende (Kopernikus, Galilei, Newton) oder die relativistische Wende (Darwin, Einstein) „gelungen“ sind – und auch, was das für die Relevanz von Thomas für die Praktische Philosophie von heute bedeutet.

3 Zu den Beiträgen

Die Beiträge in diesem kleinen Schwerpunkt haben überwiegend einen systematischen, zum Teil zugleich auch einen historischen Fokus. Sie betten die Überlegungen des Thomas in aktuelle ethische, epistemologische und anthropologische Diskussionen ein.

Jens Kertscher (TU Darmstadt) greift in seinem Beitrag „Lassen sich epistemische Tugenden als eine Art ethische Tugenden verstehen?“ die seit etlichen Jahren laufende Debatte zur Tugendepistemologie auf. Eine der Protagonistinnen dieser Debatte ist Linda Zagzebski, die in ihrem Buch Virtues of the Mind dafür plädiert, die intellektuellen Tugenden als eine Teilmenge der ethischen Tugenden zu betrachten. Kertscher hält diese Reduktion zugleich für irreführend und für kontraproduktiv. Unter Rückgriff auf die schon bei Aristoteles vorgenommene Unterscheidung zwischen ethischen und dianoetischen Tugenden als zwei distinkter Tugendarten und der Aus- und Weiterführung dieses Gedankens bei Thomas von Aquin zeigt er, dass die Trennung von moralischen und intellektuellen Tugenden sachlich angemessen ist, auch wenn sie auf verschiedene Weise miteinander verflochten sind. Überdies könne man mit Thomas besser als mit Zagzebski selbst begründen, warum die menschliche Vernunftausübung nicht nur epistemisch, sondern auch moralisch wertvoll ist.

An der Schnittstelle von Ethik und politischer Philosophie ist der Beitrag „Dankbarkeit gegenüber ausländischen Arbeitnehmer:innen“ von Juliette Monvoisin (Universität Siegen) angesiedelt. Aufhänger ist hier die Forderung der am Kings College London arbeitenden Migrationsforscherin Mollie Gerver, aus Dankbarkeit für ihren Einsatz und der auf sich genommenen Risiken während der Covid-19-Pandemie allen ausländischen Arbeiter:innen eine unbefristete Aufenthaltsgenehmigung zu erteilen. Weil Thomas von Aquin die Dankbarkeit besonders ausführlich behandelt, Gerver darauf allerdings nicht Bezug nimmt, sucht Monvoisin bei ihm nach möglichen Begründungen für eine solche Dankbarkeitspflicht. Doch weder die Tugend der Dankbarkeit selbst noch die Theorie der Undankbarkeit, die wir bei Thomas finden, könnten Gervers Forderung stützen. Im Gegenteil, so die These von Monvoisin, ist eine Vermischung von Gesinnungsethik und Migrationsgerechtigkeit am besten zu vermeiden.

Während sich Kertscher und Monvoisin für ihre Überlegungen auf Thomas’ Summa theologiae beziehen, macht Andrea Robiglio (KU Leuven) mit seinem Beitrag „Das ewige Lächeln“ auf einen bislang in der Forschung wenig beachteten Text von Thomas aufmerksam, nämlich die Quaestio
quodlibetalis XI
, die 1259 entstanden ist, also am Ende seiner ersten Lehrperiode in Paris. Darin vertritt Thomas eine bemerkenswerte, weil für die damalige Zeit ungewöhnliche These: Als Bestätigung der fortlaufenden Identität zwischen Lebenden und Toten werden die Menschen auch im Paradies lachen. Damit betone Thomas nicht nur die positive, sondern auch die metaphysisch essentielle Bedeutung des Lachens für die Bestimmung der personalen Identität.

Literatur