Philosophie und Antisemitismus – Einleitung in den Zeitschriftenschwerpunkt
Philosophy and Antisemitsm - Introduction
CHRISTIAN THEIN, ALEXANDRA SCHAUER, JOHANNES DERUP
Zusammenfassung: Seit den unterschiedlichsten Stellungnahmen von Philosophen und Philosophinnen zu dem antisemitischen Massaker der Hamas vom 7.Oktober 2023 und den nachfolgenden militärischen Kriegshandlungen in Gaza und im Libanon ist die Debatte über das Verhältnis der Philosophie zum Antisemitismus erneut aufgerollt worden. Gerade die Frage nach dem Verhältnis der Disziplin zu den verschiedenen Verständnissen und Definitionsversuchen von Antisemitismus, Antijudaismus und Antizionismus auf der einen und zum Judentum und dem Jüdisch-Sein auf der anderen Seite ist seitdem verstärkt ins Zentrum akademischer und öffentlicher Kontroversen gerückt. Zugleich kann eine bis in die Gegenwart reichende Vernachlässigung einer kritisch-reflexiven Thematisierung des Verhältnisses von Philosophie und Antisemitismus in den philosophischen Diskursen und Forschungen aufgezeigt werden. Während Themen und Fragestellungen aus postkolonialen und antirassistischen Kontexten in den vergangenen Jahren zunehmend auch aus philosophischem Blickwinkel auf- und bearbeitet worden sind, findet eine philosophische Auseinandersetzung mit Antisemitismus auch im deutschsprachigen Raum bisher nur peripher statt. Dieses Forschungsdesiderat betrifft ebenso die historischen und gegenwärtigen Verstrickungen der eigenen Disziplin in die antijüdische Ausgrenzungs- und Gewaltgeschichte. Der Zeitschriftenschwerpunkt stellt einen Versuch dar, diese disziplinären Lücken aufzuarbeiten und neue theoretische Perspektiven der Analyse und Kritik von Antisemitismus zu eröffnen.
Schlagwörter: Antisemitismus, Philosophie, kritische Theorie, Judentum, Nahostkonflikt
Abstract: Since philosophers have offered a wide range of perspectives on the antisemitic massacre carried out by Hamas on October 7, 2023, and the subsequent military hostilities in Gaza and Lebanon, the debate over the relationship between philosophy and antisemitism has been reignited. In particular, the question of the discipline’s relationship to the various understandings and attempts to define antisemitism, anti-Judaism, and anti-Zionism on the one hand, and to Judaism and Jewishness on the other, has since moved more firmly into the center of academic and public controversies. At the same time, it can be demonstrated that there has been a neglect, extending to the present day, of a critical and reflective examination of the relationship between philosophy and antisemitism in philosophical discourse and research. While topics and questions from postcolonial and anti-racist contexts have increasingly been addressed and examined from a philosophical perspective in recent years, a philosophical engagement with antisemitism has so far taken place only peripherally. This also applies to the historical and contemporary entanglements of the discipline itself in the history of anti-Jewish exclusion and violence. This special issue represents an attempt to address these disciplinary gaps and to open up new theoretical perspectives for the analysis and critique of antisemitism.
Keywords: Antisemitism, Philosophy, Critical Theory, Jewishness, Israel
Ein Blick zurück ins 20. Jahrhundert zeigt, dass zwischen der Philosophie, dem Judentum und Problemstellungen des modernen Antisemitismus eine komplexe Beziehung besteht. So gehen die beiden bis in die Gegenwart in der interdisziplinär ausgerichteten Antisemitismusforschung maßgeblichen kritischen Theorien des Antisemitismus auf Max Horkheimer und Theodor W. Adorno sowie auf Jean-Paul Sartre zurück (Thein 2025, Judaken 2024, Jacobs 2015, Rensmann 1998). Als abschließendes Kapitel von Max Horkheimers und Theodor W. Adornos Dialektik der Aufklärung bestehen die Elemente des Antisemitismus (Horkheimer/Adorno 2002) aus mehreren miteinander verflochtenen Abschnitten, von denen die ersten fünf 1943 und der sechste Abschnitt für die Erstveröffentlichung 1944 fertiggestellt wurde; das siebte Element wurde als Anhang 1947 verfasst und erstveröffentlicht. Hervorzuheben ist der konstellative Charakter der von Horkheimer und Adorno in Fragmentform vorgelegten Versuche, die inneren Zusammenhänge zwischen dem modernen Antisemitismus und der Zivilisationsgeschichte entlang politischen, ökonomischen, soziokulturellen, epistemischen und psychoanalytischen Problemstellungen zu erklären. Im Hinblick auf den Gesamtkontext der Philosophischen Fragmente aus der Dialektik der Aufklärung wird Antisemitismus als negative und fehlgeleitete Reaktion auf die verschiedenen Herausforderungen und Anforderungen moderner Gesellschaften interpretiert, dessen Motive jedoch weit in die Zivilisationsgeschichte zurückreichen (Rensmann 1998).
Jean-Paul Sartre wiederum schrieb seinen ebenso bis in die Gegenwart zu analytischen Zwecken herangezogenen Essay mit dem französischen Originaltitel Réflexions sur la question juive im Oktober 1944 und veröffentlichte den ersten Teil mit dem Obertitel Porträt des Antisemiten im Dezember 1945 in Les Temps Modernes, die Gesamtausgabe 1954 in der renommierten Édition Gallimard. Die einschlägige deutschsprachige Übersetzung hat Vincent von Wroblewsky 1994 für den Reinbek-Verlag besorgt (Sartre 1994). Verschiedene Kerngedanken, die Sartre dort entfaltet, sind philosophisch noch in den Kontext seines zwei Jahre zuvor veröffentlichten existentialistischen Hauptwerkes mit dem Titel Das Sein und das Nichts einzuordnen, auch wenn er seine Theorie bereits stärker in die sozialphilosophische Rahmung einlenken lässt, die für sein späteres, vom Marxismus geprägtes Werk leitend wird. Den Antisemitismus bestimmt Sartre vorwiegend über eine kritische Analyse der Verhaltensorientierung des Antisemiten, die ihm zufolge durch emotive Faktoren bestimmt und durch projektiv-irreflexive Zuschreibungen ausgelebt wird. Die philosophische Theorie des Antisemitismus bildet also sowohl bei Horkheimer und Adorno als auch bei Sartre die Rahmenhandlung für weitergehende soziokulturelle, politökonomische und psychoanalytische Perspektivierungen (Quindeau 2025).
Trotz ihrer Wirkmächtigkeit sind beide philosophischen Theorien sowohl der sachlichen als auch der ideologiebezogenen Kritik ausgesetzt. So bieten die Elemente des Antisemitismus von Horkheimer und Adorno zwar unterschiedliche Erklärungsstränge unter den Prämissen ihrer gesellschaftskritischen Genealogie des Zivilisationsprozesses an, die jedoch der Überprüfung, Erweiterung und Aktualisierung auch mit Blick auf die Entwicklung des Antisemitismus in den westlichen Gesellschaften nach dem Zweiten Weltkrieg bedürfen (Claussen 2005). Und auch die kritische Theorie des Antisemiten von Sartre unter dem Titel Überlegungen zur Judenfrage, die beispielsweise noch den entscheidenden Referenztext für die kürzlich publizierten Anmerkungen zum Antisemitismus von Armin Nassehi bildet (Nassehi 2026), bleibt zum einen abhängig von dem existenzphilosophischen Hintergrund und ist zum anderen durchzogen von Figuren des Judentums und Jüdischseins, die selbst Stereotype und Zuschreibungsmuster reproduzieren, wenn auch unter dem Deckmantel der affirmativen Bezugnahme (Liska 2021, Hammerschlag 2010). Eine noch schärfere Kritik unterstellt den antisemitismuskritischen Theorien gar, mit der negativen politischen Epistemologie des sogenannten ‚Anti-Anti-Semitismus‘ konstituierten diese einen grundsätzlich fehlerhaften projektiven Bezug auf das Judentum, indem sie von der realen Figürlichkeit der Juden abstrahierten und gerade deshalb ‚anti-jüdisch‘ seien (Lapidot 2021); eine Kritik, die jedoch deutlich an dem methodischen Zugang und den Phänomenbeschreibungen der hier kurz skizzierten kritischen Theorien des Antisemitismus vorbeiläuft.
Den umfänglichsten theoretischen Beitrag zu einer auf die Realhistorie Bezug nehmenden politischen Theorie des modernen Antisemitismus hat in der Nachkriegszeit sicherlich Hannah Arendt geleistet, sowohl im Rahmen ihrer Studie über Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft (Arendt 1996) als auch in den vielen vereinzelten Aufsätzen zum Nationalsozialismus, Judentum und Zionismus vor und nach dem Holocaust (Arendt 2021). In ihrer bahnbrechenden Studie verweist sie auf den Antisemitismus als einer Voraussetzung von totalitären Herrschaftsformen und beschreibt dessen genuin modernen und säkularen Charakter. Sie verwirft sowohl die Sündenbock-Theorien als auch Vorstellungen von einer ewigen Wiederkehr des Antisemitismus in den Gesellschaften; den Antisemitismus des späten 19. und 20. Jahrhunderts sieht sie dezidiert als ein modernes Phänomen infolge von Assimilation und Säkularisierung an.
Arendts publizistische und politische Stellungnahmen zum Judentum und insbesondere über Idee und Praxis des Zionismus sind bereits zu Lebzeiten gerade auch in der jüdischen Öffentlichkeit kontrovers diskutiert worden. Ihre Überlegungen wurden auch Stichwortgeberin für die normativen Auseinandersetzungen um jüdische Identitäten und Selbstverständnisse im weitläufigen Spektrum zwischen diasporischem Judentum und Jüdisch-Sein sowie dem politischen und kulturellen Zionismus. Die hiermit verbundenen ethischen Reflexionen sind immer wieder aufgegriffen worden, nicht zuletzt in verzerrter Weise in Judith Butlers Versuchen der philosophischen Begründung ihrer radikal antizionistischen Positionen, die selbst zahlreiche binär angelegte Stereotypen gegenüber den im Rahmen ihrer Theorieproduktion homogenisierten Kollektiven reproduzieren (Butler 2012). Mit der Staatsgründung Israels hat die Thematik des Antisemitismus gerade auch in linksgerichteten philosophischen Kontexten eine neue Dynamik angenommen hat, die auch die gegenwärtigen Debatten bestimmt (Illouz 2025, Elbe 2024, Fine/Spencer 2017). Neben den Stellungnahmen zum israelischen Staatsprojekt und den Deutungskämpfen um die philosophischen Aufschlüsselungsversuche des Antisemitismus sind es insbesondere die unterschiedlichen philosophischen Figurationen des Jüdischseins zwischen Diasporismus und Zionismus, die bis in die Gegenwart zur normativen Aufladung der Auseinandersetzungen beigetragen haben (Eshel/Sparr 2026, Sznaider 2024); dies betrifft philosophisch unterschiedliche Ausdeutungsweisen von Souveränität und Selbstermächtigung hinsichtlich der Verfasstheit Israels (Boehm 2023, Chaouat 2020, Illouz 2015) ebenso wie die ethischen und narrativen Dimensionen eines unterschiedlich ausdeutbaren Verhältnisses des exilierten oder des staatssouveränen Jüdischseins zu seinem Anderen (Liska 2021, Hammerschlag 2010).
Auffällig ist, dass das philosophisch relevante Feld zu großen Teilen aus den interdisziplinären – sozial-, kultur- und literaturwissenschaftlichen – Kontexten heraus bespielt wird. Entsprechend kann eine bis in die Gegenwart reichende Vernachlässigung der kritisch-reflexiven Thematisierung des Verhältnisses von Philosophie und Antisemitismus in den disziplinären Diskursen und Forschungen aufgezeigt werden. Während Themen und Fragestellungen aus postkolonialen und antirassistischen Kontexten in den vergangenen Jahren zunehmend auch aus philosophischem Blickwinkel auf- und bearbeitet worden sind, findet eine philosophische Auseinandersetzung mit Antisemitismus nur peripher statt (Thein 2025). Thematisierungsweisen von Judentum und Antisemitismus in der poststrukturalistischen oder vom Poststrukturalismus beeinflussten Philosophie sind zugleich zum spezifischen Gegenstand von Forschungen geworden, da hier die Figurationen des Jüdischseins eine starke publizistische Präsenz zeigen (Marty 2015). Ebenso ist unter Bezugnahme auf ausgewählte publizistische, politische und philosophische Beiträge aus den vom Poststrukturalismus, dem Postkolonialismus sowie den Critical Race Studies beeinflussten Theorien auf die problematische Verbindung von antijüdischen und antizionistischen Motivlagen gerade im Kontext von Stellungnahmen zum israelisch-arabisch-palästinensischen Konflikt, aber auch den divergierenden Selbstverständnissen von jüdischer Souveränität hingewiesen worden (Stögner 2026, Illouz 2025, Elbe 2024).
Auch hinsichtlich der Problemstellungen der Historie des antijudaistischen und antisemitischen Ressentiments in den tradierten Philosophien des kontinentaleuropäischen Kanons sind bisher nur vereinzelte Arbeiten zugängig, die entweder auf die gesamte westliche Ideen- und Kulturgeschichte ausgreifen (Nirenberg 2015) oder eine spezifische Konstellation der philosophischen Moderne in den Blick nehmen (Mack 2003, Brumlik 2002, Yovel 1998, Silberner 1962). Dieses Desiderat betrifft somit ausgreifend die notwendige Aufarbeitung der historisch tradierten Verstrickungen der eigenen Disziplin in die antijüdische Ausgrenzungs- und Gewaltgeschichte, die sich hierbei einer strikten Trennung von Antijudaismus und Antisemitismus verweigert (Schwarz-Friesel 2022). Ein relativ neuer Schwerpunkt der Aufarbeitung bildet sich hier auch hinsichtlich der deutschsprachigen Philosophie in der Zeit des Nationalsozialismus aus (Fritz Bauer Institut 2016, Sandkühler 2009), zu der die bisherigen Forschungen einen starken Fokus auf die Philosophie von Martin Heidegger aufweisen (Heinz/Kellerer 2016, Trawny 2015, Faye 2009,). Zugleich ist umgekehrt die Bedeutung jüdischen Denkens für die philosophische Denkentwicklung seit dem Mittelalter bekannt (Hayoun 2004, Fackenheim 1996), sie bleibt aber gerade hinsichtlich der darin aufgespeicherten Gewalt- und Unterdrückungsgeschichte mit Implikationen bis in die Geschichtsschreibung der Gegenwart analytisch unterbelichtet und systematisch unausgeschöpft (Peaceman 2022).
Im Ausgang von den hierauf bezogenen Problemstellungen, Debatten und Diskussionen zielt der Schwerpunkt auf eine kritische Auseinandersetzung mit diesem vielperspektivischen Konnex von theoretischen Motivlagen und Reflexionsversuchen zum Thema Philosophie und Antisemitismus. Hierdurch soll ein Anstoß und Beitrag für die dezidiert philosophische Analyse von unterschiedlichen Varianten des Antisemitismus geleistet werden.
Literatur:
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