https://www.praktische-philosophie.org/zfpp/issue/feed Zeitschrift für Praktische Philosophie 2022-01-25T12:42:41+01:00 Zeitschrift für Praktische Philosophie praktische.philosophie@sbg.ac.at Open Journal Systems <p>Die Zeitschrift für Praktische Philosophie (ZfPP) ist ein vollständig kostenlos zugängliches Publikationsorgan für Arbeiten aus allen Bereichen der praktischen Philosophie, die in ihrem Themenbereich einen wertvollen Beitrag zur vorhandenen Literatur darstellen. Die ZfPP ist offen für alle Schulen, Inhalte und Arbeitsweisen, sofern diese den wissenschaftlichen Qualitätskriterien genügen. Neben historisch orientierten und systematischen Arbeiten sind auch solche möglich, die den Mainstream der Theorien und Theoriebricolagen verlassen und neue, innovative Wege einschlagen.</p> https://www.praktische-philosophie.org/zfpp/article/view/299 Einleitung: 100 Jahre John Rawls, 50 Jahre "Eine Theorie der Gerechtigkeit" 2022-01-19T15:16:21+01:00 Elif Özmen praktische.philosophie@plus.ac.at <p>Am 21. Februar 2021 wäre der US-amerikanische Philosoph John Bordley Rawls hundert Jahre alt geworden. Die Bedeutung seines Werkes für die politische Philosophie im Ganzen und die Theorie der liberalen, pluralistischen, sozialen und säkularen Demokratie im Besonderen lässt sich kaum überschätzen. Das gilt vor allem für das Opus Magnum <em>Eine Theorie der Gerechtigkeit</em>, welches 2021 ebenfalls einen runden Geburtstag feiert. Fünfzig Jahre nach ihrem Erscheinen gilt die <em>Theorie</em> als wichtigstes Werk des zeitgenössischen politischen Liberalismus und ihr Verfasser als Klassiker des politischen Denkens, auf den zahlreiche Begriffe, Impulse und Themen der aktuellen Debatten zurückzuführen sind. Dieses zweifache Jubiläum nimmt der vorliegende Schwerpunkt der Zeitschrift für Praktische Philosophie zum Anlass, um aktuelle systematische Fragen der Theorie der Gerechtigkeit aufzugreifen, kritisch zu evaluieren und konstruktiv weiter zu entwickeln.</p> 2022-01-25T00:00:00+01:00 Copyright (c) 2022 Elif Özmen https://www.praktische-philosophie.org/zfpp/article/view/301 Gerechtigkeit und Moralismus 2022-01-19T15:32:50+01:00 Amadeus Ulrich praktische.philosophie@plus.ac.at <p>Der neue politische Realismus erkennt in John Rawls einen Erzfeind. In jüngeren Debatten scheint oft evident zu sein, dass gerade Eine Theorie der Gerechtigkeit exemplarisch für einen Moralismus sei, der die politische Wirklichkeit verzerre. Doch die Sache ist kompliziert. In diesem Aufsatz blicke ich zurück auf sein Frühwerk im Lichte dieser Kritik. Dabei geht es mir um vier Einwände: dass Rawls’ Idealtheorie (i) kein Ratgeber für das politische Handeln und ideologisch verblendet sei; (ii) Macht und ihre Legitimierbarkeit nicht überzeugend konzipiere; (iii) die Bedeutung politischer Konflikte und Uneinigkeit über den Inhalt der Gerechtigkeit unterschätze; und (iv) verkenne, dass eine wahrlich politische Theorie auf die Geschichte eingehen müsse. Wie stichhaltig sind diese Vorwürfe und was fördern sie zutage? Der Aufsatz zeigt, dass selbst Rawls’ erstes Hauptwerk nicht so einfach eines Moralismus überführt werden kann, wie es auf den ersten Blick den Anschein hat. Damit meine ich nicht, dass die Einwände allesamt keinen Biss hätten. Doch werden die Rechtfertigungslasten der Rawls’schen Gerechtigkeitstheorie nicht immer gebührend berücksichtigt; und manche Konterpunkte sind gerade bei wichtigen philosophischen Weggabelungen nicht ausreichend mit argumentativer Substanz untermauert. Wer einen Anti-Moralismus verficht, wofür es gute Gründe gibt, sollte weiterhin das konstruktive Gespräch auch mit dem frühen Rawls suchen und auf die internen Spannungen sowie realistischen Konzessionen seines Egalitarismus achten.</p> 2022-01-25T00:00:00+01:00 Copyright (c) 2022 Amadeus Ulrich https://www.praktische-philosophie.org/zfpp/article/view/302 Gerechtigkeit ohne moralische Gleichheit? 2022-01-19T15:43:35+01:00 Luise Müller praktische.philosophie@plus.ac.at <p>Das Fundament der Rawls’schen Gerechtigkeitstheorie ist die moralische Gleichheit aller Gerechtigkeitssubjekte. Die symmetrische Positionierung der Parteien bei den Urzustands-Deliberationen stellt sicher, dass Subjekte mit gleichem moralischen Status das gleiche Recht auf faire Interessenberücksichtigung haben. Dabei fällt allerdings auf, dass Rawls nicht per se gegen unverdiente Ungleichheit argumentiert, sondern gegen unverdiente Ungleichheit <em>zwischen moralisch Gleichen</em>. Hier stellt sich die Frage: kann es Gerechtigkeit zwischen moralisch Ungleichen geben? Und wenn ja: ändert ein ungleicher <em>moralischer</em> Status der Gerechtigkeitssubjekte auch den Inhalt der, und die Ansprüche auf, Gerechtigkeit? Wenn man annimmt, Gerechtigkeitsbeziehungen bestünden ausschließlich zwischen Menschen, dann erscheinen diese Fragen offensichtlich unsinnig. Ich argumentiere allerdings, dass die exklusive Anwendung von Gerechtigkeitstheorien auf Personen begrifflich kontingent ist – und dass die Einbeziehung von nichtmenschlichen Akteuren Rawls’ Gerechtigkeitstheorie zwar vor schwierige, aber möglicherweise produktive Herausforderungen stellt, die ich in diesem Beitrag untersuchen möchte.</p> 2022-01-25T00:00:00+01:00 Copyright (c) 2022 Luise Müller https://www.praktische-philosophie.org/zfpp/article/view/303 Nichtideale Theorie der Gerechtigkeit für Tiere 2022-01-19T15:59:19+01:00 Bernd Ladwig praktische.philosophie@plus.ac.at <p>Die nichtideale Theorie, wie Rawls sie versteht, soll uns Wege zur vollen Verwirklichung der Gerechtigkeit aufzeigen, die moralisch zulässig, politisch möglich und wahrscheinlich wirksam sein würden. Ich übertrage diese Idee auf das von Rawls gemiedene Gebiet einer Gerechtigkeit für Tiere. Diese haben, soweit sie Unterworfene der von uns verantworteten sozialen Grundstrukturen sind, einen gültigen Anspruch auf gleichberechtigte Beachtung bei der Gemeinwohlermittlung und sollten darum auch als politische Mitglieder unserer Gemeinwesen gelten. Im Zuge einer immanenten Kritik an einem verwandten Vorschlag Robert Garners möchte ich zeigen, dass die beste nichtideale Theorie in einem radikalisierten Tierschutzverständnis besteht. Abschließend antworte ich auf zwei Einwände, die Peter Niesen gegen eine frühere Fassung meiner nichtidealen Theorie erhoben hat.</p> 2022-01-25T00:00:00+01:00 Copyright (c) 2022 Bernd Ladwig https://www.praktische-philosophie.org/zfpp/article/view/304 „Liberale Eugenik“ mit John Rawls? 2022-01-19T16:13:12+01:00 Eva Odzuck praktische.philosophie@plus.ac.at <p>Durch die Entdeckung und das vertiefte Verständnis der sogenannten „Genscheren“ CRISPR/Cas9 rücken Eingriffe in das Genom zukünftiger Menschen in greifbare Nähe und erfordern mit neuer Dringlichkeit die Beantwortung einer fundamentalen politiktheoretischen Frage: Können Eingriffe in die genetische Ausstattung zukünftiger Menschen im Namen der Gerechtigkeit erlaubt oder gar geboten sein? Rawls’sche Theorieelemente haben in der Debatte um Keimbahneingriffe – trotz Rawls’ vergleichsweise spärlicher eigener Bemerkungen zu eugenischen Fragen – erstaunliche Prominenz entfaltet. Unter Rekurs auf die Rawls’sche Theorie der Grundgüter wird in der Debatte argumentiert, dass Eingriffe im Namen der Chancengleichheit geboten sind und/oder keine Einschränkung der Freiheiten zukünftiger Personen vorliegt, sofern nur sogenannte „genetische Grundgüter“ nicht minimiert oder vermehrt werden. Ich argumentiere für die These, dass diese Argumente einer „liberalen Eugenik“ auf einer verkürzten Rezeption der Rawls’schen Grundgütertheorie basieren. Rawls selbst sah sich nach seiner Veröffentlichung der <em>Theorie der Gerechtigkeit</em> dazu veranlasst, Missverständnisse in Bezug auf seine Grundgütertheorie auszuräumen, und konzedierte, dass seine Darstellung in der <em>Theorie</em> möglicherweise missverständlich gewesen sei. Eine Rekonstruktion der komplexen Theorie der Grundgüter, wie sie in der Theorie angelegt ist, und später von Rawls weiterentwickelt wurde, kann daher die brandaktuelle Debatte um Keimbahneingriffe informieren, indem sie erstens zeigt, dass die gängigen Argumente für Eingriffe sich nicht in der üblichen Form auf Rawls’ Grundgütertheorie stützen können und zweitens Möglichkeiten aufzeigt, mit Rawls ein Argument gegen eine weitgehende Freigabe von Keimbahneingriffen zu formulieren, das die Begründungspflicht wieder zulasten interventionistischer Positionen verschiebt. Meinem Aufsatz liegt folgende Struktur zugrunde: Zuerst rekonstruiere ich zwei Hauptargumente „liberaler Eugenik“ und zeige, dass und wie beide Argumente auf die Rawls’sche Idee der Grundgüter zurückgreifen und breite Verwendung in der bioethischen Debatte gefunden haben (1). In einem zweiten Schritt skizziere ich eine komplexere Version von Rawls’ Grundgütertheorie, die bereits in der <em>Theorie der Gerechtigkeit</em> angelegt ist, aber auch für spätere Schriften wichtig bleibt (2). Danach zeige ich, dass sich die Argumente der „liberalen Eugenik“ nicht auf diese komplexere Version der Theorie der Grundgüter stützen können und dass sich mithilfe der komplexen Theorie der Grundgüter sogar ein Argument gegen eine umfassende Freigabe von Keimbahneingriffen formulieren lässt, das die Begründungspflicht für interventionistische Positionen vergrößert (3). Ich schließe mit einem kurzen Fazit zur Relevanz von Rawls’ <em>Theorie</em> im biotechnischen Zeitalter (4).</p> 2022-01-25T00:00:00+01:00 Copyright (c) 2022 Eva Odzuck https://www.praktische-philosophie.org/zfpp/article/view/305 „Dann sei dankbar und höre auf mit der Prahlerei“ 2022-01-19T16:26:52+01:00 Peter Vogt praktische.philosophie@plus.ac.at <p>Zusammenfassung: In Abschnitt (1) dieses Aufsatzes diskutiere ich Rawls’ theologische Kritik des Verdienstes in seiner frühen Schrift <em>Über Sünde, Glaube und Religion</em>. Im Gegensatz zur <em>Theorie der Gerechtigkeit</em> kritisiert der frühe Rawls eine Berufung auf das eigene Verdienst nicht als kognitiven Irrtum oder moralische Willkür, sondern sieht darin den sündhaften Ausdruck menschlichen Stolzes. Diese Kritik des Stolzes beruht auf einem schöpfungstheologischen Argument und mündet in ein Plädoyer für religiöse Demut. Abschnitt (2) zeigt, dass Rawls’ Diskussion von Verteilungsgrundsätzen in den übergreifenden Versuch einer gerechtigkeitstheoretischen Zähmung des Zufalls eingebettet ist. Rawls entwickelt in der <em>Theorie der Gerechtigkeit</em> eine bestimmte Typologie des Zufalls und diskutiert, wie die vier von ihm diskutierten Lesarten des zweiten Grundsatzes der Gerechtigkeit auf den Zufall reagieren. Die gerechtigkeitstheoretische Zähmung des Zufalls distanziert sich sowohl von der Dystopie einer völligen Eliminierung des Zufalls als auch von einer fatalistischen Affirmation des Zufalls. In Abschnitt (3) erläutere ich zunächst die unterschiedlichen Begriffe des Verdienstes, welche Rawls in der <em>Theorie der Gerechtigkeit</em> vorstellt. Ich versuche Rawls’ Kritik des Verdienstes zu klären, indem ich diese gegen ein Missverständnis in Schutz nehme, welches Samuel Schefflers und Thomas Scanlons Interpretationen kennzeichnet. Schließlich beschäftige ich mich mit Robert Nozicks Suche nach dem „positive argument“ von Rawls’ Kritik des Verdienstes, komme dabei jedoch zu einem ganz anderen Ergebnis als Nozick. Meiner Meinung findet sich das „positive argument“, nach dem Nozick vergeblich sucht, nicht in der <em>Theorie der Gerechtigkeit</em>, sondern verdankt sich dem kreatürlichen Egalitarismus von Rawls’ theologischer Frühschrift.</p> 2022-01-25T00:00:00+01:00 Copyright (c) 2022 Peter Vogt https://www.praktische-philosophie.org/zfpp/article/view/294 Ethische Akzeptabilität als zentrale Aufgabe philosophischer Politikberatung 2022-01-19T14:53:33+01:00 Christian Loos praktische.philosophie@plus.ac.at Michael Quante praktische.philosophie@plus.ac.at <p>Unter ‚Akzeptabilität‘ versteht man einerseits „gerechtfertigte Akzeptanzfähigkeit“ und andererseits „intersubjektive Angemessenheit“; Letztere wird in diesem Beitrag als praktische Kohärenz und soziale Verhältnismäßigkeit gefasst. Damit stellt das Konzept ethischer Akzeptabilität ein Angebot der praktischen Philosophie für den gesellschaftlichen Diskurs zur Akzeptabilitätsüberprüfung bereit. Als kritische Reflexionsinstanz geht es der Philosophie dabei weder um Akzeptanzbeschaffung noch um die Ermittlung möglicher oder erwartbarer Akzeptanz. Philosophische Politikberatung fokussiert als Ethik auf die Qualität der Gründe von Handlungen oder Handlungszielen von politischen Institutionen oder Personen.</p> 2022-01-27T00:00:00+01:00 Copyright (c) 2022 Christian Loos, Michael Quante https://www.praktische-philosophie.org/zfpp/article/view/296 Erinnerung, Wertschätzung und das Recht zu vererben 2022-01-19T15:05:48+01:00 Hans-Christoph Schmidt am Busch praktische.philosophie@plus.ac.at <p>Für die zeitgenössische Philosophie ist das Vererben ein Vermögenstransfer, der unter Gesichtspunkten sozialer Gerechtigkeit zu behandeln ist. Diese Untersuchungsperspektive ist angesichts der massiven Verteilungseffekte, die das Vererben zeitigt, ohne Frage sehr wichtig. Allerdings lässt sie einen Punkt unberücksichtigt: Das testamentarische Vererben kann wichtige Beiträge dazu leisten, dass wir Verstorbene, denen wir zu Lebzeiten nahestanden, in Erinnerung behalten und wertschätzen. Hierbei ist der monetäre Wert der vererbten Güter nicht entscheidend. Wie ich in meinem Aufsatz darlege, lässt sich mit diesem Befund erklären, warum die (von einer wachsenden Zahl von Gerechtigkeitstheoretikerinnen und -theoretikern geforderte) Abschaffung des Rechts zu vererben nicht nur von Vorteil sein würde, sondern auch mit ethischen Kosten verbunden wäre. Ein adäquater philosophischer Diskurs hätte diesen Befund (mit dem sich neoliberale oder rechtslibertaristische erbrechtliche Positionen nicht rechtfertigen lassen) angemessen zu berücksichtigen.</p> 2022-01-25T00:00:00+01:00 Copyright (c) 2022 Hans-Christoph Schmidt am Busch https://www.praktische-philosophie.org/zfpp/article/view/306 Einleitung: Gedankenexperimente in der praktischen Philosophie 2022-01-19T16:37:11+01:00 Norbert Paulo norbert.paulo@plus.ac.at <p>Die Philosophie ist eine merkwürdige Disziplin. Sie hat keinen klar bestimmten Gegenstandsbereich und keine einheitliche Methodik. Es gibt aber eine philosophische Methode, die in fast allen Epochen und in fast allen Bereichen der Philosophie intensiv genutzt wurde und weiter genutzt wird: das Gedankenexperiment. Was genau Gedankenexperimente sind, wie sie funktionieren und welchen wissenschaftlichen Wert sie haben, wird in der Philosophie seit den 1990er Jahren intensiv diskutiert. Diese Diskussion ist jedoch stark auf Gedankenexperimente in den Naturwissenschaften und in der theoretischen Philosophie fokussiert, obwohl sie auch in der praktischen Philosophie allgegenwärtig sind. Diesem Phänomen ist der Schwerpunkt „Gedankenexperimente in der praktischen Philosophie“ gewidmet. Diese Einleitung stellt die einzelnen Beiträge des Schwerpunkts vor und diskutiert deren jeweiligen Kontext.</p> 2022-01-25T00:00:00+01:00 Copyright (c) 2022 Norbert Paulo https://www.praktische-philosophie.org/zfpp/article/view/307 Sind Gedankenexperimente in der praktischen Philosophie besonders? 2022-01-20T15:27:21+01:00 Marc Andree Weber praktische.philosophie@plus.ac.at <p>Dieser Text geht der Frage nach, ob und, wenn ja, inwieweit sich Gedankenexperimente in der praktischen Philosophie in ihrer Struktur und ihrer epistemischen Signifikanz von Gedankenexperimenten in der theoretischen Philosophie oder in den Naturwissenschaften unterscheiden. Anhand einer allgemeinen Strukturanalyse von Gedankenexperimenten wird dabei aufgezeigt, dass bei Gedankenexperimenten in der praktischen Philosophie zwar häufig die angemessene Bewertung eines zugrunde gelegten Szenarios im Zentrum steht und nicht, wie zum Beispiel in theoretischen Philosophie oft, dessen angemessene Beschreibung, dass dieser Unterschied aber kaum Auswirkungen hat auf die prinzipielle Anwendbarkeit – abgesehen von einer bisher übersehenen Konsequenz: Man darf in einem Gedankenexperiment nicht annehmen, dass moralische, ästhetische oder entscheidungstheoretische Prinzipien in unterschiedlichen möglichen Welten verschieden sind. Andernfalls käme dem Gedankenexperiment keinerlei epistemische Signifikanz zu.</p> 2022-01-25T00:00:00+01:00 Copyright (c) 2022 Marc Andree Weber https://www.praktische-philosophie.org/zfpp/article/view/308 Das Prinzip demokratischer Gleichheit 2022-01-20T15:41:35+01:00 Christine Abbt praktische.philosophie@plus.ac.at <p>Kippfiguren, so die These im Beitrag, sind Gedankenexperimente, mit denen das demokratische Prinzip Gleichheit, und also das darin unauflöslich wirksame und paradoxe Verhältnis von Gleichheit und Freiheit, plausibel wird. Das geschieht auf zwei Ebenen. Im Vollzug des Kippens wird das je eigene Sehen als Perspektive kenntlich und eine Differenzierung zwischen Wahrnehmen und Denken kommt in Gang. Zudem wird erkennbar, dass dasselbe gleichzeitig dasselbe und doch nicht dasselbe ist. Paradoxe Verhältnisse werden so dem Denken zugänglich und Verbindendes vergegenwärtigt. Das Denkerlebnis, das an und mit etwa der Kippfigur des Enten-Hase-Kopfs mittelbar wird, reduziert zwar die Komplexität der Thematik auf eine überschaubare Dimension, es bereitet dabei allerdings doch darauf vor, Anderen als Freie und Verschiedene <em>und</em> als Gleiche zu begegnen. Bewusstwerdung und Rationalität führen, so wird mit dem Gedankenexperiment der Kippfiguren deutlich, nicht, wie es etwa Jean-Jacques Rousseau in seiner Abhandlung über die Ungleichheit unter den Menschen und der darin formulierten Forderung nach Gleichheit ausführte, weg von der Einsicht in die Gleichheitsidee, sondern verhelfen dieser hier erst zur Anerkennung und Durchsetzung.</p> 2022-01-25T00:00:00+01:00 Copyright (c) 2022 Christine Abbt https://www.praktische-philosophie.org/zfpp/article/view/309 A steady diet of strange, exotic, or downright bizarre examples 2022-01-20T16:13:09+01:00 Rebecca Bachmann praktische.philosophie@plus.ac.at <p>Gedankenexperimente in der Philosophie zeichnen sich durch ein widersprüchliches Verhältnis aus: Sie werden gleichzeitig häufig genutzt und vielfältig kritisiert. Im Zentrum der Kritik steht dabei das Szenario sowie seine teilweise als absurd wahrgenommenen Details. Als Verteidigungsstrategie der Methode wird daher zum einen versucht, realistische Gedankenexperimente zu bevorzugen, zum anderen, das Argument hinter dem Szenario deutlicher in den Fokus zu rücken. Im Zuge dessen wird jedoch das eigentlich Charakteristische an einem Gedankenexperiment – das Szenario – vernachlässigt. Um die Relevanz des Szenarios zu betonen, soll in diesem Aufsatz ein Blick in die Wissenschaftsforschung geworfen werden. Mithilfe von Überlegungen Ludwik Flecks, Bruno Latours und David Kirbys wird die Bedeutsamkeit von Transformationsprozessen wissenschaftlicher Theorien gezeigt. Mit Veränderungsstrategien wie dem Visualisieren und Generieren von Aufmerksamkeit versuchen Wissenschaftler*innen, ihre Theorien sowohl im Kreis der Kolleg*innen als auch in der breiten Öffentlichkeit zu verbreiten. Wissenschaftskommunikation hat dabei einen epistemologischen Stellenwert für die wissenschaftliche Praxis. Die These, die in diesem Aufsatz vertreten wird, ist, dass Gedankenexperimente hierbei die Funktion von Vermittlungsinstrumenten zwischen den beiden Kreisen der wissenschaftsinternen und -externen Kommunikation einnehmen. Dies soll mit der Analyse eines konkreten Beispiels – dem Geiger-Gedankenexperiment aus der angewandten Ethik – plausibel gemacht werden. Bei der Untersuchung, wie dieses Gedankenexperiment wissenschaftlich bzw. populär dargestellt und diskutiert wird, fällt auf, dass dabei das Szenario im Zentrum der Aufmerksamkeit steht. Die eigentliche Argumentation hingegen wird meist nur aus dem Szenario missverständlich abgeleitet. Aus dieser Analyse lassen sich zwei mögliche Reaktionen ableiten: Zum einen kann sie als Begründung dafür verstanden werden, kritisch mit der Methode Gedankenexperiment umzugehen. Zum anderen – und dies ist die Position, die in diesem Aufsatz starkgemacht werden soll – kann die Beobachtung, dass das absurde Szenario des Geiger-Gedankenexperiments so populär ist, die These untermauern, dass Gedankenexperimente strategisch zur Vermittlung genutzt werden können. Absurde Szenarien können dabei hilfreich sein, weil sie Aufmerksamkeit wecken, in Erinnerung bleiben und zur Diskussion anregen. Insbesondere im Bereich der angewandten Ethik, die interdisziplinär diskutierte Themen behandelt, können Gedankenexperimente genutzt werden, um einen Diskurs zu öffnen und eine gemeinsame Diskussionsbasis zu schaffen.</p> 2022-01-25T00:00:00+01:00 Copyright (c) 2022 Rebecca Bachmann https://www.praktische-philosophie.org/zfpp/article/view/310 Sollten wir auf die Trolley-Fälle verzichten? 2022-01-20T16:19:38+01:00 Tobias Gutmann praktische.philosophie@plus.ac.at <p>In den moralphilosophischen Debatten der letzten Jahrzehnte spielen die sogenannten Trolley-Fälle eine große Rolle. Sie kommen zum Einsatz in Diskussionen der Frage, welcher Schaden Personen im Rahmen medizinischer oder politischer Maßnahmen zugefügt werden darf, und in Diskussionen darüber, welches die richtige normative Moraltheorie ist. Allerdings kritisieren viele Philosophinnen und Philosophen diese Gedankenexperimente wegen ihrer Konstruiertheit, Künstlichkeit, Abstraktheit und ihrer Lebensferne. In diesem Beitrag werden die Einwände eines prominenten Kritikers, Allen Wood, diskutiert. Er attestiert den Trolley-Gedankenexperimenten neben den genannten Punkten außerdem, dass sie moralisch nicht neutral sind, indem sie uns mit einem rhetorischen Trick dazu bringen, bestimmte Faktoren für moralisch relevant zu halten. Wood fordert deshalb, dass man auf die Verwendung dieser Gedankenexperimente in der praktischen Philosophie verzichten solle. Ich werde seine Einwände entkräften, dann aber zeigen, dass er dennoch einen wunden Punkt nennt: Die Trolley-Fälle sind aufgrund der vorgegebenen Antwortoptionen in der Hinsicht nicht moralisch neutral, dass sie voraussetzen, dass die Anzahl der zu rettenden Menschen moralisch relevant ist. Sie eignen sich daher nicht, um ebendiese Behauptung zu begründen. Dieser Mangel kann aber durch eine Modifikation der Gedankenexperimente behoben werden; ein vollständiger Verzicht auf derartige Gedankenexperimente ist also entgegen Woods Ansicht nicht notwendigerweise geboten.</p> 2022-01-25T00:00:00+01:00 Copyright (c) 2022 Tobias Gutmann https://www.praktische-philosophie.org/zfpp/article/view/311 Zur Bewertung ethischer Gedankenexperimente – „Intuitionspumpen“ vs. Ansatz des „rationalen Wollens“ 2022-01-20T16:26:14+01:00 Maria Schwartz praktische.philosophie@plus.ac.at <p>Im Beitrag wird die übliche, intuitionsbasierte Bewertung ethischer Gedankenexperimente hinterfragt und stattdessen für ein neo-kantisches Verfahren der Bewertung (Ansatz des „rationalen Wollens“) argumentiert. Hierzu wird nach einer kurzen systematisch-historischen Verortung zunächst eine grobe Kategorisierung vorgenommen, die erstens nach der Funktion, zweitens nach der Fragestellung erfolgt, auf die Gedankenexperimente antworten. Das vorgeschlagene, neo-kantische Verfahren eignet sich insbesondere zur Bewertung einer bestimmten Kategorie von Gedankenexperimenten: Dilemmatische Situationen, in denen eine Abwägung von Menschenleben zur Debatte steht, weil nicht alle Beteiligten überleben können. Anhand von drei ausgewählten Gedankenexperimenten (Abschuss des entführten Flugzeugs, Jim und die Indianer, Trolley-Experiment) wird das jeweilige Bewertungsverfahren betrachtet. Im Zuge des neokantischen Verfahrens wird ein „Rollentausch“ vorgenommen und danach gefragt, was alle Betroffenen „rationalerweise wollen“ können. Während die Präferenzen der Täter, die das Dilemma erst verursachen, nicht in die Überlegung eingehen, hängt die Bewertung der Perspektive der Opfer von Art und Ausmaß ihrer Bedrohung ab. Passagiere und Crew des entführten Flugzeugs, deren Tod unausweichlich bevorsteht, könnten einem Abschuss, der vielen anderen das Leben rettet, rationalerweise zustimmen. Beim Gedankenexperiment von Jim und den Indianern ist dies nur bedingt der Fall. In fast allen Varianten des Trolley-Experiments kann nicht davon ausgegangen werden, dass die jeweilige Person der Opferung ihres Lebens für andere zustimmt. In einem letzten Punkt wird auf den Einwand Humes eingegangen, dass weder ein radikal egoistisches noch ein übertrieben altruistisches Wollen als „irrational“ bezeichnet werden kann.</p> 2022-01-25T00:00:00+01:00 Copyright (c) 2022 Maria Schwartz https://www.praktische-philosophie.org/zfpp/article/view/291 Editorial 2022-01-19T14:40:32+01:00 Andrea Klonschinski praktische.philosophie@plus.ac.at Mark Schweda praktische.philosophie@plus.ac.at Gottfried Schweiger praktische.philosophie@plus.ac.at Michael Zichy praktische.philosophie@plus.ac.at 2022-01-25T00:00:00+01:00 Copyright (c) 2022 Andrea Klonschinski, Mark Schweda, Gottfried Schweiger, Michael Zichy