Naturverhältnisse in der Krise: Gesellschaftliches Handeln und natürliche Prozessualität in der Covid-19-Pandemie

Autor:innen

  • Jonas Heller Frankfurt am Main

Schlagworte:

Natur, Maßnahme, Krise, Recht, Ausnahmezustand

Key words:

nature, measure, crisis, law, state of exception

Abstract

In der gegenwärtigen Corona-Krise erscheinen die Entstehung der Krise – die Verbreitung der Krankheit Covid-19 zur Pandemie – und die Bewältigung der Krise – die rechtlichen Einschränkungen und Maßnahmen – scharf getrennt. Die Entstehung der Krise geht auf ein Stück Natur zurück, auf ein für Menschen bedrohliches Virus. Die Bewältigung der Krise geht mit staatlichem und gesellschaftlichem Handeln einher, das in zahlreichen Ländern im Rahmen rechtlicher Ausnahmezustände erfolgte. Den markanten Trennungspunkt zwischen Entstehung und Bewältigung der Krise bildet die Ausrufung der Ausnahmemaßnahmen, durch die in das Pandemiegeschehen interveniert wurde. Diese Einteilung kann den Eindruck erwecken, die mit Natur verbundene Entstehung der Krise sei eine Zeit, die gänzlich vor dem Handeln liegt: eben die Zeit des natürlichen Prozesses, die von der mit Handeln verbundenen Bewältigung der Krise abgekoppelt sei. Dieser Aufsatz zielt demgegenüber darauf, die Phasen der Entstehung und der Bewältigung der Corona- Krise in ihrer jeweiligen Ambivalenz hervortreten zu lassen. Das Ziel ist dabei ein doppeltes: Einerseits soll hervortreten, inwiefern die Phase der Entstehung der Krise nicht nur prä-aktiv und die Krise damit keine bloß natürlich gegebene, sondern auch eine gesellschaftlich gemachte ist. Andererseits soll deutlich werden, in welcher Weise die Phase der Bewältigung der Pandemie nicht allein krisenreaktiv, sondern auch krisenproduktiv ist.
Einleitend werde ich die genannte Zeitlichkeit – Entstehung und Bewältigung – erläutern, die einem gängigen Krisenverständnis zugrunde liegt, das auch in der gegenwärtigen Pandemie wirksam ist. Darauf werde ich darlegen, inwiefern das Denken des Ausnahmezustands ein Denken ebendieser Zeitlichkeit und damit zweier Phasen der Krise ist (I.1), und zeigen, warum sich die gegenwärtige Krise gerade aufgrund ihrer Verbindung mit Natur in dieses Denken einfügt (I.2). Auf dieser Grundlage gehe ich dazu über, ein komplizierteres Verständnis der gegenwärtigen Krise zu gewinnen, indem ich darlege, wie in ihrer Entstehung natürliche Prozessualität und gesellschaftliches Handeln untrennbar zusammenwirken (II.1) und an welchen Punkten ihrer Bewältigung die Krisenreaktion so in Krisenproduktion umschlägt, dass das gesellschaftliche bzw. staatliche Handeln wiederum auf Natur zurückwirkt (II.2). Durch diese Schritte soll deutlich werden, inwiefern sich in der gegenwärtigen Krise weder natürliche Prozesse und soziale Praxis noch Krisenreaktion und Krisenproduktion äußerlich gegenüberstehen, sondern intern verbunden sind. Das eingangs erläuterte Krisenverständnis erfährt dadurch eine Modifikation.

English version

In the current corona crisis, the emergence of the crisis – the spread of the COVID-19 disease to a pandemic – and the coping with the crisis – the legal restrictions and measures – appear to be sharply separated. The emergence of the crisis goes back to a piece of nature, to a virus threatening for humans. The coping with the crisis is carried out through governmental and societal action, which in many countries took place within the framework of legal states of exception. The pronounced dividing line between the emergence and the coping with the crisis is the proclamation of the exceptional measures that intervened in the pandemic. This division can give the impression that the emergence of the crisis is a time that lies entirely before action: a time of natural process, separated from the crisis management which is associated with action. In contrast, this article aims to show the phases of the emergence and management of the corona crisis in their respective ambivalence. The aim is twofold: On the one hand, it is to be shown to what extent the phase of the emergence of the crisis is not only pre-active and the crisis is therefore not just a natural one, but also socially made. On the other hand, it should become clear in what way the phase of coping with the pandemic is not only crisis-reactive, but also crisis-productive.
I will begin by explaining the temporality – emergence and coping – that characterizes a common understanding of crisis, which is also effective in the current pandemic. I will then explain to what extent the thinking of the state of exception is a thinking of this very temporality and thus of two phases of crisis (I.1), and show why the present crisis fits into this thinking precisely because of its connection with nature (I.2). On this basis, I proceed to develop a more complex understanding of the current crisis by explaining how natural processes and societal action work inseparably together (II.1), and at which points in the process of coping, the crisis reaction turns into crisis production in such a way that societal or governmental action in turn affects nature (II.2). These steps are intended to make clear to what extent in the current crisis neither natural processes and social practice nor crisis reaction and crisis production are externally opposed to each other, but are internally connected. The understanding of crisis explained at the beginning is thereby modified.

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Zitationsvorschlag

Heller, J. (2020). Naturverhältnisse in der Krise: Gesellschaftliches Handeln und natürliche Prozessualität in der Covid-19-Pandemie. Zeitschrift für Praktische Philosophie, 7(2), 467–498. https://doi.org/10.22613/zfpp/7.2.19

Ausgabe

Rubrik

Schwerpunkt: Die Corona-Pandemie - Praktische Philosophie in Ausnahmesituationen