Jenseits von Souveränität und Territorialität: Überlegungen zu einer politischen Theorie der Stadt

Autor:innen

  • Marlon Barbehön Heidelberg
  • Michael Haus Heidelberg

Schlagworte:

politische Theorie der Stadt, das Politische, Regieren, Raumtheorie, Stadt und Territorium

Key words:

urban political theory, the political, governing, spatial theory, city and territory

Abstract

Zusammenfassung: Seit jeher dienen Städte als Projektionsfläche sowohl für die Identifikation von problematischen Tendenzen der (modernen) Gesellschaft als auch für die Entwicklung erstrebenswerter gesellschaftlicher Zukünfte. Als Kristallisationspunkt und Triebkraft soziopolitischer Entwicklungen nimmt die Stadt eine zentrale Stellung in Praktiken des Regierens und deren Beobachtung ein – und doch tut sich die Politische Theorie traditionell schwer damit, ein Verständnis von Stadt zu entwickeln, das diesem Status und den damit verbundenen Ambivalenzen gerecht wird. Allzu oft verbleiben entsprechende Debatten dem Souveränitätsparadigma verhaftet, sodass die Stadt primär in Relation zum Prinzip territorialstaatlicher Souveränität begriffen wird. Unser Beitrag argumentiert, dass eine Auflösung dieser konzeptionellen Verwicklung dazu beitragen kann, das Verhältnis zwischen dem Städtischen und dem Politischen als ein konstitutionslogisches, das sich von anderen Konstitutionslogiken des Politischen unterscheidet, sichtbar zu machen. Dazu greifen wir auf eine raumtheoretische Perspektive der Moderne zurück, die Stadt und Territorialstaat nicht als „Kleines“ und „Großes“, sondern als zwei eigenständige, zugleich komplementäre und konfligierende Modi der räumlichen Vergesellschaftung begreift. Unser Beitrag zeigt auf, dass Verdichtung und Heterogenisierung, als die beiden wesentlichen raumstrukturellen Merkmale des Städtischen, mit einer spezifischen Konstitution des Politischen im Sinne einer Erzeugung von kollektiver Macht und gesellschaftlicher Ordnung verbunden sind. Die Stadt tritt damit nicht bloß als (austauschbarer) Ort der Materialisierung übergreifender soziopolitischer Phänomene in den Blick, sondern als räumliches Prinzip, das Möglichkeiten für gemeinsames Sprechen und Handeln sowie für Praktiken der konfliktiven Infragestellung hegemonialer Projekte erst hervorbringt. Eine dergestalt angelegte politische Theorie der Stadt erlaubt es, politische Praktiken nicht nur in der Stadt zu lokalisieren, sondern als genuin städtische Phänomene zu erfassen und sowohl die Komplementaritäten als auch die Widersprüche zwischen den Raumprinzipien der Stadt und des souveränen Territorialstaats herauszuarbeiten.

English version

Abstract: Cities have served as projection surfaces both for the identification of problematic tendencies of (modern) society and for the development of desired futures ever since. As a focal point and driving force of socio-political processes, the city is at the heart of governing practices and their observation – and yet, Political Theory still struggles to develop an idea of the city that does justice to the status and the ambivalences of the urban. All too often reflections on the city remain committed to the paradigm of sovereignty, so that the city is treated primarily in relation to the principle of the sovereign territorial state. In our contribution we argue that a dissolution of this conceptual entanglement allows us to make visible the constitutive relationships between the urban and specific articulations of the political. To do so, we adopt a perspective from spatial theory which conceptualises the city and the territorial state not as a smaller and a larger entity of the same kind, but as distinct, both complementary and conflicting spatial modes of social organisation. We demonstrate that densification and heterogenization, as the two main spatial characteristics of the urban, are linked in specific ways with the political in the sense of a constitution of collective power and social order. The city, then, not only appears as a (interchangeable) place where overarching socio-political phenomena materialise, but as a specific spatial principle that constitutes possibilities for joint speech and action and for contesting hegemonic projects. A political theory of the city adhering to this perspective enables us to not only locate political practices in the city, but to identify these as genuinely urban political practices, which in turn allows to interrogate both the complementarities and the contradictions between the spatial logics of the city and the sovereign territorial state.

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Zitationsvorschlag

Barbehön, M., & Haus, M. (2021). Jenseits von Souveränität und Territorialität: Überlegungen zu einer politischen Theorie der Stadt. Zeitschrift für Praktische Philosophie, 8(1). https://doi.org/10.22613/zfpp/8.1.11

Ausgabe

Rubrik

Schwerpunkt: Philosophie der Stadt