Zur Neuverhandlung konstituierender Grenzen: Textkritische Analyse und demokratietheoretische Interpretation der Erzählung vom Goldenen Kalb

Autor:innen

  • Laurin Mackowitz Graz

Schlagworte:

Goldenes Kalb, Exodus 32, Politische Theologie, Grenze, Demokratie

Key words:

Golden Calf, Exodus 32, Political Theory, Border, Democracy

Abstract

Zusammenfassung: Die politische Grenze, die in der Erzählung vom Goldenen Kalb schematisch gesetzt wird, ähnelt zeitgenössischen autoritären wie auch demokratischen Strategien, Macht durch gesellschaftliche Spaltungen auszuüben. In Bezug auf die Überlagerung politischer Differenzen mit moralischen und religiösen Werturteilen, die Verabsolutierung von Privilegien und die Verschleierung des Gesetzes scheint die in der Episode vom Goldenen Kalb erzählte Spaltung systematische Parallelen zu gegenwärtigen Praktiken innergesellschaftlicher Grenzziehung aufzuweisen. Die Aktualität der Berufung auf religiöse Erzählungen, rhetorische Polarisierungen oder antagonistische Symboliken macht die Kritik und Analyse der politisch-theologischen Sakralisierung politischer Differenzen zu einem wesentlichen Gegenstand der Aufklärung über die religiösen Grundlagen politischer Gewalt. Der Artikel interpretiert mit Verweis auf textkritische Analysen der Erzählung die Abspaltung der Leviten vom restlichen Volk als kultisch inszenierte militärische Aktion zur Herstellung und Befestigung von Privilegien durch Grausamkeit, den Tanz um das Goldene Kalb als Strategie der Konsolidierung einer durch die Abwesenheit von Gesetz und Führung verunsicherten Gemeinschaft und die Konstruktion gesellschaftlicher Antagonismen als Kompensation für die Verschleierung des Gesetzes. Abschließend wird diskutiert, inwiefern diese Strategien auch in Demokratien zentrale Merkmale der Konstituierung kollektiver Identitäten, Privilegien und Gewaltbeziehungen sind und ob es in Demokratien auch Raum für die Neuverhandlung innergesellschaftlicher Grenzen gibt.

English version

Abstract: The Story of the Golden Calf draws a political border in a way that resembles contemporary authoritarian (as well as democratic) strategies of exerting power by means of social division. The division narrated in the Story of the Golden Calf appears to show systematic parallels with current practices of demarcation, particularly regarding discourses that superimpose political differences with moral and religious value judgements and interpret privileges as absolute. In view of recent political appeals to religious narratives for reasons of rhetorical polarisation as well as considering political and juridical practices that conceal the law, the critique of the religious foundations and antagonistic symbolisms of political violence seems to be pertinent. This article interprets the separation of the Levites from the rest of the people as a military action that establishes privileges through cruelty. Textual criticism and the analysis of the sacralisation of political differences from the perspective of political theology indicates in which way, the dance around the golden calf is a consolidation strategy that confronts the social instability caused by the obfuscation of the law and the absence of leadership. Finally, the article discusses to what extent the construction of social antagonisms are central features of collective identities and whether democracy has room for the renegotiation of social divisions.

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Zitationsvorschlag

Mackowitz, L. (2021). Zur Neuverhandlung konstituierender Grenzen: Textkritische Analyse und demokratietheoretische Interpretation der Erzählung vom Goldenen Kalb. Zeitschrift für Praktische Philosophie, 8(1). https://doi.org/10.22613/zfpp/8.1.22

Ausgabe

Rubrik

Schwerpunkt: Politische Theorien der Grenze