„Liberale Eugenik“ mit John Rawls?

Eine Kritik auf Basis der komplexen Theorie der Grundgüter in der "Theorie der Gerechtigkeit"

Autor:innen

  • Eva Odzuck

Schlagworte:

John Rawls, Theorie der Gerechtigkeit, Grundgüter, Selbstachtung, Keimbahneingriffe, Liberale Eugenik

Key words:

John Rawls, A Theory of Justice, primary goods, self-respect, germline interventions, liberal eugenics

Abstract

Durch die Entdeckung und das vertiefte Verständnis der sogenannten „Genscheren“ CRISPR/Cas9 rücken Eingriffe in das Genom zukünftiger Menschen in greifbare Nähe und erfordern mit neuer Dringlichkeit die Beantwortung einer fundamentalen politiktheoretischen Frage: Können Eingriffe in die genetische Ausstattung zukünftiger Menschen im Namen der Gerechtigkeit erlaubt oder gar geboten sein? Rawls’sche Theorieelemente haben in der Debatte um Keimbahneingriffe – trotz Rawls’ vergleichsweise spärlicher eigener Bemerkungen zu eugenischen Fragen – erstaunliche Prominenz entfaltet. Unter Rekurs auf die Rawls’sche Theorie der Grundgüter wird in der Debatte argumentiert, dass Eingriffe im Namen der Chancengleichheit geboten sind und/oder keine Einschränkung der Freiheiten zukünftiger Personen vorliegt, sofern nur sogenannte „genetische Grundgüter“ nicht minimiert oder vermehrt werden. Ich argumentiere für die These, dass diese Argumente einer „liberalen Eugenik“ auf einer verkürzten Rezeption der Rawls’schen Grundgütertheorie basieren. Rawls selbst sah sich nach seiner Veröffentlichung der Theorie der Gerechtigkeit dazu veranlasst, Missverständnisse in Bezug auf seine Grundgütertheorie auszuräumen, und konzedierte, dass seine Darstellung in der Theorie möglicherweise missverständlich gewesen sei. Eine Rekonstruktion der komplexen Theorie der Grundgüter, wie sie in der Theorie angelegt ist, und später von Rawls weiterentwickelt wurde, kann daher die brandaktuelle Debatte um Keimbahneingriffe informieren, indem sie erstens zeigt, dass die gängigen Argumente für Eingriffe sich nicht in der üblichen Form auf Rawls’ Grundgütertheorie stützen können und zweitens Möglichkeiten aufzeigt, mit Rawls ein Argument gegen eine weitgehende Freigabe von Keimbahneingriffen zu formulieren, das die Begründungspflicht wieder zulasten interventionistischer Positionen verschiebt. Meinem Aufsatz liegt folgende Struktur zugrunde: Zuerst rekonstruiere ich zwei Hauptargumente „liberaler Eugenik“ und zeige, dass und wie beide Argumente auf die Rawls’sche Idee der Grundgüter zurückgreifen und breite Verwendung in der bioethischen Debatte gefunden haben (1). In einem zweiten Schritt skizziere ich eine komplexere Version von Rawls’ Grundgütertheorie, die bereits in der Theorie der Gerechtigkeit angelegt ist, aber auch für spätere Schriften wichtig bleibt (2). Danach zeige ich, dass sich die Argumente der „liberalen Eugenik“ nicht auf diese komplexere Version der Theorie der Grundgüter stützen können und dass sich mithilfe der komplexen Theorie der Grundgüter sogar ein Argument gegen eine umfassende Freigabe von Keimbahneingriffen formulieren lässt, das die Begründungspflicht für interventionistische Positionen vergrößert (3). Ich schließe mit einem kurzen Fazit zur Relevanz von Rawls’ Theorie im biotechnischen Zeitalter (4).

English version

The discovery of the so-called “gene scissors” CRISPR/Cas9 brings interventions in the genome of future humans within reach and requires with new urgency the answering of a fundamental question of political theory: Are interventions in the genetic make-up of future humans permitted or even required in the name of justice? Rawlsian theoretical elements have become astonishingly prominent in the debate about germline interventions – despite Rawls’s own comparatively sparse remarks on eugenic questions. Referring to the Rawlsian theory of primary goods, a prominent position in the debate argues that genetic interventions are warranted in the name of equality of opportunity and/or that they do not restrict the liberties of future persons, provided that so-called “genetic primary goods” are not diminished or increased. I argue that these arguments for “liberal eugenics” are based on a truncated reception of Rawls’s primary goods theory: after his publication of A Theory of Justice, Rawls himself felt compelled to clear up misunderstandings about his primary goods theory and conceded that his account in the Theory may have been misleading. A reconstruction of the complex theory of primary goods as laid out in the Theory and further developed by Rawls later, can therefore inform the topical public debate about germline interventions, first by showing that prominent arguments for interventions cannot be based on Rawls’s primary goods theory in the usual way, and second by showing possibilities to formulate, with Rawls, an argument against a broad legalization of germline interventions that shift the burden of proof back to the detriment of interventionist positions. My paper is structured as follows: First, I reconstruct two main arguments of a “liberal eugenics” and show that and how both arguments draw on Rawls’s idea of primary goods and have been widely used in the bioethical debate (1). In a second step, I reconstruct a more complex version of Rawls’s theory of primary goods, as already sketched in A Theory of Justice, and elaborated in Rawls’s later explanations of it (2). I then show that the arguments for a “liberal eugenics” cannot be based on this more complex version of the theory of primary goods and that this more complex theory even allows for making a case against a broad legalization of germline interventions that increases the burden of proof for interventionist positions (3). I conclude with a brief outlook on the relevance of Rawls’s A Theory of Justice in the biotechnical age (4).

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Zitationsvorschlag

Odzuck, E. (2022). „Liberale Eugenik“ mit John Rawls? Eine Kritik auf Basis der komplexen Theorie der Grundgüter in der "Theorie der Gerechtigkeit". Zeitschrift für Praktische Philosophie, 8(2), 175–208. https://doi.org/10.22613/zfpp/8.2.7

Ausgabe

Rubrik

Schwerpunkt: 100 Jahre John Rawls, 50 Jahre "Eine Theorie der Gerechtigkeit"