Autonomie im Ausnahmezustand
Eine moralische Untersuchung der Lebensbedingungen in Notlagern für Geflüchtete
Schlagwörter:
Autonomie, Wohlergehen, Entfremdung, Geflüchteten Lager, Humanitäre HilfeKey words:
Autonomy, Well-being, Alienation, Refugee Camps, Humanitarian AidAbstract
Dieser Aufsatz untersucht die weitreichenden Einschränkungen der persönlichen Autonomie von Geflüchteten, die in Notlagern untergebracht sind. Notlager werden als eine spezifische Form von Geflüchtetenlagern definiert, die in hohem Maße durch den Ausnahmezustand geprägt sind und mit verstärkten Einschränkungen der Autonomie ihrer Bewohner*innen einhergehen. Diese Lager sind ursprünglich als Übergangseinrichtungen konzipiert, entwickeln sich in der Realität jedoch oft zu semi-permanenten Lebensräumen, in denen Menschen unter haftähnlichen Bedingungen leben. Die räumliche Isolation, der kontrollierte Zugang, sowie die weitreichende Reglementierung alltäglicher Handlungsräume, schaffen Bedingungen, unter welchen die Fähigkeit, sich als autonome Individuen wahrzunehmen, für die Bewohner*innen stark beeinträchtigt ist. Dieser Beitrag stützt sich auf ein Verständnis von Autonomie, das über die bloße Entscheidungsfreiheit hinausgeht und die Möglichkeit umfasst, ein kohärentes Selbstbild zu entwickeln und in Übereinstimmung damit zu leben. Um dies zu ermöglichen ist es wesentlich, dass einer Person eine Vielfalt von Auswahlmöglichkeiten in den verschiedenen Bereichen des Lebens zur Verfügung steht. Autonomie wird dabei als konstitutiv für Wohlergehen betrachtet. Die durchgeführte analytische Betrachtung legt dar, dass ein Mangel an Autonomie eine Entfremdung des Selbst zur Konsequenz haben kann, da eine Person das Bild, das sie von sich selbst hat, nicht durch ihre Handlungen zum Ausdruck bringen kann. Die Lebensbedingungen in Notlagern beeinträchtigen die persönliche Autonomie und somit das Wohlergehen ihrer Bewohner*innen massiv und können daher aus moralischer Perspektive nicht gerechtfertigt werden. Um minimales Wohlergehen von Notlagerbewohner*innen sicherzustellen, sollte ihnen, dafür wird in diesem Aufsatz argumentiert, das maximal mögliche Maß an Autonomie zugestanden werden. Es wird postuliert, dass der Aspekt der Autonomie, im Sinne von vielfältigen Auswahlmöglichkeiten, in möglichst vielen Bereichen des Lebens bei Erwägungen zu Struktur und Organisation von Lagern für Geflüchtete berücksichtigt werden sollte. Der Aufsatz gelangt zu dem Schluss, dass es für eine autonome Person essenziell ist, auf eine Vielzahl von Optionen, sowohl bei Lebens- als auch bei Alltagsentscheidungen, zurückgreifen zu können. In Bezug auf Notlagerbewohner*innen ist es allerdings von besonderer Wichtigkeit, dass sie bei Alltagsentscheidungen möglichst viele Optionen haben. Aus den gewonnenen Erkenntnissen lassen sich konkrete Handlungsempfehlungen zur Neustrukturierung von Notlagern für Geflüchtete ableiten.
This article examines the extensive restrictions on personal autonomy of refugees housed in emergency camps. Emergency camps are defined as a specific form of refugee camps that are strongly shaped by a state of exception and are associated with intensified limitations of their residents’ autonomy. Although originally designed as temporary accommodations, these camps often evolve into semi-permanent living environments in which people live under quasi-detention conditions. Spatial isolation, controlled access, and the extensive regulation of everyday activities create conditions under which residents’ ability to perceive themselves as autonomous agents is significantly impaired. This article builds on a concept of autonomy that goes beyond mere freedom of choice. It includes the capacity to develop a coherent self-concept and to live in accordance with it. To enable this, it is essential that individuals have a broad range of options available to them in various areas of life. Autonomy is thus considered a constitutive element of well-being. The analysis presented demonstrates that a lack of autonomy can lead to self-alienation, as individuals are unable to express their self-conception through their actions. The living conditions in emergency camps severely compromise personal autonomy and, consequently, the well-being of their inhabitants, and are therefore morally unjustifiable. This paper argues that, in order to ensure a minimal level of well-being for residents of emergency camps, the highest possible degree of autonomy must be granted to them. It posits that autonomy, understood as having a wide range of choices in as many areas of life as possible, should be a central consideration in the structural and organizational planning of refugee camps. The paper concludes that for an individual to be autonomous, it is essential to have a multitude of options concerning both life and everyday decisions. Regarding emergency camp residents, however, it is particularly important that they have as many options as possible when making everyday decisions. Specific recommendations for the restructuring of emergency camps can be derived from these results.
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