Agentiell Realistische Klimaresilienz
Skizze einer posthumanistischen Neuakzentuierung
Schlagwörter:
Resilienz, Klimawandel, Barad, Posthumanismus, VerantwortungKey words:
Resilience, Climate Change, Barad, Posthumanism, ResponsibilityAbstract
Die Arbeit lotet Möglichkeiten aus, die posthumanistische Ontologie Karen Barads auf das ambivalente Konzept der Klimaresilienz anzuwenden. Es wird argumentiert, dass die aus Barads Theorie gefolgerte Verschiebung der Verantwortung in die Sphäre einer apriorischen Handlungsmaxime dazu geeignet ist, der Kritiklinie einer Depolitisierung und Denormativierung der Klimakrise durch die Rede von Resilienz zu begegnen. Der Text beleuchtet zunächst die Entwicklung des Resilienzbegriffs aus der ökologischen Perspektive und den damit einhergehenden Complexity Turn ausgehend von C. S. Holling. Anschließend wird der Resilienzbegriff im Hinblick auf seine Anwendung auf soziale Systeme und den Klimawandel als Hybrid analysiert. Die Kritik besteht hier zumeist darin, dass die derzeitige Auffassung von Klimaresilienz oft zu kurz greift, indem sie sich lediglich auf adaptives Katastrophenmanagement konzentriert und die Mitigation vernachlässigt. Diese Einengung führt zu einer Reduktion der Resilienz auf Stabilität und unterschlägt so die im ökologischen Resilienzverständnis eigentlich intendierte Möglichkeit zur Transformation. Die kritische Auseinandersetzung mit dem Resilienzbegriff wird durch die Einführung der alternativen Konzepte Vulnerabilität und Klimagerechtigkeit ergänzt, welche die Notwendigkeit einer normativen Dimension der Resilienz hervorheben. Beide werden jedoch aus verschiedenen Gründen verworfen. Vulnerabilität trägt die Gefahr in sich, zum pessimistischen Pendant der Resilienz zu werden und somit auch zur Depolitisierung beizutragen. Klimagerechtigkeit kritisiert zwar aktiv moralische Schieflagen, die der Klimawandel hervorruft oder verstärkt, bleibt dabei jedoch statisch. Barads Agentieller Realismus betont die Dynamik des Intra-Agierens zwischen menschlichen und nicht-menschlichen Akteuren und ermöglicht es durch die ontologische Perspektivverschiebung von Individuen auf Phänomene, aufgrund der Erkenntnisse der Quantenmechanik, Verantwortung, auch für die Auswirkungen des Klimawandels, als Grundhaltung allen Handelns neu zu definieren. Verantwortung entsteht demnach im Setzen agentieller Schnitte als Interpretation von Phänomenen „von Innen“, wodurch ein unverantwortliches Handeln schlicht inkohärent wird. Dies wird zunächst durch die Entstehung der Kopenhagener Interpretation der Quantenmechanik motiviert und anschließend auf die Klimaresilienz angewendet. Abschließend wird argumentiert, dass eine agentiell realistische Auffassung von Klimaresilienz nicht nur die bestehende Anthropozentrik überwinden, sondern auch die Notwendigkeit zur Transformation von Gesellschaften im Angesicht des Klimawandels durch das Ernstnehmen des Bedeutungsspektrums betonen kann. Diese Perspektive eröffnet neue Möglichkeiten für das Verständnis und die praktische Umsetzung von Resilienz, die sowohl ethische als auch ökologische Dimensionen berücksichtigt.
The paper explores the possibilities of applying Karen Barad's posthumanist ontology to the ambivalent concept of climate resilience. I argue that the shift of responsibility into the sphere of an a priori maxim of action inferred from Barad's theory is suitable for countering the criticism of a depoliticization and denormativization of the climate crisis through resilience. The text first examines the development of the concept of resilience from an ecological perspective and its complexity turn based on C. S. Holling. The concept of resilience is then analyzed regarding its application to social systems and climate change as a hybrid. The criticism here is that here resilience often falls short by focusing on adaptive disaster management and neglecting mitigation. This narrowing leads to a reduction to stability and ignores the possibility of transformation that is intended in the ecological understanding of resilience. The critical examination of the concept of resilience is supplemented by the introduction of the alternative concepts of vulnerability and climate justice. However, both are rejected for various reasons. Vulnerability runs the risk of becoming the pessimistic counterpart of resilience and thus also contributing to depoliticization. Although climate justice actively criticizes moral imbalances caused by climate change, it remains static. Barad's Agential Realism emphasizes the dynamics of intra-action between human and non-human actors and, through the ontological shift in perspective from individuals to phenomena based on the findings of quantum mechanics, makes it possible to redefine responsibility, including for the effects of climate change, as a basic attitude of action. Responsibility arises in the setting of agential cuts as an interpretation of phenomena “from within”, whereby irresponsible action simply becomes incoherent. This is first motivated by the emergence of the Copenhagen interpretation of quantum mechanics and then applied to climate resilience. Finally, it is argued that an agentive realist conception of climate resilience can not only overcome the existing anthropocentrism but also emphasize the need to transform societies in the face of climate change by taking the spectrum of meaning seriously. This perspective opens new possibilities for the understanding and practical implementation of resilience, considering ethical and ecological dimensions.
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