Ein Objekt inmitten anderer Objekte
Frantz Fanons Kritik der Verdinglichung
Schlagwörter:
Frantz Fanon, Verdinglichung , Subjektivierung , Rassismus, koloniale HerrschaftKey words:
Frantz Fanon, Reification, Subjectification, Racism, Colonial DominationAbstract
Seit den 1980er wurde Frantz Fanon unter dem Einfluss poststrukturalistischer Theoriebildung zunehmend als jemand gelesen, dessen Arbeiten um die Prekarität rassistischer Formen der Subjektivierung kreisen. Nicht die Fixierung als ausbeutbares Objekt, sondern die Konstitution als rassifiziertes Subjekt steht dieser Lesart zufolge im Mittelpunkt seiner Analyse der kolonialen Welt. Entgegen einer solchen Überblendung der Verdinglichungsthematik in den Texten Fanons argumentiere ich in dem vorliegenden Aufsatz, dass dieser das Problem der Verdinglichung – um eine Formulierung von Georg Lukács aufzugreifen – stets als „Zentralfrage der revolutionären Kritik“ des Bestehenden begriffen hat. Dabei wird der Begriff der Verdinglichung, wie er in der Tradition des westlichen Marxismus entwickelt wurde, nicht einfach intakt gelassen und lediglich von einem Kontext in den anderen transponiert. Vielmehr öffnet Fanon den Blick für bislang vernachlässigte Bedeutungsinhalte, welche die erlebte Erfahrung schwarzer und kolonisierter Menschen zentrieren und eine systematische Neubestimmung des Verdinglichungsbegriffs im Lichte der unabgeschlossenen Geschichte des Transatlantischen Sklavenhandels einfordern. Eine Rekonstruktion von Fanons Verdinglichungskritik vermag in anderen Worten nicht nur einen neuen Blick auf dessen eigenes Werk zu eröffnen. Sie stellt zugleich eine unbewältigte theoretische Herausforderung für zeitgenössische Auseinandersetzungen mit dem Phänomen der Verdinglichung dar.
Since the 1980s, under the growing influence of poststructuralism, Frantz Fanon has increasingly been read as someone whose analysis of the colonial world revolved around the precariousness of racialized forms of subject formation. Following this line of interpretation, it is not the fixation as an exploitable object, but the constitution as a racialized subject that stands at the center of his analysis of the colonial world. Contrary to such a reading, I argue in this paper that Fanon always understood the problem of reification – to take up a formulation by Georg Lukács – as “central to the revolutionary critique” of the present. However, the concept of reification, as developed in the tradition of Western Marxism, is not left intact here and simply transposed from one context to another. Rather, Fanon draws attention to previously neglected layers of meaning by centering the lived experience of black and colonized people. In doing so, he calls for a systematic reconceptualization of the problem of reification in light of the unfinished history of the transatlantic slave trade. A reconstruction of Fanon’s critique of reification thus not only opens up a new perspective on his own work. It also constitutes an unresolved theoretical challenge for contemporary explorations of the phenomenon of reification.
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