Kritik der Schulpflicht

Autor:innen

  • Samuel Ulbricht Johannes Gutenberg-Universität Mainz

Schlagwörter:

Schulpflicht, Kinderethik, Bildung, Demokratie, Autonomie, Kindeswohl

Key words:

Compulsory schooling, childhood ethics, education, democracy, autonomy, children welfare

Abstract

Die allgemeine Schulpflicht in Deutschland hat erhebliche Freiheitseinschränkungen für Kinder und Jugendliche zur Folge. Dieser Umstand konstituiert eine außerordentliche Beweislast für Befürworter*innen des staatlichen Zwangs. Dieser Beitrag diskutiert, welche Gründe für die Schulpflicht sprechen und ob diese Gründe stark genug sind, um sie moralisch zu rechtfertigen.

Es werden sechs vielversprechende und exemplarische Argumente geprüft, die unterschiedliche Vorteile der Schulpflicht für Schüler*innen und Gesellschaft herausstellen. Namentlich geht es um Demokratiestabilisierung, den Schutz zukünftiger Bürger*innen, die Schulpflicht als faire Gegenleistung, das Erziehungs- und Bildungsideal der Mündigkeit, den Schutz des Kindeswohls und die Beförderung der Autonomie. Es wird sich zeigen, dass keines dieser Argumente hinreichend ist, um die allgemeine Schulpflicht in Deutschland in ihrer aktuellen Form zu rechtfertigen, die ausschließlich und vollumfänglich für Kinder und Jugendliche, aber nicht für Erwachsene gelten soll.

Das Ziel des Beitrags ist weder die endgültige Zurückweisung der Schulpflicht als moralisch unzulässig noch die Entwicklung eines positiven Alternativvorschlags. Vielmehr geht es um eine differenzierte kritische Analyse, die zur Anerkennung der außerordentlichen Beweislast führen soll, die mit dieser staatlichen Maßnahme einhergeht. Sie fordert, die moraltheoretische Auseinandersetzung mit der Schulpflicht ernst zu nehmen – so ernst, wie es die Sache verlangt.

English version

Compulsory schooling in Germany imposes significant restrictions on the freedom of children and adolescents. This situation creates an extraordinary burden of proof for proponents of state-enforced education. This paper discusses the reasons in favor of compulsory schooling and examines whether these reasons are strong enough to morally justify its existence.

Six promising and exemplary arguments are scrutinized, each highlighting various advantages of compulsory schooling for students and society. These arguments focus on democracy stabilization, the protection of future citizens, compulsory schooling as a fair exchange, the educational ideal of maturity, the protection of child welfare, and the promotion of autonomy. The analysis reveals that none of these arguments are sufficient to justify the current form of compulsory schooling in Germany, which applies exclusively and fully to children and adolescents, but not to adults.

The aim of this paper is neither to definitively reject compulsory schooling as morally impermissible nor to develop a positive alternative proposal. Rather, it seeks to provide a nuanced critical analysis that acknowledges the extraordinary burden of proof associated with this state measure. It calls for a serious moral-theoretical engagement with the issue of compulsory schooling—an engagement as serious as the matter itself requires.

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Zitationsvorschlag

Kritik der Schulpflicht. (2026). Zeitschrift für Praktische Philosophie, 12(2). https://doi.org/10.22613/