Lassen sich epistemische Tugenden als eine Art ethische Tugenden verstehen?
Eine Klärung ausgehend von Thomas von Aquin
Schlagwörter:
Tugendethik, Tugendepistemologie, epistemische Tugenden, ethische Tugenden, Thomas von AquinKey words:
Virtue ethics, virtue epistemology, ethical virtues, epistemic virtues, Thomas AquinasAbstract
In diesem Beitrag geht es um die Frage, wie eine „intellektuelle Ethik“ aussehen müsste, in der der Begriff der Tugend eine zentrale Rolle spielt. Unter Tugendepistemolog:innen, die so einen Ansatz verfolgen, gibt es die Tendenz, epistemische Tugenden als eine Art ethische Tugenden zu verstehen, so zum Beispiel Linda Zagzebski. Da diese Tugendarten in vielen alltäglichen Zuschreibungspraktiken oftmals nicht trennscharf unterschieden werden, scheint einiges für diese Auffassung zu sprechen. Andererseits sind Tugendbegriffe normativ-deskriptive Beschreibungsformen. Eine adäquate normative Beschreibung ist aber schwerlich möglich, wenn man die verschiedenen Tugenden nicht genauer spezifizieren kann. Dafür werden Kriterien benötigt. Ich verneine daher die Titelfrage und versuche, die Unterscheidung zwischen ethischen und epistemischen Tugenden zu verteidigen, indem ich die differenzierte Position des Thomas von Aquin, auf den sich auch Zagzebski bezieht, vorstelle. Thomas bettet seine Konzeption allerdings in eine metaphysische Anthropologie ein, deren Grundannahme ist, dass Vernunft selbst ein Wert ist, in dem sich das Wesen des Menschen verwirklicht. Als Ausblick stelle ich knapp einige Überlegungen zur Frage vor, unter welchen Bedingungen sich so ein Ansatz verteidigen ließe.
This article deals with the question of what an ‘intellectual ethics’ would look like in which the concept of virtue plays a central role. Among virtue epistemologists who pursue such an approach, there is a tendency to understand epistemic virtues as a kind of ethical virtue, as Linda Zagzebski does, for example. Since these types of virtues are often not clearly distinguished in many everyday attribution practices, there seems to be some support for this view. On the other hand, concepts of virtue are thick concepts. However, an adequate normative description is difficult if the various virtues cannot be specified more precisely. Criteria are needed for this. I therefore reject the question posed in the title and attempt to defend the distinction between ethical and epistemic virtues by presenting the differentiated position of Thomas Aquinas, to whom Zagzebski also refers. However, Aquinas embeds his conception in a metaphysical anthropology whose basic assumption is that reason itself is a value in which the essence of human beings is realised. As an outlook, I briefly present some thoughts on the conditions under which such an approach could be defended.
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