Migration als epistemische Figur
Zur Spannung von Exil und Gegenwart im jüdischen Denken
Schlagwörter:
Migration, Exil, Diaspora, Hermeneutik, ShoahKey words:
migration, exile, diaspora, hermeneutics, ShoahAbstract
Der Aufsatz entwickelt Migration als epistemische Figur: als Denkform, in der Erkenntnis im Übergang entsteht. Ein Raster aus Exil, Migration, Diaspora und Dislokation beschreibt, wie Ort, Sprache, Zugehörigkeit und Verantwortung Wissensformen bedingen. Jüdisches Denken dient als Resonanzraum, weil es sich an Schwellen zwischen Geographien, Sprachen, Textpraktiken und politischen Ordnungen ausbildet. Vielstimmigkeit erscheint dabei als epistemisches Verfahren: im Kommentar, im Streit, im Wiederlesen.
Genealogische Lektüren verfolgen diese Figur durch rabbinische Texttopologien, in denen Bindung nach dem Verlust des kultischen Zentrums in Auslegung übergeht: Schrift wird zum Raum, Interpretation zur Praxis, Text zur Topologie. Mittelalterliche und frühneuzeitliche Konstellationen zeigen Migration als Sprach- und Übersetzungsereignis: Begriffe wandern zwischen Hebräisch, Arabisch und Latein, und mit jeder Übertragung verschieben sich die Grenzen des Denkbaren. Aufklärung und Moderne markieren Felder prekärer Vermittlung, in denen Universalität, Partikularität und politische Zugehörigkeit einander unter Druck setzen; moderne Philosophie und rabbinische Stimmen profilieren daraus eine Ethik der Aufmerksamkeit, in der Fragilität zur Erkenntnisform wird.
Die Shoah bildet eine kritische Schwelle von Sprache und Zeugenschaft. Sie radikalisiert die Frage nach Urteilskraft dort, wo überlieferte Vokabulare beschädigt sind und Erinnerung ethischen Druck ausübt: Sprechen bleibt notwendig und bleibt exponiert, weil jede Formgebung die Gewalt der Geschichte berührt. In der politischen Gegenwart erscheint Israel als Prüfstein, an dem Schutz, Zugehörigkeit und universale Geltungsansprüche kollidieren. Über diese Szenen hinweg wird Migration als Strukturprinzip von Erkenntnis und praktischer Vernunft sichtbar: Identität als relationale Passage, Autorität als ausgehandelte Wiederholung, Verantwortung als Vollzug. Ein Post-Scriptum nach dem 7. Oktober 2023 öffnet die Frage „Wohin?“ erneut und prüft die Figur unter Bedingungen prekärer Sicherheit und umkämpfter Zugehörigkeit.
This article argues that migration can be read as an epistemic figure: an orientation in which knowledge and judgment arise through displacement, transit, and shifting relations. A conceptual grid—exile, migration, diaspora, dislocation—frames the analysis of how place, language, belonging, and responsibility shape what can be known. Jewish thought offers a particularly revealing case, since it repeatedly forms itself at crossings of geography, language, textual practice, and political order.
The argument unfolds genealogically. Rabbinic practices establish “textual topologies” in which commentary, dispute, and iterative authority reconfigure binding force after the loss of a cultic center. Medieval and early modern scenes highlight translation and dispersion as forces that reshape conceptual vocabularies. The Haskalah appears as a field of mediation, where universal claims and particular attachments exert reciprocal pressure, and modern Jewish philosophy further sharpens the stakes of judgment under conditions of historical fracture.
The Shoah marks a decisive threshold for speech and testimony. It intensifies the question of judgment where inherited vocabularies are damaged and memory carries ethical force. In contemporary political life, Israel functions as a testing ground: security, belonging, and universal demands of justice become entangled in contested arrangements.
Across these scenes, migration emerges as an organizing principle for knowledge and practical reason: identity takes form as relational passage; authority as negotiated repetition; responsibility as enactment. A postscript written in the aftermath of October 7, 2023 reopens the question “Where to?” amid precarious security and contested belonging, testing the argument against the pressures of the present.
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