Call for Papers: Schwerpunkt: Migration

08.02.2024

Herausgeber:innen: Karoline Reinhardt und Gottfried Schweiger

Deadline: 31. Oktober 2024

Migration ist keineswegs ein neues Thema in der Philosophie, jedoch hat die Migrationsbewegung in den Jahren 2015 und 2016 zu einem deutlich größeren Interesse und einer Reihe an Publikationen geführt. Auch die Zeitschrift für Praktische Philosophie sammelte damals in einem Ad-hoc-Forum philosophische Reflexionen. Nun sind zehn Jahre vergangen und Migration, Flucht, Asyl und Integration sind noch immer entscheidende und hoch kontroverse Themen der öffentlichen, medialen und politischen Debatte, nicht nur in Europa. Restriktive Grenzregime, Pushbacks und die humanitär prekäre Lage in den Flüchtlingslagern an der EU-Außengrenze haben sich seit dem verstetigt. Die Lage hat sich aber auch verändert: Der Krieg in der Ukraine hat eine Fluchtbewegung ausgelöst, die in einigen Teilen von Medien und Öffentlichkeit anders bewertet wird als jene aus Kriegsgebieten wie Syrien oder dem Sudan. Außerdem haben wir in den letzten zehn Jahren eine Veränderung der Grenzregime erfahren, die eine Exterritorialisierung von Grenzkontrollen zunehmend mit digitalen Möglichkeiten der Überwachung von Migrationsbewegungen verbindet. Dabei endet Migration nicht mit dem Grenzübertritt. Im Ankunfts- wie im Herkunftsland sind mit dem Weggang und dem Ankommen von Menschen vielfältige Fragen verbunden. Diskutiert werden Fragen der Unterbringung und Versorgung, des rechtlichen Status, der “Integration”, aber auch die persönlichen und sozialen Auswirkungen des Weggehens. Rufe aus Wirtschaft und Wirtschaftswissenschaft, dass mehr Migration nötig sein wird, um den demographischen Wandel zu bewältigen, sind ebenso präsent. Gleichzeitig werden Diskussionen um Migration, Werte, Religion und Zugehörigkeit politisch mobilisiert. 

All diese Entwicklungen verdienen philosophische Aufmerksamkeit, gerade, aber nicht nur dort, wo es um normative Fragen geht. Die philosophische Literatur hat sich deutlich ausdifferenziert und widmet sich neben den schon länger ausgetragenen Disputen um globale Bewegungsfreiheit (einen Überblick bieten u.a.: Celikates 2016; Cassee und Goppel 2012; Dietrich 2017), offene Grenzen und die Legitimität nationaler Selbstbestimmung auch immer mehr spezifischen Fragen von Migration und Integration, wie dem Status oder der Priorisierung besonders vulnerabler Gruppen (z.B. LGBTQIA+ (Vitikainen 2020) oder von minderjährigen Flüchtlingen (Schweiger 2019), der Aufteilung von Flüchtlingen in der EU (Holtug 2016) und dem Zugang zur Staatsbürgerschaft (Owen 2019) unter nicht-idealen Bedingungen, dem Einsatz digitaler Technologien an Grenzen (Kuster und Tsianos 2021), den (negativen) Folgen von Care (Gheaus 2013) und Brain Drain (Brock und Blake 2015), dem Einfluss des Klimawandels auf Migrationsbewegungen (Draper und McKinnon 2018; Lister 2014) oder den “Integrationspflichten” von Migrant:innen (Hoesch 2023). Der Blick auf die aktuelle Lage sollte dabei aber nicht dazu verleiten, zu übersehen, dass dahinter oft philosophische Grundsatzfragen verborgen sind, die für sich noch lange nicht geklärt sind und die etwa um solche großen Begriffe wie Freiheit, Pflicht, Gerechtigkeit, Demokratie, Menschenrechte oder Toleranz kreisen. Dafür lohnt sich auch ein Blick in die Geschichte der Philosophie mit ihren Reflexionsangeboten und argumentativen Ressourcen, die in aktuellen Diskussionen nicht selten übersehen werden. Gleiches gilt für oftmals marginalisierte Perspektiven aus dem Globalen Süden (Jaggar 2020) und philosophische Zugänge, die abseits des anglophonen Mainstreams verortet sind. Gleichzeitig ist zu fragen, ob und wie die akademische Philosophie auf aktuelle Probleme und Entwicklungen reflektieren soll und kann. Schließlich birgt das auch die Gefahr, dass Philosoph:innen dabei “aus der Hüfte schießen” (Schramme 2015) und zu voreiligen Schlüssen kommen.

Der geplante Schwerpunkt in der Zeitschrift für Praktische Philosophie lädt philosophische Beiträge zu allen Facetten von Migration ein, ohne Einschränkung auf bestimmte Perspektiven oder theoretische Zugänge. Das umfasst etwa Herangehensweisen der angewandten Ethik, der Moralphilosophie, der politischen Philosophie, der Rechts- und Staatsphilosophie, aber auch der Wirtschaftsphilosophie, die sich konkreten Problemen widmen, wie auch abstraktere Theoriediskussionen und Texte, die dem Thema Migration in der Philosophiegeschichte nachgehen. Arbeiten an interdisziplinären Schnittpunkten zur sozialwissenschaftlichen Migrationsforschung, der Rechtswissenschaft, der Politikwissenschaft, anderen Geistes- und Kulturwissenschaften sowie solche, die empirisches Material oder auch eigene Migrationserfahrungen philosophisch reflektieren, sind ebenso willkommen.

Die Einreichungsfrist für die Beiträge ist der 31. Oktober 2024. Die Veröffentlichung des Schwerpunkts ist für Juli 2025 geplant, alle Beiträge durchlaufen den üblichen doppelt-blinden Begutachtungsprozess. Die Einreichung erfolgt über die Webseite der ZfPP, wo Sie auch Informationen zu Umfang und Gestaltung des Manuskripts finden: https://www.praktische-philosophie.org

Bei Rückfragen kontaktieren Sie die Schwerpunktherausgeber:innen: Karoline Reinhardt (karoline.reinhardt@uni-passau.de) und Gottfried Schweiger (gottfried.schweiger@plus.ac.at)

Literatur

Brock, Gillian, und Michael Blake. 2015. Debating Brain Drain: May Governments Restrict Emigration? Debating Ethics. Oxford New York: Oxford Univ. Press.

Cassee, Andreas, und Anna Goppel, Hrsg. 2012. Migration und Ethik. 1. Aufl. Ethica, Bd. 20. Münster: Mentis.

Celikates, Robin. 2016. „Migration. Normative und sozialtheoretische Perspektiven“. In Internationale Politische Theorie, herausgegeben von Regina Kreide und Andreas Niederberger, 1. Aufl., 229–44. Stuttgart: J.B. Metzler. https://doi.org/10.1007/978-3-476-05470-8_15.

Dietrich, Frank, Hrsg. 2017. Ethik der Migration: philosophische Schlüsseltexte. 1. Aufl. Suhrkamp-Taschenbuch Wissenschaft 2215. Berlin: Suhrkamp.

Draper, Jamie, und Catriona McKinnon. 2018. „The Ethics of Climate‐induced Community Displacement and Resettlement“. WIREs Climate Change 9 (3): e519. https://doi.org/10.1002/wcc.519.

Gheaus, Anca. 2013. „Care Drain: Who Should Provide for the Children Left Behind?“ Critical Review of International Social and Political Philosophy 16 (1): 1–23. https://doi.org/10.1080/13698230.2011.572425.

Hoesch, Matthias. 2023. „The Normative Justification of Obligatory Integration Policies“. Journal of Social Philosophy, Jänner, josp.12506. https://doi.org/10.1111/josp.12506.

Holtug, Nils. 2016. „A Fair Distribution of Refugees in the European Union“. Journal of Global Ethics 12 (3): 279–88. https://doi.org/10.1080/17449626.2016.1251483.

Jaggar, I—Alison M. 2020. „Decolonizing Anglo-American Political Philosophy: The Case of Migration Justice“. Aristotelian Society Supplementary Volume 94 (1): 87–113. https://doi.org/10.1093/arisup/akaa008.

Kuster, Brigitta, und Vassilis S. Tsianos. 2021. „Die verkörperte Identität der Migration und die Biometrie der Grenze“. Zeitschrift für Praktische Philosophie 8 (1). https://doi.org/10.22613/zfpp/8.1.21.

Lister, Matthew J. 2014. „Climate Change Refugees“. Critical Review of International Social and Political Philosophy 17 (5): 618–34. https://doi.org/10.1080/13698230.2014.919059.

Owen, David. 2019. „Refugees, EU Citizenship and the Common European Asylum System A Normative Dilemma for EU Integration“. Ethical Theory and Moral Practice 22 (2): 347–69. https://doi.org/10.1007/s10677-019-09973-x.

Schramme, Thomas. 2015. „Wenn Philosophen Aus Der Hüfte schießen“. Zeitschrift für Praktische Philosophie 2 (2):377-84. https://doi.org/10.22613/zfpp/2.2.15.

Schweiger, Gottfried. 2019. „Should States Prioritize Child Refugees?“ Ethics & Global Politics 12 (2): 46–61. https://doi.org/10.1080/16544951.2019.1649958.

Vitikainen, Annamari. 2020. „LGBT Rights and Refugees: A Case for Prioritizing LGBT Status in Refugee Admissions“. Ethics & Global Politics 13 (1): 64–78. https://doi.org/10.1080/16544951.2020.1735015.