Call for Papers: Schwerpunkt: Philosophie und Behinderung
Call for Papers: Philosophie und Behinderung
Herausgeberinnen: Lisa Alexandra Henke (Münster) und Regina Schidel (Frankfurt)
Obwohl Fragen von Behinderung zentrale Themenfelder der praktischen Philosophie berühren – darunter Gerechtigkeit, Anerkennung, Personalität, Relationalität, Körperlichkeit und gesellschaftliche Teilhabe –, sind sie im (deutschsprachigen) philosophischen Diskurs nach wie vor deutlich unterrepräsentiert. Wenn Behinderung überhaupt thematisiert wird, geschieht dies häufig implizit, randständig oder aus verengten Perspektiven, etwa als medizinischer Defekt, individuelles Leid oder als exemplarischer Gegenstand bioethischer Abwägungen.
Behinderung ist jedoch weder ausschließlich biologisch noch rein sozial erklärbar, sondern entsteht in komplexen Wechselwirkungen zwischen körperlichen, psychischen, sozialen, institutionellen und epistemischen Faktoren (biopsychosoziales Modell von Behinderung). Die dennoch systematische und bis in die Gegenwart reichende Vernachlässigung des Verhältnisses zwischen Philosophie und Behinderung ist dabei keineswegs zufällig, sondern verweist auf ein historisch tief verankertes, exkludierendes Selbstverständnis der Philosophie als wissenschaftlicher Disziplin. In der kantischen Tradition versteht sie sich als ,Königin der Wissenschaften‘, die durch strenge Begriffsarbeit und den Gebrauch reiner Vernunft von den konkreten Gegenständen, Methoden und Zielen der Einzelwissenschaften abstrahiert. Implizit liegt diesem Selbstverständnis das Ideal eines autonomen, vernunftbegabten Subjekts zugrunde, das sich an allgemeingültigen Prinzipien orientiert und seine situative Gebundenheit an die je eigene Körperlichkeit kognitiv zu überschreiten vermag. Entworfen wird so ein philosophisches Subjekt, das als körperlos erscheint – eines, das weder stottert, sabbert, schwitzt, blutet noch errötet. Dieses Ideal ist jedoch keineswegs allgemeingültig, sondern grundlegend ableistisch strukturiert: Es setzt bestimmte körperliche und kognitive Fähigkeiten voraus und knüpft den Wert eines Menschen an deren Vorhandensein. In der Folge werden vulnerable Formen menschlicher Existenz ausgeblendet, die diesem ableistischen Vernunftideal nicht entsprechen – wie z.B. Menschen mit (geistiger) „Behinderung“ bzw. die soziale Kategorie von „behinderten Menschen“ wird vor dem Hintergrund einer solchen Idealvorstellung überhaupt erst kreiert.
Zugleich verfügt die Philosophie über eigene begriffliche und methodische Ressourcen, um diese zugrunde liegende Vorstellung eines ausschließlich rationalen, autonomen und selbstgenügsamen Subjekts kritisch zu hinterfragen. Insbesondere in gegenwärtigen (inter-)nationalen fachphilosophischen Debatten finden sich Konzepte und Ansätze wie white/male ignorance, gender bias, Critical Philosophy of Race, Ableismus sowie epistemische (Un-)Gerechtigkeit, die wichtige Beiträge zu einer intersektional ausgerichteten Kritik ableistischer Grundannahmen innerhalb der Philosophie leisten. Darüber hinaus stellen sie begriffliche Instrumentarien für eine inklusive Neubestimmung diversitätsphilosophischer Subjektivität bereit, die „ein verkürztes, verdinglichendes Verständnis von Rationalität“ hinter sich lässt. Der Schwerpunkt versteht sich als thematische Ergänzung solcher Debatten und als kritische Intervention in philosophische Diskurse, tradierte Kanonbildungen und etablierte Begriffsarchitekturen. Behinderung fungiert dabei – ähnlich wie andere Ungleichheitskategorien (class, gender oder race) – als Brennglas, unter dem sichtbar wird, welche Annahmen über Normalität, Rationalität, Leistungsfähigkeit und Autonomie in philosophischen Theorien (re-)produziert werden.
Vor diesem Hintergrund soll das Themenheft insbesondere Beiträge einschließen, die unterrepräsentierte Perspektiven und Fragestellungen in den philosophischen Diskurs zu und über Behinderung einbringen. Dazu zählen u.a. Ansätze der (critical) disability studies, der feministischen Philosophie, der Care-Ethik, der Kritischen Theorie, der (Leib-)Phänomenologie sowie intersektionale, poststrukturalistische und dekoloniale Ansätze.
Den folgenden Themenbereichen und Fragestellungen kann hierbei nachgegangen werden:
- Normativität, Normalität und Ableismus
Inwiefern sind philosophische Begriffe und Theorien von ableistischen Annahmen geprägt?
- Gerechtigkeit, Inklusion und Teilhabe
Welche Gerechtigkeitskonzeptionen erfassen die Lebenslagen von Menschen mit „Behinderung“ angemessen? Wie lassen sich Fragen von Barrierefreiheit, Teilhabe, Umverteilung und Anerkennung philosophisch begründen?
- Autonomie, Abhängigkeit und Care
Wie lassen sich menschliche Dependenz und Verletzbarkeit philosophisch denken? Welche(normativen) Implikationen ergeben sich aus Assistenz- und Sorgebeziehungen?
- Epistemische Ungerechtigkeit
Inwiefern erfahren Menschen mit „Behinderung“ systematische Formen epistemischer Marginalisierung? Welche Rolle spielen dabei Konzepte wie Zeugenschaft, Glaubwürdigkeit und Fragen nach (Selbst)Repräsentation?
- Phänomenologie und verkörperte Erfahrung
Wie lassen sich Erfahrungen von Behinderung philosophisch adäquat beschreiben, ohne sie zu pathologisieren oder gar zu romantisieren?
- Diversität und Intersektionalität
Wie verschränken sich Behinderung mit Geschlecht, Klasse, Rassismus, Alter oder Migration, und welche philosophischen Konsequenzen ergeben sich daraus?
Die Einreichungsfrist ist der 31. Oktober 2026. Eine Zusendung von Abstracts vorab ist nicht erforderlich. Die Veröffentlichung des Schwerpunkts ist für 2027/2028 geplant. Alle Beiträge durchlaufen den üblichen doppelt-blinden Begutachtungsprozess. Die Einreichung erfolgt ebenfalls über die Webseite der „Zeitschrift für Praktische Philosophie“, wo sich auch Informationen zu Umfang und Gestaltung der Manuskripte finden. Bitte orientieren Sie sich entsprechend am Style-Sheet der "Zeitschrift für Praktische Philosophie".
Bei Rückfragen kontaktieren Sie Lisa Alexandra Henke (l.henke@uni-muenster.de) und Regina Schidel (schidel@em.uni-frankfurt.de)