Wettlauf mit Hindernissen

Plädoyer für ein philosophisch informiertes Verständnis von „Vereinbarkeit"

Autor:innen

  • Christine Bratu Uni Göttingen

Schlagwörter:

Vereinbarkeit, Fürsorgepflicht, Leistungsprinzip, Meritokratie

Key words:

Compatibility, care responsibilities, merit principle

Abstract

In diesem Aufsatz argumentiere ich für die folgenden drei Thesen: (I) Aktuell ist unser Verständnis von Vereinbarkeit unterkomplex und bedarf philosophischer Klärung. (II) Vor dem Hintergrund eines philosophisch informierten Verständnisses von Vereinbarkeit gibt es guten Grund daran zu zweifeln, dass diese im so genannten akademischen Mittelbau über die gängigen Maßnahmen überhaupt hergestellt werden kann. (III) Wenn wir für den Mittelbau Vereinbarkeit in einem philosophisch informierten Sinne herstellen wollen, müssen wir das Leistungsprinzip modifizieren und zudem die Aufgabe, Vereinbarkeit herzustellen, als Aufgabe der gesamten wissenschaftlichen Gemeinschaft begreifen. Zentraler Punkt meiner Argumentation ist dabei die Annahme, dass akademische Leistung Zeit-sensitiv ist, sodass diejenigen, die mehr Zeit in ihre Arbeit investieren, wahrscheinlich mehr und bessere akademische Leistungen vorzuweisen haben. Wissenschaftler:innen mit Fürsorgenpflichten können aber nur ein beschränktes Maß ihrer Zeit in ihre akademische Arbeit investieren und dieses Maß wird in der Regel deutlich unter dem liegen, was Wissenschaftler:innen ohne Fürsorgepflichten aufbringen können und wahrscheinlich auch werden, und lässt sich zudem nicht weiter erhöhen. Doch die im Prinzip einzigen unbefristeten Stellen im deutschen akademischen System, Professuren, werden nach dem Leistungsprinzip vergeben, was dazu führt, dass das Anforderungsniveau – also die Menge an bzw. die Qualität von wissenschaftlichen Leistungen, die man vorlegen muss, um eine realistische Chance auf solche Stellen zu haben – von denjenigen festgelegt wird, deren Leistungen am besten sind. Zusammengenommen führen diese Faktoren dazu, dass Wissenschaftler:innen mit Fürsorgepflichten in der Konkurrenz mit solchen ohne kaum eine realistische Chance darauf haben sich bei Bewerbungen auf Professuren durchzusetzen. Dieser Umstand impliziert aber, wie ich argumentiere, dass für Wissenschaftler:innen mit Fürsorgepflichten keine Vereinbarkeit besteht.

English version

In this article, I argue for the following three claims: (I) Currently, our understanding of compatibility is under-complex and requires philosophical clarification. (II) Against the background of a philosophically informed understanding of compatibility, there is good reason to doubt that compatibility can be achieved at all for untenured faculty members through the usual measures. (III) If we want to create compatibility in a philosophically informed sense for untenured faculty members, we must modify the merit principle and also understand the task of creating compatibility as a task for the entire academic community. The central point of my argument is the assumption that academic performance is time-sensitive, so that those who invest more time in their work are likely to have more and better academic achievements. However, academics with care responsibilities can only invest a limited amount of time in their academic work, and this amount will usually be significantly smaller than what academics without care responsibilities can and probably will invest, and cannot be increased further. However, the only permanent positions in the German academic system, full professorships, are awarded according to the merit principle, which means that the requirements for a successful application - i.e. the quantity or quality of academic achievements that must be presented in order to have a realistic chance of obtaining such positions - are determined by those whose achievements are the best. Taken together, these factors mean that academics with care responsibilities have no realistic chance of competing with those without when applying for professorships. However, as I argue, this implies that there is no compatibility for academics with care responsibilities.        

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Zitationsvorschlag

Wettlauf mit Hindernissen: Plädoyer für ein philosophisch informiertes Verständnis von „Vereinbarkeit". (2025). Zeitschrift für Praktische Philosophie, 12(1). https://doi.org/10.22613/zfpp/12.1.1