Politik und Aphasie

Zur Polarität von Metapher und Metonymie

Autor:innen

  • Gerald Posselt

Schlagwörter:

Aphasie, Roman Jakobson, Metapher, Metonymie, Politische Theorie, Rhetorik

Key words:

Aphasia , Roman Jakobson, metaphor, metonymy, political theory, rhetoric

Abstract

Roman Jakobson ist vor allem für seine Überlegungen zur Polarität von Metapher und Metonymie bekannt. Häufig übersehen wird dabei, dass Jakobson seine Thesen im Rahmen seiner Arbeiten zum Spracherwerb und Sprachverlust entwickelt. Gegenüber der medizinischen Einteilung in sensorische und motorische Aphasien schlägt er eine linguistische Unterteilung in Similaritäts- und Kontiguitätsstörungen vor. Während die Similaritätsstörung zu einem Verlust der Metapher führt, ist bei der Kontiguitätsstörung die Metonymie betroffen. In der Folge weitet Jakobson seine Überlegungen auf alle semiotischen Prozesse aus: von Träumen über magische Rituale bis hin zu sozialen Praktiken. Da es auch bei politischen Konflikten um Prozesse der Artikulation geht, verfolgt der Artikel zwei Ziele: Einerseits wird gefragt, inwiefern sich Jakobsons Unterscheidung von Similaritäts- und Kontiguitätsstörungen für die Analyse politischer Konflikte – wie etwa Lyotards Widerstreit oder Rancières Unvernehmen – produktiv machen lässt. Andererseits wird im Anschluss an Jakobsons Diagnose, dass die Erforschung der Sprache selbst eine Kontiguitätsstörung aufweist, die These vertreten, dass ein solche Störung jedem wissenschaftlichen Diskurs inhärent ist – und folglich auch der politischen Theorie und Metaphorologie.

English version

Roman Jakobson is best known for his reflections on the polarity of metaphor and metonymy. What is often overlooked is that Jakobson developed his theses in the context of his work on language acquisition and language loss. In contrast to the common medical categorisation of receptive and expressive aphasia, Jakobson proposes a linguistic division into similarity and contiguity disorders. While the similarity disorder results in a loss of metaphor, the contiguity disorder impairs metonymy. Jakobson subsequently expands his considerations to include all semiotic processes: from dreams to magic rituals to social practices. Since political processes, too, are about processes of articulation, this article pursues two goals: On the one hand, it asks to what extent Jakobson’s distinction between similarity and contiguity disorders can be made productive for the analysis of political conflicts – such as Lyotard’s differend or Rancière’s disagreement. On the other hand, and following Jakobson’s diagnosis that the study of language itself exhibits a contiguity disorder, the article puts forward the thesis that such a disorder is inherent in all scientific discourse – and consequently also in political theory and metaphorology.

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Rubrik

Schwerpunkt: Politische Metaphorologie: Funktion – Wirkung – Kritik

Zitationsvorschlag

Politik und Aphasie: Zur Polarität von Metapher und Metonymie. (2025). Zeitschrift für Praktische Philosophie, 12(1). https://doi.org/10.22613/zfpp/12.1.16