Beispiele und soziale Zugehörigkeit
Wie intersubjektive Einbildungskraft die Wahl von Vorbildern einschränkt
Schlagwörter:
Exemplarität, Beispiel, Einbildungskraft, Standpunkt, UrteilenKey words:
exemplarity, example, imagination, standpoint, judgmentAbstract
Einbildungskraft ist für den Gebrauch von moralisch vorbildhaften Beispielen wichtig. Um sich eine Person zum Vorbild zu machen, stellt man sich diese, und wie sie handeln würde, vor. Doch Einbildungskraft kommt nicht nur im direkten Bezug auf gewählte Beispiele zum Einsatz, sondern auch in Bezug auf das Urteil anderer über diese Beispiele. Findet mein Beispiel ihre Zustimmung? Was denken sie darüber? Von welchen geteilten Maßstäben kann ich bei der Wahl eines Vorbilds ausgehen? Diese Fragen beantworten wir nicht nur durch Gespräche, sondern auch durch imaginierte Standpunktwechsel. Sie beeinflussen, was wir schließlich für exemplarisch halten, und damit den Prozess, der noch vor der eigentlichen Orientierung an Vorbildern festlegt, wer überhaupt als Vorbild infrage kommt und schließlich gewählt wird. Der Aufsatz untersucht, wie die Wahl von vorbildhaften Beispielen und damit verbundene Probleme sich mithilfe eines intersubjektiven Verständnisses von Einbildungskraft erklären lassen. Der Begriff der Einbildungskraft und sein Verhältnis zum exemplarischen Status von Beispielen wird anhand von Arendts Konzeption des reflektierenden Urteilens eingeführt und es wird gezeigt, inwiefern die Einbildungskraft in einer intersubjektiven Dimension für das Verständnis von Exemplarität wichtig ist. Im Anschluss wird diskutiert, wie sich soziale Situiertheit auf diesen Prozess auswirken kann und welche Probleme für die Wahl von Vorbildern dadurch entstehen können. Dabei werden drei Aspekte in Arendts Konzeption vertieft und im Hinblick auf systematische Fragen zur Rolle der Einbildungskraft bei der Wahl von Beispielen besprochen. Es handelt sich erstens um historische und kulturelle Rahmenbedingungen, die bei mangelnder Reflexion oder durch Ungleichheiten in der öffentlichen Repräsentation zur Schwierigkeit werden. Zweitens geht es um Effekte der Projektion, die bei einem imaginativen Standpunktwechsel entstehen können. Und drittens ist zu erwägen, inwiefern Beispiele zur imaginativen Verhandlung von Zugehörigkeiten zu gesellschaftlichen Gruppen dienen. Der Aufsatz argumentiert dafür, dass die intersubjektiv eingesetzte Einbildungskraft bei der Wahl von Beispielen zwar Orientierungshilfe bietet, aber anfällig für Verzerrungen ist, sodass imaginative Standpunktwechsel um Reflexion und realen Austausch ergänzt werden sollten.
Imagination is essential for the use of moral examples and exemplars. To adopt a person as a role model, one imagines them and how they would act. However, imagination is not only employed in direct relation to examples but also in relation to others' judgments about these examples. Do others approve of my example? What do they think about it? What shared standards can I assume when selecting a role model? We answer these questions not only through direct conversation, but also by imaginatively taking on others‘ perspectives. This affects whom we ultimately consider to be exemplary and thus the process that determines who qualifies as a role model and is ultimately chosen, even before the actual orientation towards them. The article examines how the choice of role models and associated problems can be explained with the help of an intersubjective understanding of imagination.
The concept of imagination and its relation to exemplarity is introduced on the basis of Arendt's conception of reflective judgment and the extent to which imagination in an intersubjective dimension is important for the understanding of exemplarity is shown. Subsequently, it will be discussed how social situatedness can affect this process and what problems can arise for the choice of role models as a result. Three aspects of Arendt's conception will be discussed in greater depth and with regard to systematic questions about the role of imagination in the choice of examples: Firstly, these are historical and cultural framework conditions that become difficult when there is a lack of reflection or due to inequalities in public representation. Secondly, it is about the effects of projection that can arise from an imaginative change of viewpoint. And thirdly, the extent to which examples are used for the imaginative negotiation of our belonging to social groups must be considered. The article argues that the intersubjective use of imagination in the choice of examples provides guidance, but is susceptible to distortion, so that imaginative changes of viewpoint should be supplemented by reflection and real exchange.
Ausgabe
Rubrik
Lizenz
Copyright (c) 2025 Johanna Sinn

Dieses Werk steht unter der Lizenz Creative Commons Namensnennung 4.0 International.