Das Exemplarische der Literatur zwischen Ermächtigung und Unterwerfung

Autor:innen

  • Katharina Naumann
  • Larissa

Schlagwörter:

Exemplarität, Literatur, Kant, Emanzipation, Normalisierung

Key words:

Exemplarity, Literature, Kant, Disclosure, Subjection

Abstract

Ausgehend von Kants Überlegungen zum ästhetischen Urteil zeigen wir, warum Literatur ein spezieller Erkenntnisgrund sein kann: Sie vermittelt nicht diskursiv, sondern exemplarisch. Denn aufgrund ihres sinnlich-intellektuellen Charakters regt Literatur zur Perspektivübernahme und zum Handeln an. Dies birgt nicht nur Potenziale, sondern auch Gefahren, von denen Kant, so unsere exegetische These, jedoch nur einige erkennt, vor allem weil der sozio-politische Kontext, in dem Literatur produziert und rezipiert wird, bei ihm unbedacht bleibt. Zugleich bietet Kants Position zum Exemplarischen Ressourcen, um an dieser Stelle systematisch weiterzudenken. Mit ihrer Hilfe werden wir dafür argumentieren, dass narrative Literatur einerseits die Kraft hat, ihre Rezipient:innen zu ermächtigen: Sie macht Ungesehenes sichtbar, indem sie neue Perspektiven auf das eröffnet, was der Fall ist und darauf, was sein könnte. Mit Blick auf ersteres kann sie bei ihren Leser:innen ein tieferes Verständnis der eigenen Identität, ihrer sozialen Verortung sowie den damit einhergehenden Begrenzungen hervorrufen und als hermeneutisches Vorbild fungieren. Mit Blick auf letzteres stellen literarische Werke Exempel der Einbildungskraft dar, weil sie Reflexionen über die Möglichkeit der Verschiebbarkeit dieser Grenzen und somit über andere Lebens- und Gesellschaftsentwürfe auslösen können. Ganz besonders gilt dies für Werke, in denen marginalisierte oder tabuisierte Erfahrungen zum Ausdruck gebracht werden. Doch andererseits bergen literarische Werke auch die Gefahr, dass durch die Darstellung bestimmte, bestehende gesellschaftliche Verhältnisse normalisiert werden, insofern das, was als vorstellbar erscheint und das, über das geschwiegen wird, sich gerade innerhalb vorherrschender – imaginärer wie hermeneutischer – Grenzen bewegt. Literatur kann somit auch zur Verschleierung bestehender Machtverhältnisse beitragen und den Möglichkeitssinn der Leser:innen blockieren, indem sie nahelegt, herrschende gesellschaftliche Normen zu internalisieren. Hieraus ergibt sich, dass narrative Literatur nicht nur divers sein muss, um ermächtigend zu sein, sie muss auch auf bestimmte Weise rezipiert werden: nicht passiv konsumierend und gedanklich reproduzierend, sondern im Modus kritischen Selbstdenkens und im Sinne der adaptiven Nachfolge.

English version

On the basis of Kant’s reflections on aesthetic judgement, we show why literature can be a special source of knowledge: Literature does not mediate discursively, but exemplarily. Because of its sensible-intellectual character, it encourages taking other standpoints and can initiate action. This not only harbours potential, but also perils. Yet, according to our exegetical thesis, Kant only recognises some of these, especially because he fails to consider the socio-political context of writing and reading. At the same time, Kant’s position on exemplarity offers resources for further systematic thinking. Using these resources, we will argue that narrative literature bears the force to empower its recipients: it makes the invisible visible by disclosing new perspectives on what is and what could be. With regard to the former, it can evoke in its readers a deeper understanding of their own identity, their social location and its limitations, and act as a hermeneutic model. With regard to the latter, literary works are examples of imagination. They can provoke reflection on the possibility of shifting these boundaries towards other concepts of life and society. This is particularly true of works that express experiences, which are marginalised or considered taboo. However, literary works can also normalize existing social conditions by depicting them, as these very conditions define what is considered imaginable and what remains unspoken within the dominant interpretive framework. Literature can thus also contribute to the concealment of existing power relations and block the reader’s sense of what is possible by encouraging him or her to internalise prevailing social norms. Consequently, narrative literature must not only be diverse in order to be empowering, it must also be received in a certain way: not passively consumed and mentally reproduced, but in the mode of critical self-reflection and emulation.

Downloads

Ausgabe

Rubrik

Schwerpunkt: Exemplarität und Einbildungskraft

Zitationsvorschlag

Das Exemplarische der Literatur zwischen Ermächtigung und Unterwerfung. (2025). Zeitschrift für Praktische Philosophie, 12(1). https://doi.org/10.22613/zfpp/12.1.9