Selbstexemplarität in sozialen Medien

Ein Zugang zur digitalen Selbstpräsentation mit Hannah Arendt

Autor:innen

  • Katharina Zöpfl

Schlagwörter:

digitale Selbstpräsentation, Hannah Arendt, soziale Medien, narrative Identität, Selbstexemplarität

Key words:

self-exemplarity, digital self-presentation, Hannah Arendt, social media, narrative identity

Abstract

Dieser Beitrag untersucht digitale Selbstpräsentation in sozialen Medien anhand des Begriffs der Selbstexemplarität, der durch Hannah Arendts Konzept der Exemplarstruktur und ihre Reflexion über das Wer der Person inspiriert ist. Es wird die These vertreten, dass sich im digitalen Raum eine spezifische Form der Selbstpräsentation entfaltet, die über Arendts Begriff der Selbstpräsentation hinausgeht. Hierzu werden die Begriffe der Selbstexemplarität, des Selbstexempels und des Selbstexemplars eingeführt. Selbstexemplarität ist kein ausschließlich digitales Phänomen, doch das Digitale verändert die Bedingungen und Auswirkungen dieses Prozesses grundlegend. Während sich analoge Selbstexemplarität in flüchtigen Momenten der Interaktion mit der Mitwelt vollzieht, entstehen im Digitalen fortlaufend Selbstexemplare – konkrete, sicht- und haltbare Artefakte wie Posts, Bilder oder Videos. Diese Selbstexemplare formen das digitale Selbst und können immer wieder bearbeitet und angepasst werden. Das Selbstexempel hingegen ist das idealisierte Bild der eigenen Person, das als Orientierungspunkt dient und durch die Gesamtheit der Selbstexemplare geformt wird. Selbstexemplarität beschreibt die Dynamik dieses Wechselspiels: den kontinuierlichen Prozess der Selbstdarstellung und Selbstgestaltung im digitalen Raum. Im Begriff der Selbstexemplarität zeigt sich eine zentrale Verschiebung im Verständnis von Exemplariät: Während gängige Theorien davon ausgehen, dass sich Individuen an anderen orientieren und diese als Vorbilder nehmen, zeichnet sich digitale Selbstexemplarität dadurch aus, dass das eigene Selbstbild zum Maßstab wird. In diesem Prozess fungiert das digitale Profil als Selbstexempel, das kontinuierlich an der imaginierten Perspektive der digitalen Öffentlichkeit ausgerichtet wird. Es wird gezeigt, dass diese Dynamik der Selbstexemplarität nicht nur die digitale, sondern auch die analoge Existenz der Person beeinflusst.

English version

This article analyses digital self-presentation in social media using the concept of self-exemplarity. This term is inspired by Hannah Arendt's concept of the exemplar structure and her reflection on the ‘who’ of a person. The present article develops the thesis that in the digital space a specific form of self-presentation unfolds that goes beyond Arendt's concept of self-presentation. To this end, the concepts of self-exemplarity, self-example and self-exemplar are introduced. The phenomenon of self-exemplarity is not exclusively one of the digital space. However, the digital sphere changes the conditions and effects of this process fundamentally. While self-exemplarity in offline daily practices takes place in fleeting moments of interaction with the world around us, digital self-exemplars – concrete, visible artefacts such as posts, images or videos – are constantly and actively created. These self-examples shape the digital self and can be edited and adapted continuously. A specific resulting “Selbstexempel” is the idealised image of oneself that serves as a point of reference and is shaped by the entirety of the self-examples. Self-exemplarity describes the dynamics of this interplay: the continuous process of self-presentation and self-shaping in the digital space. The concept of self-exemplarity reveals a central shift in the understanding of exemplarity: while traditional forms assume that individuals orientate themselves towards others and use them as role models, digital self-exemplarity is characterised by the fact that one's own self-image becomes the benchmark. In this process, the digital profile functions as a self-example that is continuously aligned with the imagined perspective of the digital public. The article shows that this dynamic of self-exemplarity influences not only the digital, but also the “offline” existence of the person.

Downloads

Ausgabe

Rubrik

Schwerpunkt: Exemplarität und Einbildungskraft

Zitationsvorschlag

Selbstexemplarität in sozialen Medien: Ein Zugang zur digitalen Selbstpräsentation mit Hannah Arendt. (2025). Zeitschrift für Praktische Philosophie, 12(1). https://doi.org/10.22613/zfpp/12.1.10