Ein vorbildliches Scheitern der Einbildungskraft?
Günther Anders über das Exempel Eatherly
Schlagwörter:
Einbildungskraft, Phantasie, Atombombe, Scheitern, Günther AndersKey words:
Imagination, Phantasy, Atomic Bomb, Failure, Günther AndersAbstract
Warum sollten wir uns mithilfe der Einbildungskraft ein Beispiel an jemandem nehmen, der sich durch ein Scheitern der eigenen Einbildungskraft auszeichnete? Claude Eatherly, Pilot der Wetteraufklärung für die Atombombe auf Hiroshima, versuchte im Nachhinein, sich die Folgen seines Handelns vorzustellen – und scheiterte. Für den Philosophen Günther Anders gilt Eatherly daher als Beispiel für das heute übliche Auseinanderfallen von dem, was wir Menschen herstellen, und dem, was wir uns vorstellen können: Eatherly konnte sehr wohl zum Atomtod beitragen, obwohl oder gerade weil er ihn sich nicht vorstellen konnte. Darin wird er zum augenöffnenden Exempel für einen weit verbreiteten Mangel an Einbildungskraft, dafür dass Menschen auf eine neue Weise ‚schuldig‘ werden können, weil sie nicht mehr annähernd fähig sind, die Folgen ihres Handelns in ihrem Ausmaß abzusehen. Denn die technischen Möglichkeiten übersteigen die mitgebrachten Auffassungskräfte bei weitem. Zwar dürfte unsere Einbildungskraft durchaus in der Lage sein, uns an Eatherlys Stelle zu imaginieren, da deren Begrenzung nach Anders erst bei den zu großen, jenseits der Einbildungskraft liegenden Folgen einsetzt. Allerdings kann Eatherly bei Anders nicht allein als Exempel für das Scheitern der Einbildungskraft fungieren, wenn er eine ‚Gegenfigur‘ zu Adolf Eichmann darstellen soll. Entsprechend argumentiere ich im Folgenden dafür, dass Eatherly für Anders nicht allein wegen seines symptomatischen Vorstellungsdefizits ein Beispiel ist, sondern darüber hinaus, weil er als einer der wenigen im Nachhinein versucht hat, sein Handeln mit der Einbildungskraft einzuholen. Eatherlys Anstrengungen der Einbildungskraft und sein Eingeständnis des Scheiterns sind damit beispielhaft für Anders’ Forderung einer ‚Ausbildung moralischer Phantasie‘. Mit diesem Begriff beschreibt Anders die Anstrengung der Einbildungskraft, die angesichts des Vernichtungspotenzials der Technik geboten ist. Dabei ist jedoch kritisch anzumerken, dass Anders selbst in der Deutung des Falls einen entscheidenden Teil beigetragen hat – was nicht nur auf die Rolle des Dialogs, sondern auch auf das Potenzial einer gemeinsamen Phantasieanstrengung verweisen dürfte.
Why should we use the power of imagination to take an example from someone who was characterised by the failure of his own imagination? Claude Eatherly, a weather reconnaissance pilot of the atomic bombing of Hiroshima, tried to imagine the consequences of his actions in retrospect – and failed. For the philosopher Günther Anders, Eatherly is therefore an example of the common divergence today between what we humans produce and what we can imagine: Eatherly could very well contribute to atomic death, although or precisely because he could not imagine it. In this he becomes an eye-opening example of a widespread lack of imagination, of the fact that people can become ‘guilty’ in a new way because they are no longer even able to foresee the extent of the consequences of their actions – the technical possibilities far exceed the powers of imagination we bring with us. It is true that our imagination may well be capable of imagining ourselves in Eatherly’s place, since, according to Anders, its limitations only set in when the consequences are too great and lie beyond the power of imagination. However, for Anders, Eatherly cannot function solely as an example of the failure of imagination if he is to represent a ‘counter-figure’ to Adolf Eichmann. Accordingly, I argue that Eatherly is an example for Anders not only because of his symptomatic lack of imagination, but secondly because he was one of the few who subsequently tried to catch up with his actions using imagination. Eatherly’s endeavours of imagination and his admission of failure are thus exemplary for Anders’ demand for a ‘formation of moral imagination’. Anders uses this term to describe the effort of imagination required in view of the destructive potential of technology. However, it should be critically noted that Anders himself contributed to the example in the interpretation of the case, which should not only point to the role of dialogue, but also to the potential of a joint imaginative effort.
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