Anmerkungen zur Bedeutung der „Judenfrage" in der klassischen Deutschen Philosophie.

Die philosophische Transformation eines protestantischen Legitimationsproblems

Autor:innen

  • Hannah Peaceman Friedrich-Schiller-Universität Jena

Schlagwörter:

selbstkritische Philosophie, Judentum, Antisemitismus, Kant, Hegel

Key words:

self-critical philosophy, Judaism, Antisemitism, Kant, Hegel

Abstract

In der klassischen Deutschen Philosophie finden sich vielfältige, teils widersprüchliche Bezugnahmen auf das Judentum und die Juden. Im Hintergrund stehen politische und theologische Debatten um die sog. Judenfrage, die den Übergang von der späten Ständegesellschaft zur frühen bürgerlichen Gesellschaft prägen. Gemessen an den vielfältigen darauf Bezug nehmenden Reflexionen der Philosophen dieser Zeit, spielt die „Judenfrage“ für die systematische Interpretation ihrer philosophischen Texte eine eher marginale Rolle.

Das Anliegen dieses Textes ist, ein spezifisches Strukturmoment des Antijudaismus in philosophischen Texten im Übergang von der Ständegesellschaft zur bürgerlichen Gesellschaft herauszuarbeiten und auf dessen Tradierung zu reflektieren: Es zeigt sich an widersprüchlichen Bezugnahmen auf das Judentum in philosophischen Texten, in denen es zugleich gewürdigt und abgewertet wird.

In gesellschaftsanalytischer Perspektive im Anschluss an Adornos „Modelle“ und Horkheimers Überlegungen zur einer kritischen Philosophiegeschichtsschreibung werden in diesem Aufsatz zwei Textstellen aus Kants „Kritik der Urteilskraft“ und Hegels „Grundlinien der Philosophie des Rechts“ untersucht, an denen diese widersprüchliche Bezugnahme auf das Judentum zu Tage tritt. Die These ist, dass sich sowohl in Kants als auch in Hegels Bezügen auf das Judentum eine zugrundeliegende Dialektik zwischen Christentum und Judentum herausarbeiten lässt, in der ein christlich-protestantische Legitimationsproblem zu Tage tritt: liegen die Wurzeln des Christentums im Judentum, andererseits muss das Christentum sich abgrenzen, um seine Eigenständigkeit zu demonstrieren. Anhand der Dialektik lässt sich die protestantische Situierung der Perspektive auf das Judentum sichtbar machen, die Kants und Hegels Philosophien prägt. Dies führt zu einem einschließenden Ausschluss des Judentums, das nur im Verhältnis zum Christentum, nicht aber in seiner Eigenständigkeit einen Platz hat.

In gesellschaftsanalytischer Perspektive wird argumentiert, dass die Bezugnahmen auf das Judentum bei Kant und Hegel die jeweils leitenden Fortschrittsgedanken plausibilieren: das Judentum bzw. die Juden bilden ein kontrastierendes Konstrukt als rückständig im Vergleich zum Christentum. Die Kompatibilität des Christentums mit dem Fortschritt der aufgeklärten bzw. bürgerlichen Gesellschaft wird darüber herausgestellt. Durch die Verknüpfung mit als neutral erscheinenden abstrakten Begriffe wie der Vorstellung der Moralität (Kant) und der Religion (Hegel) erfährt der Fortschrittsgedanke und damit die Hierarchisierung der Religionen philosophisch vermittelt Legitimation.

English version

In classical German philosophy, there are diverse and sometimes contradictory references to “Judaism” and “the Jews.” Their context are political and theological debates surrounding the so-called Jewish question which shaped the transition from late feudal society to early bourgeois society. Compared to the reflections on this topic we find in philosophical writings of this period , the “Jewish question” plays a marginal role in their systematic interpretation.

The aim of this essay is to identify a specific structural aspect of Antijudaism in texts of this period and its transformation: Subject of inquiry are contradictory references to Judaism in philosophical texts in which it is simultaneously honored and devalued.
From a socio-analytical perspective, building on Adorno’s “models” and Horkheimer’s reflections on a critical historiography of philosophy, this essay examines two passages from Kant’s “Critique of Judgment” and Hegel’s “Principles of the Philosophy of Right” in which the contradictory reference to Judaism comes to light.
The claim is that an underlying dialectic between Christianity and Judaism can be identified in both Kant’s and Hegel’s references to “Judaism”. It reveals a Christian-Protestant problem of legitimacy: on the one hand, Christianity has its roots in Judaism; on the other hand, it must distinguish itself from Judaism to demonstrate its autonomy. This dialectic makes visible the Protestant framing of the perspective on Judaism that shapes Kant’s and Hegel’s philosophies. It leads to an inclusive exclusion of Judaism which has a place only in its function in relation to Christianity, but not in its autonomy.

From a socio-analytical perspective, it is argued that Kant’s and Hegel’s references to Judaism lend plausibility to their respective ideas of progress: Judaism and the Jews, serve as a contrasting construct, regressive in comparison to Christianity. This serves to highlight the compatibility of Christianity with Enlightenment and bourgeois society. By linking this hierarchy to abstract concepts that appear neutral — such as the imagination of morality (Kant) and religion (Hegel)—the idea of progress, and thus the hierarchization of religions, gains philosophical legitimacy.

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Ausgabe

Rubrik

Schwerpunkt: Philosophie und Antisemitismus
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Zitationsvorschlag

Peaceman, Hannah. 2026. “Anmerkungen Zur Bedeutung Der „Judenfrage" in Der Klassischen Deutschen Philosophie.: Die Philosophische Transformation Eines Protestantischen Legitimationsproblems”. Zeitschrift für Praktische Philosophie 13 (1). https://doi.org/10.22613/zfpp/13.1.12.

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