Call for Papers: Vertrauensfragen: Digitalisierung und Künstliche Intelligenz

25.03.2022

Schwerpunktherausgeberin: Karoline Reinhardt

Vertrauen stellt einen Grundbestand menschlichen Lebens dar: „Ohne jegliches Vertrauen“ könne man, so heißt es bei Luhmann, „morgens sein Bett nicht verlassen“ (Luhmann 2014, 1). Seit dem 18. Jahrhundert sind Vertrauensfragen dabei zu einem wesentlichen Thema in allen sozialen und politischen Beziehungen geworden (Frevert 2013): Sie stellen sich in Freundschafts- und Liebesbeziehungen, zwischen Patient:innen und behandelnden Mediziner:innen, in Bildungs- und Ausbildungszusammenhängen, in der Arbeits- und Wirtschaftswelt, selbst im Verhältnis zu Technologien (vgl. Simon 2020).

Was aber ist Vertrauen eigentlich? In der Philosophie ist Vertrauen ein umstrittenes Konzept (Hawley 2014; McLeod 2020): Ist es ein Gefühl, eine Haltung, ein Zustand? Ist Vertrauen eine Einstellung? Ist es eine Überzeugung? Eine Tugend? Eine Praxis (Hartmann 2011)? Häufig werden interpersonelle Vertrauensbeziehungen als paradigmatischer Fall des Vertrauens verstanden (McLeod 2020). Für manche beschränkt sich der Begriff des Vertrauens dabei nicht allein auf das Verhältnis von Einzelpersonen zueinander, sondern sei auch auf Gruppen anwendbar (Hawley 2017). Andere weiten den Begriff aus auf Vertrauen in Institutionen (Budnik 2018), was vor allem in den Sozial- und Politikwissenschaften eine lange Tradition hat. Vertrauen in diesem Sinne kann sich auf Banken oder das Rechtssystem beziehen, oder auch auf das Prinzip der Gewaltenteilung (vgl. Reemtsma 2008). Wieder andere argumentieren, dass auch Technologien ein Objekt von Vertrauen sein können (Taddeo & Floridi 2011).

Jüngst wird dabei insbesondere ein Vertrauenskomplex intensiv diskutiert: Vertrauen in Künstliche Intelligenz (KI) sowie deren Anwendungen. Nach der Veröffentlichung der Ethikleitlinien für vertrauenswürdige KI der Europäischen Union durch die High Level Expert Group (HLEG) für Künstliche Intelligenz im Dezember 2018 steht der Begriff des Vertrauens im Mittelpunkt der Debatte über die ethische Gestaltung von KI (Floridi 2019). Aber: Sollte Vertrauen überhaupt unsere Haltung gegenüber Künstlicher Intelligenz bestimmen? Da den meisten Menschen die Funktionsweise von algorithmischen Systemen oder Deep-Learning-Techniken nicht geläufig ist, welche Anhaltspunkte sind für sie notwendig, um zu beurteilen, ob sie einem bestimmten Algorithmus vertrauen sollten? Welche Rolle spielen hierbei Erklärungen? Vor welche besonderen Herausforderungen stellen uns digitale Technologien mit Hinblick auf Vertrauen und Mistrauen?

Aber Vertrauen in KI ist, wenn auch ein wichtiger, nicht der einzige Anwendungsfall für besondere Vertrauensfragen im Verhältnis zu digitalen Technologien: Digitale Handlungsräume stehen vor ganz eigenen Herausforderungen hinsichtlich der Bildung von Vertrauensbeziehungen; sie verfügen aber auch über herausragende Potentiale in diesem Feld. Was genau unterscheidet Vertrauensbeziehungen in digitalen und in analogen Interaktionen? Welche moralischen Verpflichtungen gehen mit diesen jeweils einher?

Schließlich ermöglicht uns Vertrauen nicht nur viel; es macht uns auch verletzlich: Vertrauen macht uns angreifbar und setzt uns zahlreichen Risiken aus (Baier 1986). Welche Implikationen haben diese Beobachtungen mit Hinblick auf die normative Bewertung von Vertrauen, insbesondere mit Hinblick auf digitale Technologien wie KI?

 

Mögliche Themen und Fragestellungen für die Beiträge sind:

  1. Vertrauen in KI: Wie müssen wir Vertrauen in KI begreifen? Ist es ein Gefühl, eine Haltung ein Zustand? Ist Vertrauen eine Einstellung? Ist es eine Überzeugung? Eine Tugend? Sind digitale Technologien wie Algorithmen, die auf maschinellem Lernen beruhen, angemessene Objekte von Vertrauen? Wann ist Vertrauen in KI gerechtfertigt? Kann Vertrauen in KI überhaupt gerechtfertigt sein?
  2. Vertrauen digital: Vor welchen besonderen Herausforderungen steht Vertrauen in digitalen Handlungsräumen? Was unterscheidet „digitales“ von „analogem“ Vertrauen? Welche moralischen Pflichten gehen mit diesem einher? Welche Herausforderungen? Welche Potentiale?
  3. Ambivalenzen des Vertrauensbegriffs und Vertrauenskritik: Welche Gefahren gehen mit Vertrauen in digitalen Räumen und in digitale Technologien einher? Welche Implikationen haben diese für die normative Bewertung von Vertrauen? Sollte Vertrauen unsere Haltung gegenüber Künstlicher Intelligenz (KI) bestimmen? Welche politischen und sozialen Implikationen hat die Forderung nach Vertrauen in eine Technologie, die allgegenwärtig und doch opak ist?

Die Einreichungsfrist für die Beiträge ist der 31.1.2023. Die Veröffentlichung des Schwerpunkts ist für Dezember 2023 geplant. Die Einreichung erfolgt über die Homepage der ZfPP https://www.praktische-philosophie.org/zfpp/schwerpunkte. Informationen zu Umfang und Gestaltung des Manuskripts finden Sie hier: www.praktische-philosophie.org.

Bei Rückfragen, insbesondere zur thematischen Ausrichtung der Beiträge, kontaktieren Sie gern die Schwerpunktherausgeberin: Karoline Reinhardt (karoline.reinhardt@uni-tuebingen.de).

Zitierte Literatur:

Baier, Annette (1986): Trust and Antitrust, in: Ethics 96 (2), S. 231-260.

Budnik, Christian (2018): Trust, Reliance, and Democracy, in: International Journal of Philosophical Studies, 26 (2), S. 221–239.

Floridi, Luciano (2019): Establishing the rules for building trustworthy AI, in: Nature Machine Intelligence 1, S. 261–262.

Frevert, Ute (2013): Vertrauensfragen. Eine Obsession der Moderne, München.

Hartmann, Martin (2011): Die Praxis des Vertrauens, Berlin.

Hawley, Katherine (2014): Trust, Distrust and Commitment, in: Noûs 48 (1), S. 1-20.

Hawley, Katherine (2017): Trustworthy Groups and Organisations, in: Paul Faulkner and Tom Simpson (Hrsg.): The Philosophy of Trust, S. 230-249.

Luhmann, Niklas (2014): Vertrauen, Konstanz/München.

McLeod, Carolyn (2020): „Trust“, in: The Stanford Encyclopedia of Philosophy (Fall 2021 Edition), Edward N. Zalta (ed.), URL = <https://plato.stanford.edu/archives/fall2021/entries/trust/>.

Oreskes, Naomi (2019): Why trust Science? Princeton/NJ.

Reemstma, Jan Phillipp (2008), Vertrauen und Gewalt. Versuch über eine besondere Konstellation der Moderne, Hamburg.

Simon, Judith (2020, Hrsg.): The Routledge Handbook of Trust and Philosophy, London.

Taddeo, Mariarosaria & Floridi, Luciano (2011): The Case for E-Trust, in: Ethics and Information Technology 13, S. 1-3