Call for Papers: Schwerpunkt "Zeit und das gute Leben"

18.01.2022

Schwerpunktherausgeber:innen: Anne Clausen, Andrea Klonschinski und Mark Schweda

Menschen sind zeitliche Wesen: Wir werden geboren und sterben, und unser Leben weist eine eigene zeitliche Struktur auf. Dazu gehört die Gerichtetheit und Unumkehrbarkeit des Lebensverlaufs sowie seine Einteilung in Stadien, die wir mithilfe von Konzepten wie „Kindheit“, „Jugend“ und „Alter“ fassen. Darüber hinaus stehen wir in unserer Gegenwart zugleich in einem Verhältnis zu unserer (individuellen und kollektiven) Vergangenheit und Zukunft und beziehen uns auf sie.

 

Diese vielschichtigen zeitlichen Strukturen bilden einen unhintergehbaren Hintergrund unserer Lebensführung. Unser alltägliches Erleben ist geprägt durch Erfahrungen der Eile, Langeweile oder des Aufgehens im gegenwärtigen Moment. Zentrale Fragen, etwa danach, welchen Beruf wir ergreifen, ob wir eine Familie gründen oder eine private Rentenversicherung abschließen sollen, entscheiden wir nicht zuletzt in dem Bewusstsein, an einem bestimmten (Zeit-)Punkt im Leben zu stehen und in einem bestimmten Zeithorizont zu handeln und zu leben. Die Konfrontation mit dem Tod von Freunden und Angehörigen gemahnt uns schließlich an unsere Endlichkeit und wirft auch bei Menschen, die sich nicht professionell mit Philosophie beschäftigen, Fragen nach dem Sinn des Lebens und danach auf, was ein gutes Leben ausmache.

 

Angesichts der zentralen Bedeutung, die die zeitliche Struktur des Lebens für sein Gelingen hat, ist es umso erstaunlicher, dass Fragen der Zeitlichkeit in der zeitgenössischen philosophischen Literatur zum guten Leben zumeist nur am Rande thematisiert werden. Hier setzt der geplante Schwerpunkt in der Zeitschrift für Praktische Philosophie an. Er soll einen Beitrag zur systematischen Erschließung des Zusammenhangs von Zeit und gutem Leben leisten. Dazu gehört neben der Herausarbeitung der Bedeutung von Zeit und Zeitlichkeit für Konzepte des guten, sowohl subjektiv glücklichen und erfüllten als auch objektiv gelingenden und sinnvollen Lebens auch die theoretische Auffächerung verschiedener relevanter Dimensionen der Zeitlichkeit mit Blick auf ein gutes Leben sowie die evaluativ oder normativ ausgerichtete Erörterung von zeitlichen Bedingungen und Strukturen eines guten Lebens.

 

Mögliche Themen und Fragestellungen für Beiträge sind:

1.      Zeit und gutes Leben
  • Welche Rolle spielt Zeit für ethische Konzepte wie Glück, Wohlergehen, Lebensqualität, Gedeihen („flourishing“) oder Sinn? Wie verhalten sich hedonistische, subjektivistische und objektivistische Konzeptionen guten Lebens zum Faktor Zeit?
  • Wie hängen Konzeptionen eines guten Lebens mit Vorstellungen von Lebenszyklen oder Lebensstadien wie etwa Kindheit und Alter zusammen? Welche Rolle spielen grundlegende zeitliche Aspekte wie Natalität, Mortalität, Linearität oder Irreversibilität für Konzeptionen des guten Lebens?
  • Wie sieht ein gelingender Umgang mit Zeit im Rahmen eines guten Lebens aus?

 

2.      Entscheidung(stheorie), Zeit und gutes Leben
  • Welche Rolle spielt die Zeitlichkeit und grundlegende Irreversibilität unserer Existenz in Bezug auf Lebensentscheidungen?
  • Wie lassen sich zukunftsbezogene Entscheidungen unter Unsicherheit fassen und begreiflich machen, die das gute Leben zentral betreffen (z.B. transformative Erfahrungen nach Laurie A. Paul)?
  • Wie werden Konzepte wie Planung, Steuerung und Optimierung von der Zeitlichkeit des Lebens beeinflusst?

 

3.      Zeiterleben, Narrativität und gutes Leben
  • Wie ist der Zusammenhang zwischen subjektivem Zeiterleben und gutem, gelingenden Leben? Welche Bedeutung kommt z.B. unterschiedlichen Weisen des Zeiterlebens wie Flow-Erleben, Stress oder Langeweile zu?
  • Welche Bedeutung hat Narrativität für die gelingende Gestaltung der Lebenszeit? Wie wirken Narrative guten Lebens auf das Zeiterleben zurück?
  • Welche Rolle spielen Kohärenz und Integrität einerseits sowie Diskontinuitäten und Brüche andererseits für das gute Leben?

 

4.    Individuelle, intersubjektive und kollektive Zeit:
  • Welche Rolle spielt Zeit für gelingende zwischenmenschliche Beziehungen? Inwiefern sind diese Beziehungen selbst zeitlich zu fassen?
  • Wie verhält sich das gute Leben des Individuums in der Zeit zur Zeitordnung der familialen und gesellschaftlichen Generationen?
  • Inwiefern hängt das Gelingen des individuellen Lebens in der Zeit mit kollektiven Dimensionen wie der historischen und öffentlich geteilten Zeit zusammen? Welche Bedeutung kommt hier Kategorien wie z.B. „Synchronisation“, „Beschleunigung“ bzw. „Entschleunigung“ zu?

 

Die Einreichungsfrist für die Beiträge ist der 30. August 2022. Die Einreichung erfolgt über die Homepage der ZfPP https://www.praktische-philosophie.org/zfpp/schwerpunkte. Informationen zu Umfang und Gestaltung des Manuskripts finden Sie hier: www.praktische-philosophie.org.

Bei Rückfragen, insbesondere zur thematischen Ausrichtung der Beiträge, kontaktieren Sie gern die Schwerpunktherausgeber:innen Anne Clausen (anne.clausen@uni-goettingen.de), Andrea Klonschinski (andrea.klonschinski@med.uni-goettingen.de) und Mark Schweda (mark.schweda@uni-oldenburg.de).