Call for Papers: Schwerpunkt "Polyamorie"

08.02.2022

Schwerpunktherausgeber:innen: Janina Loh und Michael Kühler

Die Vorstellung, dass wir mehrere Menschen zugleich lieben können, wird in modernen, zumeist westlich geprägten Gesellschaften zugleich als fast trivialerweise wahr anerkannt, als auch als nahezu absurd abgelehnt. Während beispielsweise kein Zweifel daran besteht, dass wir zugleich unsere Eltern und Geschwister sowie umgekehrt Eltern alle ihre Kinder lieben oder wir mehrere enge und tiefe Freundschaften haben können, ist die gesellschaftlich vorherrschende Auffassung von romantischer Liebe weitgehend von der Idee geprägt, dass es sich ausschließlich um exklusive Zweierbeziehungen handeln könne. Bereits ein flüchtiger Blick auf die Populärkultur sollte dies bestätigen. Um nur ein aktuelles Beispiel zu nennen: In der von Howard Overman, Hannah Ware und Stephen Campbell Moore geschriebenen Netflix Serie The One - Finde Dein Perfektes Match (Großbritannien 2021) wird die tradierte Vorstellung von Monogamie sogar – auf hanebüchene Weise – biologistisch begründet. Die zentrale Idee der Serie lässt sich so zusammenfassen, dass genau zwei Menschen auf diesem Planeten über ihre DNA als perfekte Partner*innen identifiziert, oder, um es im Vokabular der Serie auszudrücken, gematcht werden können. Exklusivität sei also genetisch eindeutig nachweisbar. The One zeigt daher einmal mehr, dass sich die Idee der Monogamie hartnäckig bis in die Gegenwart hält, obwohl zahlreiche Studien längst belegt haben, dass sie nicht nur historisch vergleichsweise jung ist, sondern auch zu keinem Zeitpunkt der Geschichte als alternativlos verstanden wurde.

Tatsächliche gibt es viele Alternativen zur Monogamie. Mit der vermutlich berühmtesten, der Polyamorie, wollen wir uns in diesem Schwerpunkt der Zeitschrift für Praktische Philosophie befassen. In zumal der deutschsprachigen Philosophie der Liebe hat der Begriff und die Praxis der Polyamorie bislang jedoch keine allzu große Aufmerksamkeit auf sich gezogen, obschon es zweifellos genügend Fragen gibt, die philosophisch interessant und praktisch relevant sind. Das Wort »Polyamorie« ist ein griechisch- lateinischer Hybrid (griech. polýs, viel/mehrere; lat. amor, Liebe) und die Bezeichnung für das zeitgleiche und konsensuelle Eingehen mehrerer Liebesbeziehungen. »Polycule« (Sheff 2015) ist das englische Kunstwort für eine ganze Reihe deutscher Ausdrücke für polyamore Beziehungsmodelle wie etwa auch »konsensuell-nichtmonogames Beziehungsnetzwerk« (Raab 2019), »Sorgegemeinschaft«, »Wahlfamilie« oder »Polykül« (Raab/Schadler 2020).

Das diesem ZfPP-Schwerpunkt zugrundeliegende Verständnis von Polyamorie umfasst somit zwei Bestandteile, nämlich zum einen, dass es sich dabei tatsächlich um eine Konstellation aus Liebesbeziehungen handelt. Zum anderen lehnt dieses Verständnis von Polyamorie jede Form von Betrug oder Fremdgehen ab. Es bedarf irgendeiner Form der gemeinsamen Absprache, damit eine fragliche Gemeinschaft mehrerer Beziehungen tatsächlich als polyamor gelten kann. So verstanden umfasst Polyamorie folglich eine Art “erweiterter Exklusivität” zwischen allen beteiligten Personen.

Diese allgemeine Definition von Polyamorie als das zeitgleiche und konsensuelle Eingehen mehrerer Liebesbeziehungen wirft nun eine ganze Reihe begrifflicher Fragen auf, die einen Teil dieses ZfPPSchwerpunkts ausmachen. Es bleibt etwa zu klären, in welchem Verhältnis Polyamorie zu anderen Konzepten nicht-monogamer Beziehungsformen wie etwa Promiskuität, offene Beziehung, Swinging, Polygamie, Polyandrie oder Polygynie steht. Zudem verlangt die Vorstellung von Liebe, die der Polyamorie zugrunde liegt, einer näheren Betrachtung – zumal innerhalb eines Polycules gar mehrere unterschiedliche Liebeskonzeptionen wirkmächtig sein können. Können bspw. sexuelle Beziehung (Promiskuität, Swinging) auch als Liebesbeziehungen verstanden werden? Wie sieht es mit Freundschaften und familiären Beziehungen aus? Polyamorie steht in einem offensichtlichen Spannungsverhältnis mit dem für gewöhnlich der romantischen Liebe zugeschriebenen Exklusivitätsanspruch, der für Freundschaften und familiäre Beziehungen nicht zu gelten scheint. Und schließlich bedarf eine begriffliche Analyse der Polyamorie eine Auseinandersetzung damit, was es heißt, eine Beziehung, insb. eine Liebesbeziehung, einzugehen. Können lediglich Menschen mit anderen Menschen in polyamoren Beziehungskonstellationen leben, oder sind Polycules aus Menschen und Nichtmenschen (Tieren, Pflanzen, Objekten) ebenso denkbar?

Neben diesen und weiteren begrifflichen Fragen stellt uns die polyamore Beziehungsform auch vor normative und praktische Herausforderungen, denen der zweite Teil dieses ZfPP-Schwerpunkts gewidmet ist. Zunächst bleibt zu klären, wie sich die oben genannten verwandten Beziehungsmodelle wie die offene Beziehung und andere in praktischer Hinsicht von der Polyamorie unterscheiden, bzw. mit welchen alltagspraktischen Schwierigkeiten polyamore Beziehungsmodelle im Vergleich zu anderen nicht-monogamen Beziehungsformen konfrontiert sind. Hiermit sind in einem ersten Schritt einem Polycule inhärente, also interne Herausforderungen angesprochen wie etwa Grenzen der eigenen Aufmerksamkeit, Zeit und Zuwendung. Wie ist mit Eifersucht umzugehen, wie mit Fernbeziehungen und wie mit Transparenz nach außen? Wie können unterschiedliche Bedürfnisse der jeweiligen Partner*innen gewichtet werden, ohne in Konkurrenz zueinander zu stehen, wenn Zeit, Raum und ökonomische Ressourcen offensichtlich begrenzt sind?

Schließlich korrelieren mit polyamoren Beziehungskonstellationen, so wird es zumindest häufig gesehen, spezifische ethische Vorstellungen mit Blick auf die Beziehungsgestaltung. Es stellt sich also die Frage, ob es eine spezifische Ethik der Polyamorie gibt und wie sie ggf. auszuformulieren wäre.

Spätestens der ethische Blick eröffnet dann auch schließlich die Perspektive auf die Gesellschaft, in die ein Polycule eingebettet ist. In einem zweiten Schritt werden also in diesem Teil des ZfPP-Schwerpunkts externe Herausforderungen diskutiert. Denn für gewöhnlich schließen polyamore Beziehungskonstellationen auch das Teilen gesellschaftspolitischer Prämissen ein, Gerechtigkeitsfragen und Annahmen über die Einbettung von polyamoren Gemeinschaften in die gegebenen sozialen, rechtlichen und gesellschaftlichen Strukturen. Hat nicht die umfassende Akzeptanz der Polyamorie als einer möglichen Alternative zur Monogamie in der Konsequenz gesellschaftliche Umwälzungen zur Folge, die mit gutem Recht als revolutionär bezeichnet zu werden verdienen?

Basierend auf diesen Fragenkomplexen sollen die Beiträge im Schwerpunkt die (insbesondere deutschsprachige) Debatte in der Philosophie der Liebe um eine aktuelle Diskussion der Polyamorie in ihren verschiedenen Facetten bereichern.

Begriffliche Herausforderungen

● Definition von Polyamorie

● Polyamorie vs. andere Konzepte nichtmonogamen Lebens (Promiskuität, Polygamie, etc.)

● Polyamorie und Konsens in einer polyamoren Gemeinschaft

● Verständnis(se) von Liebe in einem Polycule

● Beziehungskonzept(e) der Polyamorie

● Unterscheidung zwischen Liebe und Verliebtheit

● Unterscheidung zwischen Liebe und Sex

Praktische und normative Herausforderungen

● Praktische Unterscheidung zwischen Polyamorie und anderen nichtmonogamen Beziehungsformen (Promiskuität, Polygamie, offene Beziehung etc.) bzw. alltagspraktische Schwierigkeiten der Polyamorie gegenüber anderen nicht-monogamen Beziehungsformen

● Interne Herausforderungen eines Polycules, etwa hinsichtlich der Grenzen der eigenen Aufmerksamkeit und Zuwendung, Grenzen von Zeit, Raum und ökonomischen Ressourcen etc.

● Polyamorie und Eifersucht

● Polyamorie, Gender und Identität

● Polyamorie und Ethik

● Externe Herausforderungen eines Polycules, etwa hinsichtlich der Einbettung in soziale, rechtliche und gesellschaftliche Strukturen

● Polyamorie und Fragen der Gerechtigkeit, Polycule-intern wie extern im Zuge gesellschaftlicher Strukturen

Wir freuen uns über Interessenbekundungen zu den obigen oder weiteren passenden Themen bitte kurz per E-Mail an Janina Loh (mail@janinaloh.de) und Michael Kühler (michael.kuehler@kit.edu). Die Beiträge werden wie üblich doppelt blind begutachtet. Deadline für die Einreichung der fertigen Beiträge: 31.01.2023.