„Über Zwang und Unmöglichkeit, Jude zu sein“

Negativistische Anerkennung und Entmenschung bei Jean Améry

Autor:innen

  • Magdalene Hengst Universität Siegen

Schlagwörter:

Anerkennung, Antisemitismus, Folter, Fremdzuschreibung, jüdische Identität, Nationalsozialismus, Objektivierung

Key words:

Antisemitism, Jewish Identity, Nazism, Objectification, Projected Identity, Recognition, Torture

Abstract

Die Erfahrungen der Versehrung des österreichischen Juden, Auschwitz-Überlebenden und Widerstandskämpfers Jean Améry bilden den Ausgangspunkt für eine negativen Anerkennungstheorie, mithilfe derer er Merkmale der Opfer-Existenz im Nationalsozialismus herausarbeitet. Er nutzt dafür die Figur des Anderen, die bei ihm sowohl strukturell als auch konkret vorkommt und die für die Verneinung der Anerkennung eines Subjekts verantwortlich ist. Auf struktureller Ebene analysiert er mithilfe der Kategorie Judesein die erzwungene Fremdzuschreibung, die alle anderen Identitäten auslöscht. Durch Maßnahmen wie den Erlass der Nürnberger Gesetze im Jahr 1935 diente die Kategorie Judesein als Abgrenzung zu der ebenfalls von den Nationalsozialist*innen konstruierten ‘deutschen Norm‘. Auf der konkreten Ebene widmet sich Améry dem Anderen in Form des Folterers und analysiert, inwiefern die Folter im Nationalsozialismus Sadismus als Prinzip statuiert. Ich arbeite in diesem Artikel heraus, dass es beide Dimensionen – die strukturelle wie die konkrete – benötigt, um die Entmenschung von Juden:Jüdinnen im Nationalsozialismus zu erfassen.

Améry stützt sich in seinen Untersuchungen auf die negative Traditionslinie von Anerkennungstheorien, die Hegels Herr-Knecht-Dialektik als Herrschaftsverhältnis verstehen, vor allem auf Sartres Begriffe der freien Selbstwahl und Authentizität. Améry geht dabei aber über die genannten Denker hinaus und es gelingt ihm, problematische ontologische Grundannahmen klassischer Anerkennungstheorien aufzuzeigen, so meine These für diesen Text. Ich argumentiere dafür, dass Amérys Erfahrungen weit mehr sind als ein Beispiel für Sartres und Hegels Theorie. Vielmehr konkretisiert er Hegels Herr/ Knecht-Dialektik sowie Sartres Konzept zur freien Selbstwahl für die jüdische Situation im Nationalsozialismus. Die Philosophen zur Abgrenzung sind dabei nicht willkürlich ausgewählt, sondern ergeben sich aus Amérys Analyse selbst. Er widmet sich beiden, wenn er über die nationalsozialistische Verunmöglichung von Subjektivierung nachdenkt. In der folgenden exegetischen Auseinandersetzung wird sich vor allem auf Amérys Essayband Jenseits von Schuld und Sühne (1966) gestützt, mit einem besonderen Fokus auf die dort enthaltenden Texte Die Tortur und Über Zwang und Unmöglichkeit, Jude zu sein.

English version

Jean Amérys experience of woundedness forms the basis of a theory of negative recognition. The Austrian Jew, Auschwitz survivor and resistance fighter uses this approach to elucidate the characteristics of the victim’s existence under Nazism. To this end, he draws on the figure of the Other, which appears in his work in both structural and concrete terms and which is responsible for the denial of a subject’s recognition. At the structural level, he uses the category of Judesein (‘being Jewish’) to analyse the forced attribution of otherness that erases all other identities. Through policies such as the enactment of the Nuremberg Laws in 1935, the category of Judesein was established as a distinction from the fictional German subject. At the concrete level, Améry focuses on the Other in the form of the torturer and analyses the ways in which torture under Nazism established sadism as a principle. In this article, I argue that both dimensions – the structural and the concrete – are necessary to understand the dehumanisation of the Jews under Nazism.

In his investigations, Améry draws on the negative tradition within theories of recognition – which interpret Hegel’s master-servant dialectic as a relationship of domination – and, in particular, on Sartre’s concepts of free self-choice and authenticity. However, Améry goes beyond these thinkers and highlights problematic ontological assumptions inherent in classical theories of recognition. I argue that Améry’s experiences are far more than merely an illustration of Sartre’s and Hegel’s theories. Rather, he specifies Hegel's master-servant dialectic and Sartre's concept of free self-determination in relation to the Jewish experience under Nazism. The chosen philosophers are not selected arbitrarily, but arise from Améry‘s own analysis, in which he engages with both as he reflects on the Nazi destruction of the possibility of subjectification. The following discussion will draw primarily on Améry’s collection of essays At the Mind‘s Limits (1966), with a particular focus on the texts contained therein: Torture and On the Necessity and the Impossibility of Being a Jew.

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Rubrik

Schwerpunkt: Philosophie und Antisemitismus
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Zitationsvorschlag

Hengst, Magdalene. 2026. “„Über Zwang Und Unmöglichkeit, Jude Zu sein“: Negativistische Anerkennung Und Entmenschung Bei Jean Améry”. Zeitschrift für Praktische Philosophie 13 (1). https://doi.org/10.22613/zfpp/13.1.11.

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