Vom Kreis zum Umkreisen

Antisemitismus und jüdische Alterität bei Derrida

Autor:innen

  • Carl Corleis CAU Kiel

Schlagwörter:

Antisemitismus, Judaismus, Hegel, Dekonstruktion, Schrift

Key words:

Anti-Semitism, Judaism, Hegel, Deconstruction, Writing

Abstract

Derridas späte Hinweise auf die fundamentale Bedeutung der antisemitischen Erfahrungen seiner Kindheit für sein Werk haben mitunter zu den Folgerungen Anlass geboten, seine Philosophie verliere damit ihre allgemeine Gültigkeit. Tatsächlich aber öffnet sich ausgehend von Derridas Thematisierung seiner Antisemitismus-Erfahrung nicht so sehr der Zugang zu einem individuellen Trauma, sondern vielmehr zu einer philosophischen Beschäftigung mit Antisemitismus, die um den Nachweis eines strukturellen Ausschlusses des Jüdischen in der abendländisch genannten Kultur bemüht ist. In Derridas Werk verschränken sich die Frage nach der logisch-metaphysischen Tiefenschicht, in der jener Ausschluss angelegt ist und die Frage nach einer Alterität jüdischen Denkens, welches innerhalb des griechischen Denkens nicht angemessen zur Darstellung gelangen kann. Jene jüdischen Denkmomente bilden bei Derrida Bruchpunkte des Logos, anhand derer eine dekonstruktive Exegese der Philosophie die Revisionsbedürftigkeit vermeintlicher philosophischer Evidenzen aufzeigen und zu einem erweiterten Denken führen kann, welches die strukturelle Marginalisierung der Juden nicht mehr reproduzieren würde.

Als philosophische Beschäftigung mit Antisemitismus, die den Ausschluss der Juden nicht auf historisch-empirische Phänomene reduziert, sondern bis in die Struktur des philosophischen Denkens selbst verfolgt, ist der Ansatz Derridas eine beunruhigende Herausforderung an die Philosophie, die sich hier in ihrem eigenen Wesen problematisiert findet. Als Versuch, in der Sprache der griechischen Philosophie die Gültigkeit dessen aufzuzeigen, was sich der Logik ebenjener Sprache widersetzt, stellt Derridas Beschäftigung mit jüdischen Thematiken zugleich die Frage nach den Möglichkeitsbedingungen einer Eigenbestimmtheit jüdischen Denkens.

Der Aufsatz soll diese noch kaum erforschten Zusammenhänge zugänglich und das systematische Gewicht der Fragen nach Antisemitismus und jüdischer Alterität bei Derrida begreiflich machen. Dabei wird gezeigt werden, wie und warum die Philosophie Hegels in diesem Kontext für Derrida die wesentliche Herausforderung bildet. Sodann soll anhand des in der Grammatologie angedeuteten Zusammenhangs zwischen Ausschluss der Schrift und Ausschluss der Juden ein zentrales Beispiel für den von Derrida aufgewiesenen Zusammenhang von philosophisch-wissenschaftlicher Tradition, Antisemitismus und jüdischer Alterität aufgezeigt werden. Abschließend wird es darum gehen, ausgehend von den aufgezeigten Grundmomenten von Derridas Analyse einen Ansatzpunkt für eine umfassendere Untersuchung zu markieren.

English version

Derrida‘s later references to the fundamental significance of his childhood experiences of antisemitism for his work have sometimes led to the conclusion that his philosophy thereby loses its general validity. In fact, however, Derrida‘s discussion of his experience of antisemitism opens up not so much access to an individual trauma as to a philosophical engagement with antisemitism that seeks to prove the structural exclusion of Jewishness in so-called Western culture. Derrida‘s work intertwines the question of the logical-metaphysical depth layer in which this exclusion is embedded with the question of the alterity of Jewish thought, which cannot be adequately represented within Greek thought. For Derrida, these Jewish moments of thought constitute breaking points in the logos, on the basis of which a deconstructive exegesis  of philosophy can reveal the need to revise supposed philosophical evidences and lead to an expanded way of thinking that would no longer reproduce the structural marginalisation of Jews.

As a philosophical examination of antisemitism that does not reduce the exclusion of Jews to historical and empirical phenomena, but traces it back to the structure of philosophical thought itself, Derrida‘s approach poses a disturbing challenge to philosophy, which finds itself problematised in its own essence. As an attempt to demonstrate, in the language of Greek philosophy, the validity of that which defies the logic of that very language, Derrida‘s engagement with Jewish themes simultaneously raises the question of the conditions of possibility of the self-determination of Jewish thought.

This article aims to make these as yet little-researched connections accessible and to clarify the systematic weight of questions about antisemitism and Jewish otherness in Derrida‘s work. It will show how and why Hegel‘s philosophy poses the essential challenge for Derrida in this context. Then, based on the connection between the exclusion of writing and the exclusion of Jews suggested in Of Grammatology, a central example of the connection between philosophical-scientific tradition, antisemitism and Jewish otherness pointed out by Derrida will be presented. Finally, based on the fundamental elements of Derrida‘s analysis outlined above, a starting point for a more comprehensive investigation will be marked.

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Rubrik

Schwerpunkt: Philosophie und Antisemitismus
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Zitationsvorschlag

Corleis, Carl. 2026. “Vom Kreis Zum Umkreisen: Antisemitismus Und jüdische Alterität Bei Derrida”. Zeitschrift für Praktische Philosophie 13 (1). https://doi.org/10.22613/zfpp/13.1.10.

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