Antisemitismus als Pathologie der Erkenntnis
Schlagwörter:
Antisemitismus, Vernunft, Dialektik, Materialismus, PathologieKey words:
antisemitism, reason, dialectic, materialism , pathologyAbstract
In dem Artikel sollen die gegenwärtigen Bedingungen des Antisemitismus über die Vermittlung von erkenntnistheoretischen Fragestellungen mit sozialphilosophischen Perspektiven gefasst werden. Ausgangspunkt ist die These, dass Antisemitismus als „Pathologie der Erkenntnis“ verstanden werden muss – als Ausdruck einer deformierten Vernunft, die um das Befreiungsversprechen der Aufklärung betrügt. Der erste Teil des Artikels zeichnet nach, wie die von Theodor W. Adorno und Max Horkheimer verfasste Dialektik der Aufklärung Antisemitismus aus der Immanenz von Aufklärung heraus begreift und diesen also nicht als Rückfall in voraufklärerische Irrationalität, sondern als Produkt eines spezifischen Prozesses rationaler Selbstbehauptung der Menschen gegen die Natur versteht. In diesem Prozess verwandelt sich die ursprünglich befreiende Kraft der Vernunft in ein Prinzip der Herrschaft über äußere wie über innere Natur. Vernunft entfremdet sich von ihrem Ursprung und ihrem Befreiungsversprechen, wo sie das sinnlich-leibliche Moment des Erkennens abspaltet und Erkenntnis auf Nützlichkeit und Kontrolle reduziert. In seiner Depotenzierung zum Werkzeug der Selbsterhaltung wird das Denken anfällig dafür, in den Dienst falscher Projektion gestellt zu werden, die im Antisemitismus einen wahnhaften Zug annimmt. Was im Subjekt verdrängt wird, kehrt als Bedrohung von außen wieder. Antisemitismus wird dann als Symptom einer deformierten Vernunft und Kulminationspunkt einer epistemischen Pathologie lesbar, in der die Vermittlung des Verhältnisses von Subjekt und Objekt, Vernunft und Natur misslingt. Der zweite Teil des Artikels begründet, warum diese Pathologie ihrerseits untertheoretisiert bleibt, wenn die erkenntnistheoretische Analyse nicht mit sozialphilosophischen Überlegungen vermittelt wird. Nur so kann es im Sinne jenes von der älteren Kritischen Theorie eingeforderten interdisziplinären Materialismus gelingen, die Situierung der Vernunft als deren innere Formbestimmung durchsichtig zu machen. Die Darstellung der Vollzüge, in die Vernunft eingebettet bleibt, muss dabei insbesondere die Bedingungen und Weisen von Vergesellschaftung in den Blick nehmen. Antisemitismus als Pathologie der Erkenntnis kann dann einerseits transhistorisch als Ausdruck jener Vernunft bestimmt werden, die aus Mangel und Furcht hervorgegangen ist, und andererseits historisch spezifischer als verkehrte Rebellion gegen die Zumutungen und Entsagungen gegenwärtiger Vergesellschaftung verstanden werden, die zugleich falsche Aufklärung über diese Entsagungen betreibt. Abschließend erfolgt eine Reflexion darauf, wie diese Überlegungen sich als instruktiv für das Verständnis aktueller Erscheinungsformen von Antisemitismus erweisen können und welche praktischen Implikationen sie in sich tragen.
The article seeks to conceptualize the contemporary conditions of antisemitism by mediating epistemological questions with social-philosophical perspectives. Its point of departure is the thesis that antisemitism must be understood as a “pathology of cognition” – as an expression of a deformed reason that betrays the Enlightenment’s promise of emancipation. The first part of the article reconstructs how Theodor W. Adorno’s and Max Horkheimer’s Dialectic of Enlightenment conceives antisemitism from within the immanence of Enlightenment itself, and thus does not interpret it as a relapse into pre-Enlightenment irrationality but as the product of a specific process in which human beings assert themselves rationally against nature. In this process, the originally emancipatory force of reason is transformed into a principle of domination over both external and internal nature. Reason becomes alienated from its origin and its emancipatory promise insofar as it splits off the sensuous-corporeal dimension of cognition and reduces knowledge to utility and control. Through its depotentiation into an instrument of self-preservation, thought becomes susceptible to being placed in the service of false projection, which assumes a delusional character in antisemitism. What is repressed in the subject returns as an external threat. Antisemitism thereby becomes legible as a symptom of deformed reason and as the culminating point of an epistemic pathology in which the mediation of the relation between subject and object, reason and nature, fails. The second part of the article argues that this pathology itself remains undertheorized if epistemological analysis is not mediated with social-philosophical reflection. Only in this way, in the sense of the interdisciplinary materialism demanded by the early Critical Theory, can the situatedness of reason as its internal determination of form be rendered transparent. The account of the practices within which reason remains embedded must, in particular, take into view the conditions and modalities of socialization. Antisemitism as a pathology of cognition can then be grasped, on the one hand, in a transhistorical sense as an expression of that reason which has arisen from scarcity and fear, and, on the other hand, in a more historically specific sense as a perverted rebellion against the burdens and renunciations imposed by capitalist forms of socialization, which simultaneously produce a false explanation about these renunciations. The article concludes with a reflection on how these considerations may prove instructive for understanding contemporary manifestations of antisemitism and what practical implications they entail.
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